Asylwerber nahe dem (mittlerweile abgerissenen) Zeltlager vor dem Asylamt in Dublin.
Stadtgeschichten: Dublin

Wo Wohnungsnot den Volkszorn entfacht

In Irland wächst der Unmut der ärmeren Menschen und gibt auch Rechtsradikalen Auftrieb. Dahinter steckt eine der größten Wohnungskrisen in Europa, die zudem seit 2022 speziell in Dublin auf einen kräftigen Zustrom von Migranten und Flüchtlingen trifft.

Mehrab verzieht das Gesicht. „Ob ich mich hier sicher fühle?“, wiederholt er. Blöde Frage. „Natürlich nicht! Niemand fühlt sich hier sicher.“ Der junge Mann steht vor dem International Protection Office (IPO), 15 Gehminuten vom Zentrum Dublins entfernt. Es ist ein Regentag im Frühling, Mehrab und andere Asylwerber stehen unter einem Durchgang. Ringsum sind Zelte, dicht an dicht auf den Gehsteigen, teils auf der Straße. Manche sind zusätzlich mit Planen vor dem irischen Wetter geschützt. Wohl 200 bis 300 Asylwerber wohnen seit Wochen hier, manche seit Monaten.

Mehrab (22), ein Afghane mit Stoppelbart, kam vor drei Wochen nach Dublin. Er war über Frankreich gekommen, via Balkan, Türkei, Iran. Eine jahrelange Odyssee, er habe seine Heimat seit der Kindheit nicht gesehen. Und wartet, bis ihm die Behörden Unterkunft geben, so wie allen hier beim IPO, dem irischen Asylamt. Aber in Dublin ist Wohnraum rar, die Behörden kommen bei der Nachfrage nicht hinterher, also hausen Migranten in Zelten.

Immer wieder kommen rechtsextreme Pöbler. Letzte Woche seien sie wieder herumgeschlichen in der Nacht, sagt Mehrab. Sie seien betrunken gewesen, hätten auf die Zelte eingetreten, einer habe ein Messer gehabt und gedroht. „Das passiert recht häufig.“

Die doppelte irische Krise

In der Zeltstadt kristallisiert sich die doppelte Krise, von der Irland heimgesucht wird: knapper Wohnraum und wachsender Rechtsextremismus. Die Wohnungskrise begann vor vielen Jahren und wurde zuletzt immer ärger. Was Rechtspopulismus und -extremismus betrifft, war Irland bisher ein Ausreißer in Europa: Keine xenophobe Partei oder Bewegung schaffte es, Fuß zu fassen. Das hat sich geändert. Seit Ende 2022 treten Hooligans immer selbstbewusster auf. Sie stellen „Wachen“ auf vor Gebäuden, wo Asylwerber untergebracht werden sollen, attackieren Flüchtlingsheime mit Brandsätzen, greifen Migranten tätlich an. In Dublin wurde eine ganze Zeltstadt von Migranten niedergebrannt.

Der Mann stammt Algerien und heißt Walim.
Der Mann stammt Algerien und heißt Walim.Reuters / Clodagh Kilcoyne

Weltweit Schlagzeilen machte ein Krawall im November 2023. Im Zentrum Dublins hatte ein Migrant drei Kinder und eine Frau mit einem Messer verletzt. Die Nachricht verbreitete sich via Social Media, binnen Stunden tauchten hunderte Pöbler auf. Sie plünderten Läden, zündeten Straßenbahnen und Autos an, attackierten die Polizei mit Flaschen und Feuerwerk. Es war der ärgste Krawall in Irlands moderner Geschichte, jedenfalls der Republik.

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