Feuilleton-Briefing

La Demenza di Tito

Schaut aus wie Gericaults „Floß der Medusa“: Vorschau auf Milo Raus „La Clemenza di Tito“, Premiere am Dienstag
Schaut aus wie Gericaults „Floß der Medusa“: Vorschau auf Milo Raus „La Clemenza di Tito“, Premiere am DienstagAnnemie Augustijns
  • Drucken

Die Wiener Festwochen beginnen. Die Pfingstfestspiele beginnen. Am Anfang jeweils Mozarts „Clemenza di Tito“, scheint das Stück der Stunde zu sein. Milo Rau wird darüber in seinem Bett wohl nachgedacht haben. Tut er nämlich immer, hat er mir verraten.

Es scheint das Stück der Stunde zu sein, Mozarts letzte Oper, uraufgeführt anlässlich der Krönung Kaiser Leopolds II. zum König von Böhmen in Prag 1791: „La Clemenza di Tito“, die Milde des Titus. Heute Abend hat es bei den Salzburger Pfingstfestspielen in Regie von Robert Carson, dem neuen Jedermann-Regisseur, Premiere. Kommenden Dienstag in der Halle E des Museumsquartiers bei den Wiener Festwochen in Regie des Intendanten Milo Rau. Und in der Slowakei kämpft gerade tatsächlich ein „Mächtiger“ nach einem Anschlag um sein Leben. Wird er je verzeihen können, wie Titus im alten Rom? Haben wir die Milde nicht längst verlernt? Regiert nicht eher „La Demenza di Tito“ unsere unversöhnlichen Stellungs-Debatten, online sowieso? Oder wäre dieses edle Verzeihen, so klingt jedenfalls die Ankündigung von Milo Raus Interpretation, sowieso nur elitistische Pose?

Milo Rau wird vermutlich im Bett darüber nachgedacht haben. Denn das verlässt er nur, wenn er auch seine Wohnung verlassen müsse, verriet er mir gestern am Rande der Eröffnung der Festwochen-Ausstellung in der Kunsthalle (können Sie sich leider sparen, trotz nettem Titel, „Genossin Sonne“). Warum er ausgerechnet mir das verriet? Ich habe, wieder einen Tag zuvor, sein großes Bett entdeckt, das ihm Kunststudierende in sein Büro im Volkskundemuseum gestellt haben. Wie aus dem Märchen schaut es aus, übergroß und nach Heu duftend. Ja, er werde darin wohl auch wirklich schlafen, Interviews geben wie John Lennon und Yoko Ono es in Wien schon einmal taten. Ein Kuschel-Intendant, der heute am Rathausplatz die Neue Republik Wien ausrufen wird, mit Augenzwinkern, natürlich. Es ist seine Milde, die ich fürchte, wie es bei Titus heißt. Von wegen elitistische Pose.

Aber eines muss man Rau lassen (wie schwer fällt es doch, den Vornamen dieses Markennamens wegzulassen): Wir reden wieder über die Festwochen. Wir diskutieren, wir regen uns sogar ein wenig auf, viel mehr, als wir das die vergangenen Ausgaben tagen. Und das schließlich ist gut so, sehr gut. Wobei man dabei dennoch das Gefühl eines, ja, wieder milden Aufgusses hat, vor allem von Christoph Schlingensief, nur eben nicht ganz so anarchistisch. Aber genug jetzt des Zweifels. Die Festwochen beginnen. Wir sind da. Also wenn Sie in meinem Alter oder älter sind, Boomer oder Generation X. Die jüngeren gehen schließlich gerne schlafen, wenn die Festwochen-Stücke durchschnittlich erst anfangen, um 20 Uhr. Sie glauben an die große Liebe (tatsächlich), wollen Kinder (das ergänzt sich großartig!) und schauen safer Netflix-Serien, „Grandmother Style“ nennt sich das, entnehme ich meiner Zeitung. Um Falten zu vermeiden, auch irgendwie zynisch. Die Festwochen werden jedenfalls spurlos an dieser Generation vorübergehen. Sie sollten als „Outreach Programm“ Nachmittagsvorstellungen einführen, die Life-Work-Balance erlaubt das sicher. Was wäre das einmal für eine Revolution. Radikales Nachmittagstheater mit Bubble Tea und Pausen-Yoga. Endlich theatrale Immersion für Alle! Also ganzkörperliches Eintauchen in eine künstliche Welt, auch mit „Einbetten“ zu übersetzen, das dürfte Rau gefallen. Und mir auch, jetzt verstehe ich endlich, warum der Theaterschlaf mich so gerne übermannt. 

