Mythisch-verklärt oder ironisch- gebrochen wird das "Fremde" in der Literatur dargestellt. Hans Höller und Christoph Leitgeb zeigen dies am Beispiel Japan.
Japan ist in der österreichischen Literatur wieder so populär wie zuvor vielleicht nur im fin de siècle, etwa im Kreis um Peter Altenberg. Gerhard Roth, Peter Rosei, Margit Schreiner, Elisabeth Reichart oder Ingram Hartinger - alle scheinen vom Phänomen "Japan" fasziniert zu sein. Dabei fällt eine Zwiespältigkeit im Ton auf: Ist eine Kultur sehr exotisch, liegt nicht nur die mythische Verklärung nah, sondern auch die ironische Distanzierung. Gibt es einen Zusammenhang von Ironie und der Wahrnehmung kultureller Fremdheit? Diese Frage stellen sich Hans Höller und Christoph Leitgeb von der Universität Salzburg im Rahmen eines Projekts des Forschungsförderungsfonds.
Ein Beispiel: Im japanischen Puppentheater "Bunraku" tragen Puppenspieler (das sind die Männer, die die Puppen bewegen) schwarze Kapuzen über dem Kopf. Sie werden auf der Bühne nicht gesehen, trotz ihrer für Fremde unübersehbaren Anwesenheit. Kann eine Person sichtbar und doch nicht bühnenpräsent sein? Natürlich nicht, scheint uns. Doch hinter diesem "natürlich" verbirgt sich die eigene kulturelle Konvention, die sichtbar wird, wenn wir Fremdes erfahren. Ein Mythos entsteht - so die Theorie von Roland Barthes - dadurch, dass wir etwas Sozial-Konstruiertes als Vertraut-Natürlich darstellen. Leitgeb: "Ironie entblößt den Mythos: sie stellt das Vertraut-Natürliche in Frage. Es wird dann klar, dass die An- oder Abwesenheit der Figur auf der Bühne vom kulturellen Konsens abhängt."
Um das Fremde literarisch darzustellen, um sich davon zu distanzieren oder sich damit zu identifizieren, bedienen sich Autoren der Formen der Ironie oder des Mythos, lautet die These der Wissenschaftler. Der mythische Blick auf das Fremde kommt oft einer verklärten Exotik gleich.
"Werden etwa die Geishas zum Mythos stilisiert, betrachtet man sie quasi wie ein Naturereignis und blendet die dazugehörende Geschichte und deren Problematik aus. Mythen maßen sich die kulturelle Unhinterfragbarkeit innerhalb eines Rahmens an, sie wollen gegen Kritik immunisieren", meint Leitgeb. Anders die Ironie: Sie resultiert aus einer Gegenüberstellung des eigenen und des fremden Standpunkts, sie lebt davon, durch Konvention gemachte Natürlichkeit mit verfremdendem Blick aufzudecken.
Das nur "Fremde" wirkt nicht ironisch ohne den Rückbezug auf das Eigene. Leitgeb: "Was sich essen lässt und was nicht, scheint in einer Kultur zu einem Großteil natürlich. Verspeist ein Japaner in Thailand Tausendfüßler in Schnaps, so ist das für Europäer nur befremdlich. Nehmen sie aber das Grauen von Japanern wahr, denen in einem französischen Luxusrestaurant gebackenes Kalbshirn aufgetischt wird, so geht von dieser Szene ironische Wirkung aus."
Ironie als vorherrschendes Stilmittel verwenden vor allem profunde Japan-Kenner: Etwa Adolf Muschg in seinem Roman "Im Sommer des Hasen" oder Sofia Coppola in ihrem Film "Lost in Translation". Andere, die nur kurze Japan-Erfahrungen gemacht haben, neigen eher zu einer scheinbar wertfreien Darstellung immer neuer Eindrücke. So läuft der Held von Gerhard Roths Roman "Der Plan" ziemlich unbedarft durch Japan - seine Erlebnisse gleichen einer Ansammlung schwer zu deutender Zeichen.
Löst Ironie wirklich jede Form der Gewissheit auf? Wer beherrscht die Ironie noch als Autor, wer wird zu welchem Preis zum Opfer der Ironie und wer der Adressat, der sie durchschauen soll? Die Antworten auf diese Fragen sollen sich im Projekt von Höller und Leitgeb in der konkreten Interpretation von Texten bewähren.
Christoph Leitgeb hat sich aber nicht nur literarisch mit Japan auseinander gesetzt. Während eines dreijährigen Osaka-Aufenthalts hat er auch eigene - psychologische - Beobachtungen zur Ironie angestellt. Fazit: Europäer bedienen sich in Japan vor allem dann der Ironie, wenn sie sich einer Situation nicht gewachsen, gleichzeitig aber intellektuell überlegen fühlen.