Mein Freitag

Hinter dir die Schlange oder das letzte Eis

Beneidet man Menschen, die nie ein schlechtes Gewissen haben? Ein bisschen.

Schlechtes Gewissen kann man in großem, aber auch in winzig kleinem Rahmen haben, eigentlich eignet sich alles für dieses Gefühl. Man kann also ein schlechtes Gewissen haben, dass unsere Generation nicht mehr für die Umwelt getan hat, gleichzeitig aber auch die nächste Generation zu so viel Selbstbewusstsein erzogen hat, uns das mehrmals täglich vorzuwerfen, während sich Berge von halb ausgetrunkenen Plastikflaschen und Energy-Drink-Dosen im Wohnzimmer stapeln. Früher schauten vielleicht die Kinderzimmer zum Fürchten aus, heutzutage sind diese picobello aufgeräumt (sieht man ja als Hintergrund auf Selfies oder beim Telefonieren), dafür sind die sogenannten Gemeinschaftsräume total zugemüllt.

Schlechtes Gewissen sei eine katholische Spezialität, es reiche schon, in einem katholisch geprägten Land aufzuwachsen, meinen meine preußisch geprägten deutschen Freunde, die tatsächlich erstaunlich kaltschnäuzig das letzte Steak vom Grill essen und heimwärts eilen können, wenn sie an der Reihe wären, eine Runde zu zahlen. Oder in letzter Minute absagen: „Du, ne, keinen Bock, sorry!“ Das würde unsereins selten passieren. Sogar beim Song Contest gibt man dem deutschen Nachbarn Punkte, als ob dies umgekehrt je passieren würde.

Bei großen Angelegenheiten zeugt schlechtes Gewissen zumindest von Vorhandensein eines Verantwortungsgefühls oder Moral, wie immer man das nennen will. Auch wenn es nichts ändert, sich schlecht zu fühlen, außer es treibt dann auch zu Handlungen an. Bei den lächerlichen, kleinen Anlässen fühlt man sich einfach nur neurotisch. Etwa wenn sich wegen des Kaufs eines Kohlensäurezylinders eine Megaschlange im Supermarkt bildet. Oder man das letzte Jolly aus der Vorratspackung im Eisfach der Redaktion nimmt. Andere tun das auch und lassen sogar noch die leere Schachtel drin, um ihre Tat zu verbergen. Wahrscheinlich ging es ihnen schlecht dabei. Möglicherweise hat es ihnen aber auch einfach nur gut ­geschmeckt.

Mails: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

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