Mit Immersion habe ich mich diese Woche tatsächlich schon ausführlich beschäftigen müssen, in der neuen „Erlebniswelt“ in der Mariahilfer Straße, die sich auch noch „Ikono“ nennt, also ikonisch, unverwechselbar sein will. Und doch nur erfolgreiche künstlerische Konzepte kommerzialisiert. Was per se nichts Schlechtes wäre. Aber so schlecht! So billig. Das kann man auch nur völlig traumlosen Frühschläfern um 19 Euro verkaufen. Wir werden sehen, ob diese Plastikwelten wie in Madrid 800 Leute am Tag anlockt. Ich fürchte, ja.

Das Phänomen des Immersiven wurde schon bei den ersten Fernsehübertragungen beschrieben, als allein die Zusammenführung von Ton und Bild die Menschen noch in andere Zustände versetzen konnten. Kino kann das heute noch. Eigentlich wollte ich das noch erledigen diese Woche, bevor die harte Theaterbestuhlung mich niederknebelt. Umberto Ecos Bibliothek, empfahl mir Kollegin Anne Catherine Simon, aber meine schrägen Bücherstapel hätten mir das nicht verziehen. „Sterben“ mit Lars Eidinger wurde mir ebenfalls nahegelegt. Aber der Beginn kam mir als Wiener Klassikkonsumentin allzu bekannt vor: Ein Hustenanfall steigert sich zum Kotzen, lese ich, wonach das Konzert abgebrochen werden muss. Immerhin konsequent, von beiden Seiten.

Allzu bekannt kommt mir auch vor, was gerade im Wiener Künstlerhaus zu passieren beginnt. Investor Hans Peter Haselsteiner, der das Haus um viele Millionen renoviert hat und deshalb ins Eigentum einstieg, abgesegnet vom finanziell maroden Künstlerverein, macht Druck. Er berief den Geschäftsführer ab, er will eine neue Kooperationsvereinbarung, er will nicht, dass das Haus wieder zu einer „Ratzenburg“ verkommt. Jetzt sagen die einen: Das war absehbar, von Anfang an geplant, dass er den Verein aus dessen angestammten Haus vertreiben will. Die anderen: Recht hat er, die haben nie etwas auf die Reihe gebracht. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte.

Jedenfalls empfehle ich Ihnen die aktuelle Ausstellung dort: „Auf den Schultern von Riesinnen“, die interessanteste dort seit langem, es geht um heutige Künstlerinnen, die sich auf ihre starken Vorgängerinnen beziehen in ihren Arbeiten. Hat eine Kunstkritikerinnen-Kollegin von mir kuratiert, Nina Schedlmayer, ich bin also vielleicht ein wenig befangen. Dennoch, macht eindeutig mehr Lust und Freude als die spröde „Genossin Sonne“. Und jetzt gehe ich ins Bett. Und Sie stehen auf.

Vermutet Ihre Almuth Spiegler
almuth.spiegler@diepresse.com

Dieser Text ist eine überarbeitete Version des Kultur-Briefings von Almuth Spiegler. Es erscheint jeden Freitag Morgen als Newsletter, den Sie hier bestellen können.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.