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Kaputte Infrastruktur wird zum Bremsklotz für Österreichs Industrie

Viele Transporte von Österreich nach Deutschland könnten künftig stillstehen oder auf langsame Ausweichrouten umgeleitet werden. Grund sind Großbaustellen im deutschen Bahnnetz.
Viele Transporte von Österreich nach Deutschland könnten künftig stillstehen oder auf langsame Ausweichrouten umgeleitet werden. Grund sind Großbaustellen im deutschen Bahnnetz.Imago/Jochen Tack via www.imago-images.de
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Bevorstehende Großbaustellen im deutschen Bahnnetz werden zum Problem für Österreichs Exportwirtschaft. Dieser drohen Mehrkosten von bis zu 250 Millionen Euro, warnt die Industrie.

Kurz vor der EU-Wahl am 9. Juni scheint der Green Deal, das Prestige-Projekt von (Noch-)Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, zu bröckeln. Eines der großen Ziele darin: die Dekarbonisierung des Verkehrs. Zwar gab es hier beim Personenverkehr zuletzt große – stark subventionierte – Fortschritte (Stichwort Klimaticket), beim Güterverkehr zeigt sich aber ein gänzlich anderes Bild: In den vergangenen 25 Jahren ging der europaweite Modal Split von 15,6 auf zuletzt unter zwölf Prozent zurück. Das 30-Prozent-Ziel für den Schienengüterverkehr rückt in immer weitere Ferne.

Für einen großen Teil dieser Entwicklung ist Deutschland verantwortlich, wo man den Schienenausbau in den vergangenen Jahrzehnten völlig vernachlässigt hat. Dabei wären schnelle und verlässlich verfügbare Schienenkapazitäten zwischen Nord- und Süddeutschland vor allem für Europas ohnehin angeschlagene Industrie besonders wichtig, insbesondere die österreichische. Der Hamburger Hafen ist der wichtigste Containerumschlagplatz für Österreichs Industriebetriebe in Richtung Übersee und die übrige Welt. Bisher wurden 98 Prozent der österreichischen Exportgüter via Bahn in die Hansestadt transportiert. Doch damit dürfte bald Schluss sein, zumindest vorübergehend.

Über eine Million zusätzliche Lkw-Fahrten

In Deutschland hat man die jahrelangen Versäumnisse erkannt. 2026 soll der Rhein-Donau-Korridor, zu dem etwa die Weststrecke zählt und über den ein Gutteil der heimischen Warentransporte läuft, generalsaniert werden. Vor allem rund um den für den Schienengüterverkehr so wichtigen Grenzübergang Passau soll es zu größeren Bauarbeiten kommen. Über die Dauer von zweimal fünf Monaten wird die wichtige Trasse voll- bzw. teilgesperrt. Wegen fehlender Kapazitäten von Umfahrungsstrecken dürften zu dieser Zeit viele Spediteure auf Lkw-Transporte ausweichen, warnten die WKO-Spartenvorsitzenden für Industrie sowie Transport und Verkehr, Siegfried Menz und Alexander Klacska, am Dienstag in einer Pressekonferenz. „Wir rechnen in diesem Zeitraum mit erheblichen Transportzeitverlängerungen und beträchtlichen Betriebsmehrkosten“, so Klacska. Etwas mehr als eine Million zusätzliche Lkw-Fahrten seien die Folge.

„Die Schienenverkehrsunternehmen brauchten dann unbedingt einen entsprechenden finanziellen Ausgleich“, sagt der Industrielle Siegfried Menz: „Für die österreichische Industrie werden durch die Logistikengpässe bis zu 250 Mio. Euro an Mehrkosten anfallen.“ In der aktuellen Situation, in der die heimische Konjunktur nur langsam anzieht, seien das besorgniserregende Aussichten. Menz bezeichnet eine mengenmäßige Limitierung der Kapazitäten gar als „Worstcase für heimische Industrie“. Man müsse sich genau überlegen, ob man das dem ohnehin angeschlagenen Standort zumuten wolle.

Personenverkehr bremst Güterverkehr

Der Appell der Wirtschaftskammer-Funktionäre, sich politisch des Themas anzunehmen, dürfte weitgehend verhallen. Das in Österreich verantwortliche Klima- und Infrastrukturministerium forciert gemeinsam mit den ÖBB ohnehin seit Jahren den Ausbau neuer und die Modernisierung bestehender Bahn­trassen. Auch der im Frühjahr vorgelegte Fachentwurf für ein neues Zielnetz 2040 sieht zusätzliche Kapazitäten für den Güterverkehr vor. Zudem verweist man im Infrastrukturministerium auf eine Novelle des Eisenbahngesetzes, das sich aktuell in Begutachtung befindet: „Damit können in Zukunft auch Kapazitäten für den Güterverkehr sichergestellt und Baustellen vorab entsprechend berücksichtigt werden.“

Was es jedenfalls brauche, ist eine Lösung auf EU-Ebene, betont man im Infrastrukturministerium. Schon seit Jahren gilt der grenzüberschreitende Schienenverkehr als eines der Sorgenkinder der europäischen Infrastruktur. Die Umsetzung der europaweiten Ziele liegt wiederum in der Kompetenz der einzelnen Mitgliedstaaten. „Es scheitert hier oft auch am politischen Willen, weil sich niemand den Personenverkehr einzuschränken traut“, sagt Transport- und Verkehrssprecher Alexander Klacska. Er fordert ein größeres Augenmerk auf den Warentransport mitsamt einer klaren Kapazitätswidmung: „Es kann nicht sein, dass ein Güterzug anderthalb Stunden steht, weil ein Personenzug ein paar Minuten Verspätung hat.“

Eine Umwidmung von Personen- auf Güterkapazitäten ist angesichts der zuletzt stark gestiegenen Fahrgastzahlen aber kaum realistisch. Auch dort platzen die Züge auf den wichtigsten Trassen aus allen Nähten. Sowohl im Personen- als auch im Güterverkehr dürfte die Verlagerung auf die Schiene eine der größten Herausforderungen werden.

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