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Das Es und das Ich

Einige Mitglieder der Grammatikfamilie.
Einige Mitglieder der Grammatikfamilie.Youtube (Screenshot)
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Dass es für nonbinäre Menschen keine genderlosen Fürwörter und Artikel in der klassischen deutschen Sprachfamilie gibt, ist das neue Modethema. Dabei ist die Lösung so nahe: Er/sie/sein/ihr/der/die etc. haben doch bekannte Geschwisterchen.

Im Zuge des Song Contest, den kürzlich in der friedlichen schwedischen Wohlfühlstadt Malmö die Schweiz gewonnen hat, fing also eine lustige Debatte an. Denn der Sieger, ein junger Paradiesvogel namens Nemo, definiert sich als nonbinär, also weder als Männlein noch Weiblein sondern als irgendwas dazwischen oder darüber oder so, wie auch immer.

Nemo hat also den Song Contest in Malmö gewonnen. Schon schön.
Nemo hat also den Song Contest in Malmö gewonnen. Schon schön.Reuters

Solche Leute mögen, um im Deutschen zu bleiben, mitunter die üblichen orthodoxen Pronomina (Fürwörter) wie er, sie, sein, ihr und Artikel wie der/die für ihre eigene Person nicht so recht, also behirnen diverse akademische und publizistische Blasen, was man denn aufgrund dieses gesellschaftlich so verbreiteten Phänomens alternativ sagen könnte. Leider habe das Deutsche keine (geschlechtlich) neutralen Fürwörter statt, in der Basisvariante, er/sie, las ich zum Beispiel.

Echt? Und was ist mit „es“? Woher hat das Neutrum denn sonst den Namen? Und „Der, die, das“, tönt es im „Sesamstraße“-Song. Laut Grammatik sind es/das sächlich, also neutral, eine beleidigende persönliche Verdinglichung muss man darin aber nicht zwingend sehen wollen. Es heißt ja etwa das Kind, das Mädchen, das Brüderchen, das Wunder Mensch, und wenn ein solches sein wahres Ich sucht, so ist das Ich auch ein Neutrum, eine Sache. Und keinem tut’s weh.

Habt doch Mut zum Es, weil es auch ein Goldstück sein kann, ein Herz, ein Feuerwerk, ein Rettungsboot, ein Ein und Alles, ein Vorbild, ein Universum, laut Freud ein Teil der menschlichen Psyche.

Im Englischen gibt’s auch die Möglichkeit, die Pluralfürwörter they (sie) und them (sie, ihnen, sich, diese, diejenigen) auf Individuen an­zuwenden. Dieses Singular they ist sogar uralt, man meint damit unbekannte/unbestimmte Personen und hat es heute auch für Nonbinäre adaptiert. Irgendwie klingt das ja nach einem Derivat des Pluralis Majestatis, bei dem es um Respekt, Würde und Vielfalt in der Einheit geht. Nun ja, wenn man schon im Narzissengarten unterwegs ist, scheint das wohl angemessen. (wg)

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