Sigrid Maurer über den „Dammbruch und Einbruch in die Privatsphäre“. Hier im Tigerpark in Wien-Josefstadt.
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Sigrid Maurer: „Ich bin fassungslos und wütend“

Sie kam von weit links und hielt in den vergangenen Jahren eine Koalition mit der ÖVP zusammen: Grünen-Klubchefin Sigrid Maurer. Wie sehr hat sie sich dadurch verändert? Und was macht die Causa Schilling mit ihr?

„Es gibt tausend Gerüchte über mich – was soll’s?“, meint Sigrid Maurer. Ob sie nun nicht auch enttäuscht sei von Lena Schilling, die entsprechende Gerüchte über sie verbreitet haben soll. „Nein“, sagt Maurer. Sie sei vielmehr enttäuscht, was hier passiert sei: ein „Dammbruch“ nämlich, ein „Einbruch in die Privatsphäre“. Es habe ganze Dossiers über ehemalige Kanzler gegeben, darüber sei nicht berichtet worden. Nun aber werde das Leben einer 23-Jährigen an die Öffentlichkeit gezerrt. „Ich war mit 23 auch kein Kind von Traurigkeit – wenn das alles berichtet worden wäre!“ Was hier passiert sei, sei „ein Bruch mit den bisherigen Gepflogenheiten“. Dass es auch am möglicherweise problematischen Charakter der Lena Schilling gelegen haben könnte, sieht Maurer nicht so: Das seien lediglich Behauptungen und Unterstellungen. „Was über mich schon alles behauptet wurde!“

Es ist Donnerstagmorgen, wir gehen durch den 8. Bezirk – Maurer ist hier zu Hause – in Richtung Parlament, ihrem Arbeitsplatz. Vorbei am kleinen Tigerpark – einer der dort aufgestellten Tischtennis-Tische dient dem Fotografen als Motiv – und dem „Pfeil-Heim“. Mit einem Zwischenstopp in einem Café in der Lange Gasse.

Maurer möchte eigentlich nicht mehr über die Causa Schilling reden, jedenfalls nicht zu viel. Aber sie tut es letztlich doch. Denn Sigrid Maurer regt das sichtlich auf, sie ist empört, versteht die Welt nicht mehr. „Ich bin fassungslos“, sagt sie und „wütend“. So massiv habe sie die aus ihrer Sicht gezielte Kampagne gegen Lena Schilling nicht erwartet. Sie sei eine „talentierte Politikerin“ und auch in der jetzigen Situation „unglaublich stark“. Und außerdem: „Warum sollen junge Frauen nicht auch einen Zug zum Tor haben?“

Sigrid Maurer gilt als Erfinderin der Spitzenkandidatur von Lena Schilling, sie hat ihre Partei darauf eingeschworen, auch gegen interne Widerstände. Sie sieht ihr Schicksal nun jedoch nicht mit jenem von Schilling verknüpft. Und sie glaubt auch nicht an negative Auswirkungen auf die EU-Wahl. „Wir werden das rocken!“

Klubchefin Sigrid Maurer unterwegs mit „Presse“-Innenpolitik-Chef Oliver Pink
Klubchefin Sigrid Maurer unterwegs mit „Presse“-Innenpolitik-Chef Oliver PinkCaio Kauffmann

Reden wir also nicht mehr über Lena Schilling, sondern über Sigrid Maurer. Wie sehr haben sie die viereinhalb Jahre in der Koalition mit der ÖVP verändert? Ist sie bürgerlicher geworden? „Na ja, ich bin älter geworden. Ich wohne in keiner Studi-WG mehr.“ Pragmatisch sei sie aber immer schon gewesen. Auch in ihrer Zeit als ÖH-Vorsitzende. Damals war das Audimax von Studenten besetzt und sie sei zum Minister gegangen, um zu verhandeln.

Das sei auch jetzt ihre Haupttätigkeit: verhandeln mit der ÖVP. Und es sei bisher eine wirklich gute Zusammenarbeit gewesen. Gerade auch mit ihrem Gegenüber als Klubchef, August Wöginger. Das Verhältnis sei tatsächlich so gut wie medial immer dargestellt. „Und diese Regierung hatte ja Krisen zu bewältigen wie kaum eine andere zuvor.“ Ein Verhältnis zur FPÖ bestehe hingegen nur auf Ebene der Fach-Abgeordneten. Sie selbst habe zu Klubchef Herbert Kickl so gut wie keinen Kontakt.

