Klimakommunikation

Alarmistische Zeitungsberichte machen hoffnungslos

Wie aufrütteln? Kann die mediale Debatte als Werkzeug genutzt werden, um nachhaltige Handlungen voranzutreiben und Existenzängste zu überwinden?
Wie aufrütteln? Kann die mediale Debatte als Werkzeug genutzt werden, um nachhaltige Handlungen voranzutreiben und Existenzängste zu überwinden?Imago / Martin Müller
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Wird in Österreichs Zeitungen über Klimaschutz berichtet, so herrscht meist ein negativer Grundtenor vor. Das ergab eine Medienanalyse der Uni Graz. Darauf aufbauend interessiert die Forschenden nun, wie Klimanachrichten nachhaltiges Handeln fördern können.

War es das Foto von der Schildkröte, die sich schmerzhaft in einem Plastik­sackerl verheddert hat? Oder die Reportage über indische Kinder, die Müllberge nach Kunststoffverpackungen für ein paar Rupien durchstöbern? Oder vielleicht das Interview mit der Materialwissenschaftlerin, die kein gutes Haar an der ressourcen- und energieintensiven Herstellung von Papiertragetaschen gelassen hat? Irgendwann jedenfalls fand das Mehrwegsackerl, das sich klitzeklein zusammenfalten lässt, einen fixen Platz in der Handtasche – und machte damit das Extrasackerl bei der Kassa obsolet.

Warum wird existenzielle Bedrohung negiert?

Wie Klima(-wandel-)nachrichten und die öffentliche Klimadebatte unser Verhalten tatsächlich beeinflussen, wollen Forscherinnen und Forscher der Uni Graz im vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt „Reason“ herausfinden. Übergeordnetes Ziel ist, die mediale Debatte als Werkzeug zu nutzen, um nachhaltige Handlungen – vom Verzicht aufs Sonntagsschnitzel bis hin zur Teilnahme an Protesten – voranzutreiben und Existenzängste oder Hoffnungslosigkeit zu überwinden. Es sollen sowohl die sprachliche als auch die gesellschaftlich-diskursive als auch die individuelle Ebene betrachtet werden. „Aus psychologischer Sicht ist interessant: Warum handeln wir noch nicht so, dass wir diese existenzielle Bedrohung unter Kontrolle gebracht haben?“, sagt Projektleiterin Marie Kogler vom Institut für Umweltsystemwissenschaften, sie ist Spezialistin für Computermodellierungen in Hinblick auf ökologische Herausforderungen.

Mal alarmistisch, mal realistisch: Zeitunglesen in der MRT-Röhre

Um der Komplexität der Fragestellung gerecht zu werden, arbeitet sie mit Kolleginnen und Kollegen aus Systemwissenschaft, Sozialwissenschaften, Psychologie, Kommunikationswissenschaft, Linguistik und Natural Language Processing (Verarbeitung natürlicher Sprache mittels Machine Learning) zusammen. Neben einer Medienanalyse über einen Zeitraum von zwanzig Jahren sind eine Befragung über Reaktionen auf Klimanachrichten und eine MRT-(Magnetresonanztomografie-)Studie, um unbewusste Reaktionen erfassen zu können, geplant.

Die Probandinnen und Probanden bekommen wahlweise bedrohungs- oder lösungsorientierte Beiträge vorgelegt. Während die eine Gruppe mit emotional-alarmistischen Weltuntergangsszenarien konfrontiert wird, erhält die andere Klimawandelfakten realistisch aufbereitet und kombiniert mit erfolgreichen Maßnahmen, Appellen und Ermutigungen.

88.036 Artikel analysiert

Das Projekt baut auf Vorstudien auf, in denen bereits untersucht wurde, wie in österreichischen Zeitungen über Klimathemen berichtet wird. Kogler und ihr Team stießen dabei auf das interessante Phänomen, dass Klimawandel und Klimaschutz in den 88.036 computerunterstützt analysierten Beiträgen (2002–2021) weitgehend getrennt voneinander diskutiert werden (Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften). Nur jeder zehnte Artikel greift beide Aspekte gemeinsam auf. Eine Vermutung: „Wird der Klimawandel bedrohungsorientiert kommuniziert, ohne Lösungen aufzuzeigen, ist anzunehmen, dass in der Gesellschaft Hoffnungslosigkeit entsteht“, so Kogler. Wachrütteln wird damit zur sprachlichen Gratwanderung, weil Klimakommunikation idealerweise weder Gleichgültigkeit weckt noch Stellvertreterprobleme (Resilienz gegenüber anderen Problemen sinkt) erzeugt.

»Kommentare, Leitartikel, Kolumnen, Reportagen und Interviews sind besonders bedrohungsorientiert formuliert.«

Marie Kogler,

Systemwissenschaftlerin, Uni Graz

Die Analyse von Klimaschutzartikeln in u. a. „Presse“, „Standard“, „Kurier“, „Krone“ und „Salzburger Nachrichten“ zeigte je nach Schwerpunkt recht unterschiedliche Stimmungsbilder. Kogler: „Artikel zu Landwirtschaft, Wohnbau und Verkehr sind weitaus neutraler formuliert als solche, die Innenpolitik und Emissionen betreffen.“ Die Top-drei-Kontexte der Beiträge sind soziale Werte (Meinungsartikel über den gesellschaftlichen Umgang und Emotionen wie Klimaangst und Hoffnung), Innenpolitik (tagesaktuelle Berichte) und Investitionen (Klimaschutz wird oft nur am Rande der Diskussion zu Krisenmaßnahmen wie Bekämpfung der Inflation oder gesellschaftliche Verteilungsfragen eingebettet).

Der Anteil an Artikeln mit einem Schwerpunkt auf Klimaschutz ist bei „Standard“ und „Profil“ am höchsten, bei der „Krone“ am niedrigsten. Generell stehen v. a. in Kommentaren, Reportagen und Interviews negative gesellschaftliche Aspekte im Fokus: „Diese sind besonders bedrohungsorientiert formuliert.“

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