US-Autorin Valerie Wilson Wesley über die harte Präsidentenwahl, die Stadt Newark, den unverwüstlichen Optimismus in ihrer Heimat.
Der Bush-Sieg aus der Perspektive von New Jersey
Wie würde Tamara Hayle, die hart gesottene und doch warmher zige Heldin ihrer Detektiv-Ro mane, auf die Wiederwahl von George Bush reagieren? Valerie Wilson Wesley lacht: "Tamara sagt wahrscheinlich: ,Regierung ist Regierung, und mein Leben ist mein Leben. Ich habe immer überlebt. Es wird mich nicht so sehr tangieren.' Wichtig im Leben ist die Familie, das eigene Glück, nicht das, was in Washington vor sich geht. Machen wir also weiter." Sie hätte aber sicher, verrät ihre Schöpferin, so wie sie den Demokraten John Kerry gewählt.
Spielte die Hautfarbe bei einer derart polarisierten Wahl noch eine Rolle? "Vergessen Sie nicht, dass in dieser Regierung zwei Afroamerikaner sitzen - Condoleezza Rice und Colin Powell. Man kann Bush in dieser Hinsicht also keinen Vorwurf machen. Ausgesprochen kritisch wird in meinem Umfeld nur der Irak-Krieg gesehen. Da würde meine Heldin dagegen protestieren. Ihr Sohn ist ein Teenager und könnte zum Militär eingezogen werden. Sie ist eine allein erziehende Mutter, das zählt zu den schwer zu bewältigenden Aufgaben unserer Gesellschaft."
Wilson Wesley hat ihre Kindheit in Spanien und Deutschland verbracht. Deshalb hat sie auch Verständnis für die einseitige europäische Rezeption der US-Wahlen, die von einem gespaltenen Amerika ausgeht: "Es hat in der Tat eine Polarisierung stattgefunden, wie ich sie noch nie erlebt habe. Es war wirklich schmerzhaft. In Florida wurde Katherine Harris (jene Innenministerin, die im Jahr 2000 das umstrittene Wahlergebnis ihres Bundesstaates präsentierte) von einem verrückt gewordenen Mann mit dem Auto angefahren. Diese Wahlkampagne hat uns sehr bitter gemacht. Jetzt ist man aber froh, dass es vorbei ist. Wir sind nur ein Land und haben keine andere Wahl."
Billige Harmonie sollte aber nicht sein. "Wir müssen genau schauen, was diese Regierung im Bereich der Sicherheit macht, ob sie die Bürgerrechte weiter einschränkt. Das ist gar keine Frage: Wenn ich die Macht hätte, würde ich den ,Patriot Act' abschaffen. Demokratie ist immer zerbrechlich, man muss sich über sie immer Sorgen machen." Eines habe die Wahl gezeigt: Wie wichtig es sei, seine Stimme abzugeben. "Es hat eine Entscheidung gegeben, und wir müssen das akzeptieren, den Konsens finden. Wir bedürfen nun der Heilung, der Versöhnung." Weil die Republikaner so viel Macht haben, wie schon lange nicht, müsse man wachsam sein. "Wir Amerikaner sind verantwortlich dafür, dass wir unsere Rechte, die Freiheit, die Demokratie hüten."
Was macht die Stärke und die Schwäche ihres Landes aus? Wilson Wesley: "Nehmen wir wieder meine Roman-Heldin - sie ist eine kleine Geschäftsfrau. Die könnte in dieser Hinsicht sogar eine Republikanerin sein, wenn sie nicht so progressiv wäre. Was sind ihre Probleme? Die hohe Kriminalitätsrate, die Gangs in den Städten, die Defizite im Gesundheitswesen. Das alles aber wird mehr als aufgehoben durch das Geschenk der Möglichkeiten, das gibt uns Amerikanern Energie. Wir trauen uns viel zu, auch in harten Zeiten. Als ich ein junges Mädchen war, hatte ich noch unter der Rassentrennung zu leiden. Ich war Teil der Bürgerrechtsbewegung, wir waren sehr radikal. Wer hätte damals gedacht, dass heute Afroamerikaner in die Regierung kommen?"
Wer hätte aber auch gedacht, dass es in Afghanistan Wahlen geben werde, bei denen auch Frauen abstimmen können. "Es ist nicht alles schlecht, was diese Regierung gemacht hat", sagt die Autorin - und fügt verschmitzt hinzu, "jedenfalls sagt man uns das immer wieder."
Valerie Wilson Wesley hat am Montagabend im Wiener Amerikahaus aus ihrem Roman "Dying in the Dark" gelesen. Die Krimis der afroamerikanischen Autorin erscheinen auf Deutsch im Diogenes-Verlag. Im Mittelpunkt der Romane steht die schwarze Privatdetektivin Tamara Hayle.