Kunst & Wert: Tiefe Schnitte ins Fleisch

Warum der Schönheitschirurg der logische TV-Held von heute ist: Ein Versuch über Biologie und Ökonomie.

E
rst hieß es, vor mehr als zehn Jahren schon, wir müssen die Gürtel enger schnallen, abschlanken. Der Speck muss weg, wirbt eine Telefongesellschaft (siehe S. 30). Dann kamen die tiefen Einschnitte, ins - angeblich - allzu wohlig wuchernde Fleisch des Wohlfahrtsstaats . . .

Auch politische Metaphern wollen mit Leben erfüllt sein, zu Fleisch werden. So ist Schönheitschirurgie - Achtung: nicht die plastische Chirurgie, die Versehrten hilft! - heute das logische Prime-Time-Thema für televisionäre Unternehmen, die nicht an Seher-Zahlen abspecken wollen, auch für den ORF. In "Beauty Queen" sind Schönheitschirurgen die Helden: Produzenten der Fitness (im darwinistischen, im Grunde tautologischen Sinn: Wer fitter ist, pflanzt sich mehr fort, wer sich mehr fortpflanzt, ist fitter), genauer: des Scheins der Fitness.

Denn Schönheit ist, sagt die Biologie, die Summe von Merkmalen, die auf Fitness weisen. Regelmäßige Gesichter, volle Brüste, flache Bäuche: Signale, die Wert ausdrücken und daher - wie Geld - Wert besitzen. Klar, dass sie sich in Geld umrechnen lassen: Der Schönheitschirurg ist die Wechselstube, er tauscht Geld gegen Schönheit um, in einem blutigen Vorgang, den das TV uns nicht vorenthalten darf, das aus den Schnitten quellende Blut beglaubigt die Echtheit.

Eine sekundäre Echtheit. Denn zugleich ist der Schönheitschirurg Handlanger einer Täuschung: Die Gesichter, Brüste, Bäuche, die er modelliert hat, sind weniger wert als die natürlich gewachsenen. Nicht nur den Biologen, die darauf hinweisen, dass diese Werte nicht genetisch fixiert (und daher nicht via Fortpflanzung in die nächste Generation transportabel) ist, sondern uns allen. Zu welchem Unterscheidungszwang das führt, illustriert die Existenz eines Männermagazins namens "Perfect 10", das seinen Konsumenten verspricht, dass die Brüste, die es enthüllt, ihre Gestalt nicht chirurgischen Künsten verdanken. Rührend naiv in Zeiten der Computer-Retuschen.

Doch auch die künstlichen Signale verkörpern einen Wert: schlicht des Geldes, das ihre Herstellung gekostet hat. Sie zeigen zumindest, dass ihr Träger sie sich leisten kann. Sie können, um es wieder im Biologen-Idiom zu sagen, als "Handicap" dienen.

Viele Tiere zeigen Signale, die ihren Wert daraus beziehen, dass sie kostbar sind im Sinn von: Sie haben viel gekostet, Energie, die dann für Existenzielleres fehlt, etwa fürs Immunsystem. Die Hirsche, die ihre Energie in ihr Geweih stecken, sterben nach den Schaukämpfen nicht nur an ihren Wunden, sondern vor allem an Immunschwäche.

Ähnlich lässt sich eine zweite aktuelle Obsession unserer Zivilisation verstehen: die Tätowierungen und, tiefer schneidend, die Piercings. Freilich, sie transportieren kulturelle Inhalte und Gruppenzugehörigkeiten, aber vor allem schreien sie: Ich habe ein so gutes Immunsystem, ich kann es mir leisten, es durch Metall zu strapazieren, das ich mir durch Haut, ja: Schleimhaut bohre!

So steht die Parade von Silikon-Busen und Zungen-Piercings, gestrafften Stirnen und ausgesaugten Bäuchen für eine hysterisch beschleunigte Werte-Produktion, angefacht durch Unsicherheit: Wer weiß, was ich in 20, 30 Jahren noch verdienen werde? Was mein äußerer Besitz noch wert sein wird? Was ich in der Haut, im Körper trage, ist mir sicher: eingefleischte Investition. Ganz unzynisch: Es wäre geheuchelt, zu behaupten, dass sie sich nicht auszahlen, auf dem Markt der Geschlechter und der Arbeit. Pamela Anderson wäre ärmer ohne Silikon. Diese Investition hat sich gelohnt.

Reden wir hier nicht über geplatzte Silikon-Kissen (eine Investition bedeutet immer Risiko, das hat man uns beigebracht): Das tragische Scheitern des Körper-Upgradings illustrieren am besten die verblassten, ins Bläuliche verfärbten, mit der Haut gerunzelten und/oder zerdehnten Alt-Tätowierungen. Der Versuch ihrer Beseitigung wird bereits zum einträglichen Berufszweig. Denn binnen 20, 30 Jahren haben diese Signale ihre Aussage umgekehrt: Sie bezeugen nicht mehr Fitness, sondern Alter, gestiegene Todesnähe. Und der Tod entwertet jeden Körper. Reißt ihn vom Markt. Radikal.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.