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Das neue Album von Billie Eilish ist ihr bestes

Optisch zeigt sich Eilish nach einer Phase blondierter Damenhaftigkeit wieder im burschikosen Stil.
Optisch zeigt sich Eilish nach einer Phase blondierter Damenhaftigkeit wieder im burschikosen Stil.Universal
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Mit „Hit Me Hard And Soft“ kehrt die Billie Eilish image- und musikmäßig zu ihren Anfängen zurück. Ihre prächtigen Goth- und Housemusic-Tracks über Liebe betören.

Depression und eingebildete Mängel, den eigenen Körper betreffend, sind im Grunde nicht der Stoff, aus dem Welthits werden. Außer man heißt Billie Eilish. Gleich im Opener ihres neuen Albums „Hit Me Hard and Soft“, „Skinny“, adressiert sie die übermäßige Beschäftigung mit der äußeren Erscheinung. Schlanker zu werden ist auch keine Lösung, lautet letztlich ihre Botschaft. „People say I look skinny but the old me is still me.” Verträumtes Akustikgitarrenspiel, die zwischen Flüstern und Seufzen pendelnde Intonation, ein bisschen Rascheln und Rauschen, und schon scheint man ganz in der intimen Echokammer des Popstars zu sein. Streicher behübschen die impressionistische Soundszenerie und verstecken eine andere, ein bisschen blöde Frage, die sich Eilish hier stellt: „Am I acting my age now?“ Nicht nur ewige Kindsköpfe wissen, dass die Idee des Erwachsenseins gar nicht so berauschend ist, wie es sich Teenager so vorstellen.

Fehlgriff bei den Grammys

Und aus diesem Alter ist die mittlerweile 22-Jährige mittlerweile auch schon raus. Aus einem Drang, das Richtige zu tun, kann sich etwas Grundfalsches ergeben. Bei den heurigen Grammys hat sie zum ersten Mal so richtig danebengegriffen. Beim Trippeln über den Red Carpet trug sie einen Sticker mit blutigen Händen am Revers ihres Chanel-Blazers. Er sollte ihrem Wunsch nach einem Waffenstillstand im Gaza-Konflikt Ausdruck verleihen. Mit ein paar Klicks auf Google hätte sie erfahren, dass dieses Symbol für einen grauenvollen Lynchmord an zwei Israelis steht. So aber beamte sie sich in die erste Reihe des derzeit in den USA angesagten woken Antisemitismus. Die mediale Reaktion darauf war heftig, was wohl zu einem Lerneffekt geführt haben dürfte.

Das neue Album war zu diesem Zeitpunkt schon fertig. Der Titel „Hit Me Hard and Soft“ kokettiert mit Masochismus. Aber man sollte sich nicht täuschen lassen. In ihren Liedern wissen sich noch die ärmsten Mäuschen durchzusetzen. Nachdem sie sich auf ihrem offiziell zweiten Album „Happier Than Ever“ mit den Folgen des jäh einbrechenden Weltruhms beschäftigt hat, ist nun wieder die Liebe das Leitthema ihrer Kunst. Zu herrlich dreckigen House-Beats entwickelt sie in „Lunch“ eine Oralsexfantasie. „I could eat that girl for lunch, yeah, she dances on my tongue, tastes like she might be the one.” Und beendet den Song mit heftigem Keuchen. Ganz schön deftig.

Aber Eilish ist in erster Linie eine Meisterin subtil ausgedrückter Sehnsüchte und Vergeblichkeiten. Ihre klein anmutende Stimme verfügt über viele Nuancen. Damit ist gut Drama zu machen. „I want you to stay till I’m in the grave”, fleht sie im sinnlich pochenden „Birds of a Feather”. Mit glockenheller Stimme formuliert sie dunkle Begierden. Die Fantasie geht oft mit ihr durch, Realitäten der Liebe liegen ihr weniger. So lässt sie sich sogar zum Lügen verleiten, wenn ihr Ego es verlangt. „I said you were the love of my life, but I need to confess, I told you a lie”, beichtet sie im verschlummerten „L’Amour De Ma Vie“. Ihre Reue ist nicht echt. Und das zelebriert sie. An den richtigen Stellen lässt sie ihre Stimme brechen. Eine Delikatesse für das Ohr!

Mit Schlabberhose in der Ursuppe

Für das Auge ersonnen wurde die Rückkehr zum burschikosen Style des Debütalbums. Die blondierte Damenhaftigkeit, mit der es Eilish auf das Cover der „Vogue“ schaffte, wirkte letztlich aufgesetzt. Auf dem Cover des aktuellen Albums schwimmt sie in zerrissenen Schlabberhosen in irgendeiner Ursuppe. Auch musikalisch dockte sie an ihr Debüt an. Bruder Finneas flirtet als Komponist mit Frühachtzigerjahre-Disco, Minimal House und Goth-Ästhetik. Synthesizern und Synth-Bässen stehen Akustikgitarren und Streicher gegenüber. Die Kontraste sind perfekt ausbalanciert. Selbst bei wüsten instrumentalen Ausbrüchen kitzelt es angenehm in den Ohren. Fazit: „Hit Me Hard and Soft“ ist das bislang beste Album von Billie Eilish.

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