Gradmesser

Ein paar Pariser Zentimeter für Wien

Radfahrerin entlang der Seine in Paris.
Radfahrerin entlang der Seine in Paris. Imago / Abdullah Firas/abaca
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Paris, das neue Dorado für Radler – stimmt das? Eine Feldstudie zwischen Croissants und Wein.

Auch wenn es aufregend ist, neue Plätze zu entdecken: Ich fahre fast genauso gern in Städte, die ich schon kenne. Überlaufene Sightseeing-Hotspots kann man so getrost links liegen lassen. Es ist genug Zeit, sich statt durch Touristenmassen durch die regionalen Süßspeisen – oder die Weinkarte – zu arbeiten.

So ungefähr sah das vergangene Wochenende in Paris aus. Nur eines stand definitiv auf der To-do-Liste: Radfahren! Seitdem die sozialistische Politikerin Anne Hidalgo vor zehn Jahren Bürgermeisterin wurde, soll die Metropole zu einem Rad-Dorado geworden sein, sodass die Pariser mittlerweile lieber ihre Autos stehen lassen. Damit nicht genug: 170.000 Bäume wollte man bis 2026 pflanzen, weichen sollten dafür parkende Autos, am besten SUVs.

Die viertägige Feldstudie ergab: Ein Dschungel ist Paris noch nicht. Wo die ganzen Bäumchen hingekommen sind, ist unklar. Vielleicht in die Banlieues? Oder man macht es wie in Wien und zählt zu den angekündigten Neuen auch die bei Fällungen ohnehin vorgeschriebenen Ersatzpflanzungen dazu.

Beim Radeln war das Bild ebenfalls durchwachsen: Klar, das Flitzen durch den einstigen Schnellstraßentunnel entlang der Seine war cool, stressige Kreuzungen gibt es aber immer noch.

Der wahre Wert der Pariser Umgestaltung wurde erst im direkten Vergleich klar: Zur Nahtoderfahrung – ein Überholmanöver mit wenigen Zentimeter Abstand – kam es erst wieder im Wiener Frühverkehr. In Paris hat man die Rad- von den Autofahrern auf fast jedem Boulevard getrennt – mit wenigen Zentimeter hohen Abtrennungen.

Wenige Zentimeter, die es ausmachen. Sie sind, so die Vermutung, außerdem schnell aufgebaut. Ganz im Gegensatz zu Wien, wo neuen Radwegen erst langwierige und kostspielige Umgestaltungen vorangehen müssen.

Von diesem Pariser Pragmatismus, der der rasanten Geschwindigkeit der Klimakrise zumindest ansatzweise gerecht wird, könnte sich Wien zumindest ein paar Zentimeter abschneiden.

E-Mail: teresa.wirth@diepresse.com

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