Krieg gegen die Ukraine

Putin will Charkiw „derzeit nicht“ erobern – aber zerstören

Die Lichter gehen aus: Der Charkiwer Wohnbezirk Saltiwka gehört zu den am schlimmsten zerstörten Vierteln im Stadtgebiet.
Die Lichter gehen aus: Der Charkiwer Wohnbezirk Saltiwka gehört zu den am schlimmsten zerstörten Vierteln im Stadtgebiet.Reuters / Valentyn Ogirenko
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Russische Truppen haben im Nordosten der Ukraine ihr Kampfgebiet um fast 70 Kilometer ausgedehnt, räumt die ukrainische Armee ein. Wladimir Putin rechtfertigte seine Offensive indes als Antwort auf ukrainische Gegenschläge.

Die Lage im ukrainischen Nordosten ist weiterhin angespannt. Die ukrainische Armee hat einen massiven Vorstoß russischer Truppen in der Region Charkiw eingeräumt. Die Invasoren hätten ihr aktives Kampfgebiet um fast 70 Kilometer ausgedehnt, sagte der ukrainische Armeechef Oleksandr Syrskij am Freitag. Für die Ukraine ist das Heranrücken russischer Verbände ein ziemliches Problem. Es geht nicht nur um einen Gebietsverlust. Vor allem die Sicherheitslage in Charkiw dürfte sich dadurch weiter verschlechtern.

Bei einer Pressekonferenz anlässlich seiner China-Visite behauptete der russische Präsident Wladimir Putin dagegen, dass die Einnahme von Charkiw „derzeit nicht“ der Plan Russlands sei. Das Eindringen auf ukrainisches Hoheitsgebiet in der Region rechtfertigte er mit der Errichtung einer „Pufferzone“, auf deren angebliche Notwendigkeit er erstmals bei seiner Rede vor der Föderalen Versammlung im März hingewiesen hatte.

Ukraine muss Reserven einsetzen

Putin beschuldigte die ukrainische Armee, die Stadt Belgorod nahe der russisch-ukrainischen Grenze unter Beschuss zu nehmen. „Menschen sterben dort“, sagte er. Auf den Umstand, dass Russlands Angriffskrieg in der Ukraine bereits tausenden Zivilisten das Leben gekostet hat und Moskau seit Monaten die Großstadt Charkiw mit Raketen und Drohnen terrorisiert, ging er nicht ein. Militärexperten gehen davon aus, dass Russland unter derzeitigen Bedingungen Charkiw militärisch nicht erobern kann. Die bisherigen Luftschläge haben allerdings die städtische Infrastruktur und Energieeinrichtungen schon massiv beschädigt.

Die Ukraine wertet die aktuelle russische Offensive als Eskalation und als militärischen Schwächungsversuch. Moskau habe die Offensive gestartet, um die Ukraine dazu zu zwingen, zusätzliche Reservebrigaden einzusetzen, so Syrskij. Er rechnet mit einer Verschärfung der Kämpfe, da sich die Truppen in Kiew auf die Verteidigung in der Region Sumy vorbereiteten.

Stromausfälle auf der Krim

Das russische Verteidigungsministerium in Moskau teilte am Freitag mit, dass in der Nacht 102 ukrainische Drohnen zerstört worden seien. Die russische Schwarzmeerflotte habe zudem sechs Seedrohnen unschädlich gemacht, hieß es weiter. In Folge der Angriffe sei ein Umspannwerk in Sewastopol auf der Krim beschädigt worden, wie der Gouverneur von Sewastopol, Michail Raswoschaew, auf dem Kurznachrichtendienst Telegram erklärte. Raswoschaew kündigte Stromausfälle an. Angesichts der Lage blieben Schulen und Kindergärten geschlossen. Sewastopol ist der Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte. Russland hatte die Krim 2014 annektiert.

Laut dem US-Satellitenunternehmen Maxar wurden bei dem ukrainischen Angriff auf drei Kampfflugzeuge und eine Treibstoffanlage zerstört. Es handle sich um zwei MiG-31-Kampfjets und einen Su-27-Kampfjet auf dem von Moskau kontrollierten Luftwaffenstützpunkt Belbek nahe Sewastopol, teilte Maxar unter Berufung auf Satellitenbilder mit.

Schlag gegen Ölraffinerie in Tuapse

Zudem gelang der Ukraine offenbar ein neuer Treffer auf eine russische Ölraffinerie. Wie es am Freitag auf Telegram hieß, brach nach einem Drohnenangriff ein Feuer in der Anlage in der Stadt Tuapse (Region Krasnodar) aus. In Noworossijsk wurden laut Augenzeugenberichten der Hafen und ein Öldepot getroffen.

Die Ukraine wieder schoss nach eigenen Angaben alle 20 in der Nacht von Russland auf das Land gezielten Drohnen ab. Das Militär meldete die Abschüsse über den Regionen Charkiw, Poltawa, Winnyzja, Odessa und Mykolajiw. In Charkiw sei es während des Angriffs zu vier Explosionen gekommen, schrieb der Bürgermeister der Großstadt, Ihor Terechow. Bei einer Detonation sei ein Feuer ausgebrochen. Dem Regionalgouverneur von Charkiw, Oleh Synjehubow, zufolge wurden fünf Gebäude beschädigt – darunter ein Verwaltungsgebäude.

(ag./som)

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