Raues Pflaster

Es gehe rau zu in der Politik, sagt Maurer. Darauf müsse man sich einstellen. „Man darf nicht zart besaitet sein.“ Maurer hat recht rasch gelernt, sich durchzusetzen. „Wenn es sein muss, bin ich auch einigermaßen erbarmungslos.“ Jedenfalls: „Der Parlamentsklub bei uns steht wie ein Einser.“ Das könnten nicht alle der anderen Parteien behaupten. Ministerin möchte sie nicht werden, sondern Klubchefin bleiben. „Ich liebe diesen Job, es ist der beste der Welt.“

Sigrid Maurer ist ein gutes Beispiel für die Durchlässigkeit des Bildungssystems – zumindest auf dem Land. Sie besuchte die Hauptschule, ging dann in die HBLA. Dann wollte sie Jazz-Sängerin werden, war allerdings zu spät dran mit der Anmeldung zur Aufnahmeprüfung am Konservatorium. Der Protest gegen die Schmähung des damaligen Finanzministers, Karl-Heinz Grasser, der von „Orchideenfächer-Studien“ gesprochen hatte, brachte sie erstmals in die Nähe der Grünen. Angetan von der Arbeit der Gras an der Uni Innsbruck schloss sich Maurer – sie studierte dort Politikwissenschaft und Musikwissenschaft – dieser Gruppierung an. ÖH-Vorsitzende an der Uni Innsbruck war damals Karin Blum vom VSStÖ. Sie ist heute die Lebensgefährtin von SPÖ-Chef Andreas Babler.

Maurer wechselte dann nach Wien, wurde dort ÖH-Chefin und absolvierte ein Soziologie-Studium. „Ich habe schon auch einen Rollenwechsel hinter mir“, meint sie. Von der ÖH-Vorsitzenden – 2010 bekam sie Hausverbot im Parlament, weil sie Flugzettel von der Besuchergalerie geworfen hatte – über die weit links stehende Oppositionsabgeordnete zur Klubchefin. Aber es sei lohnend, das Leben der Politik zu widmen. „Wenn man davon überzeugt ist, wofür man kämpft.“ Sie möchte die Welt und das Land verändern. Und Erfolge zeigten sich auch im Kleinen. Neulich habe sie ein Gespräch zweier älterer Damen im Zug mitverfolgt, die sich über die Erhöhung der Mindestpension freuten. Sie könne nun ihre Enkerl zwei Mal öfter besuchen fahren, habe eine gemeint. „Da habe ich mir gedacht: Das habe ich gemacht.“

Auf dem Weg ins Parlament: Sigrid Maurer mit Oliver Pink
Auf dem Weg ins Parlament: Sigrid Maurer mit Oliver PinkCaio Kauffmann

Ein Workaholic

Sigrid Maurer ist ein Workaholic, die Tage beginnen früh und enden spät. „Ich bin nie nicht erreichbar.“ Sie führe gewissermaßen ja auch einen Betrieb. Und Effizienz sei ihr ein großes Anliegen. Bei den lange Zeit konflikt- und diskussionsfreudigen Grünen kein allzu leichtes Unterfangen. Bleibt da noch Zeit für Hobbys? „Ein wenig. Wandern, lesen, Musik hören, vor allem kochen.“

Sigrid Maurer macht neuerdings auch Videos auf TikTok, aufgenommen in ihrer Wohnung. Einmal rappt sie in der Küche zu „Barbaras Rhabarber-Bar“, ein anderes Mal bügelt sie einen Rock für das „Gauderfest“. Das sei sicher ein Grenzgang, meint sie. „Aber wenn man authentisch dabei ist, dann passt es.“ Der Zorn über die Causa Schilling wirkt auch so.

Zur Person

Sigrid Maurer, geboren am 19. März 1985 in Rum (Tirol). Von Juli 2009 bis Juni 2011 war sie ÖH-Vorsitzende. Von Oktober 2013 bis November 2017 war sie Abgeordnete zum Nationalrat, danach wieder ab 2019. 2020 wurde sie Klubchefin der Grünen.

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