Fernsehen: Verzweiflung inklusive

Die neue TV-Kultserie in den USA, "Desperate Housewives", dreht sich um vier Hausfrauen und ihre alltäglichen Probleme.

I
n Berlin nennt man sie "Grüne Wit wen". Jene Frauen, die in den noblen Villenvierteln mit riesigen Gärten le ben, während ihre Karrieremänner jeden Tag zur Arbeit in die Stadt fahren. In den USA sind es die "Soccer Moms", die Fußball-Mütter, die ihre Töchter (die Buben spielen Football oder Baseball) zum Fußball-Training fahren, im Kindergarten oder der Schule mitarbeiten, das Haus im Wettstreit mit den Nachbarn der Jahreszeit entsprechend dekorieren (derzeit weichen die Halloween-Skelette den Tannenzweigen und Lichterketten), kurz: die ihren Alltag in der Vorstadt mit ähnlich viel Stress verbringen wie ihre Männer in der Arbeit.

In einer Nation von Vorgärten- und Doppelgaragen-Besitzern - von den fünf Millionen Bewohnern des Großraums Washingtons leben nur knapp 600.000 in der Stadt, der Rest in kleinen Vororten - ist es nur logisch, dass man diesem Leben eine eigene Fernsehserie widmet. "Desperate Housewives" heißt die neue Kultsendung auf ABC, die jeden Sonntag mehr als 25 Millionen Menschen vor den Fernsehschirm lockt.

Was die Serie so erfolgreich macht ist zweifellos, dass sich jede amerikanische Frau in einer der vier Hauptdarstellerinnen wiederfinden kann. Da ist einmal die Mutter von drei hyperaktiven Buben: Sie ist heillos damit überfordert, ihre Kinder, den Haushalt, die freiwillige Mitarbeit im Schulkomitee zu bewältigen. Also schluckt sie die Beruhigungsmittel, die sie ihren Buben gibt und die bei ihr aufputschende Wirkung haben. Das kommt ziemlich nah an die Realität: Laut Studien nehmen zehn Prozent der Amerikaner Aufputschmittel.

Der zweite Charakter ist eine übergenaue Hausfrau, die eine perfekte Familie, ein perfektes Haus, einen perfekten Garten, ein perfektes Leben haben will. Mit ihrer Art treibt sie die zwei Kinder allerdings in den Wahnsinn und ihren Ehemann vor den Scheidungsanwalt. Nach außen versucht sie hingegen weiter, das Bild der trauten Familie zu mimen.

Nummer drei ist eine junge Singlemutter auf der Suche nach einer neuen Liebe. Die scheint sie in einem feschen aber obskuren Nachbarn gefunden zu haben, dem sie sich jedoch äußerst unbeholfen nähert. Die letzte im Bund der verzweifelten Hausfrauen ist eine attraktive Spanierin: Weil ihr beruflich erfolgreicher Mann nie zu Hause ist, fängt sie sich - sehr klassisch - eine Affäre mit ihrem Gärtner an.

Zusammengehalten werden die Geschichten der vier Nachbarinnen von einer Stimme aus dem Jenseits: Eine Frau hat sich nämlich zu Beginn der Serie erschossen und berichtet nun, wie das Leben für ihre vier Freundinnen weitergeht. Spannung bauen die Serienmacher von ABC damit auf, dass in jeder Folge neue und immer merkwürdigere Hinweise auftauchen, die mehr hinter dem Selbstmord vermuten lassen als nur eine simple Verzweiflungstat.

Das Leben in der Vorstadt schildert die Serie akkurat, wenn auch zynisch überzeichnet. Da lieferte sich beispielsweise in der letzten Folge eine Nachbarin mit der Perfektionistin einen Kampf um den schöneren Vorgarten. Was auch immer sie aber tut, sie hat keine Chance. Bis eines Tages ein dehydrierter Jogger auf ihrem Rasen zusammenbricht. Sie karrt den leblosen Körper in einer Schubkarre auf das Grundstück der Nachbarin und ruft die Rettung. Als Ärzte, Sanitäter und Polizisten wieder abrücken, ist der perfekte Rasen der Nachbarin ein einziges Schlachtfeld.

Eigentlich ist "Desperate Housewives" nur die logische Fortsetzung der früheren TV-Kultserie "Sex and the City", in der vier Stadtfrauen den Mann fürs Leben suchen und sich bis dahin mit mit den Mühen der Suche begnügen. "Desperate Housewives" zeigt hingegen, was aus verheirateten "Sex-and-the-City"-Frauen wird.

Der Sprung der Erfolgsserie nach Europa ist jetzt nur mehr eine Frage der Zeit. In der Chefetage des ORF wurden jedenfalls schon die ersten Bänder gesichtet.

Nicolette Sheridan spielt Singlefrau Eddie. [Foto: ap]

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