Wissenschaft

Wann kommt der Zyklon?

Auf Pazifikinseln (hier: Tuvalu) verraten noch harmlose Wellen, was in der Ferne droht.
Auf Pazifikinseln (hier: Tuvalu) verraten noch harmlose Wellen, was in der Ferne droht. Getty Images/Iona Goodall/Getty Images for Lumix
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Indigene haben Sensorien für und Erinnerungen an Umweltgefahren, die beim Bewältigen der Erwärmung helfen könnten.

Es ist nicht, wie es in den alten Tagen war, die Nächte und Tage sind nicht mehr so kalt. Das ist es, was den Saft hoch in die Bäume bringt. Ich hörte früher beim Warten auf den Bus oft die Ahornbäume aufreißen, weil der Saft in ihnen gefror.“ Das berichtet ein Mitglied der Odawa, einer Indigenenkultur an den Großen Seen, über die schwindende Ernte an Ahornsirup, der Eiseskälte braucht, andere erinnern sich, dass im gleichen Zeitraum, in den wärmer werdenden 90er-Jahren, die früher unbekannten Zecken sich rasant verbreitet haben und dass ein Forstschädling aufgetaucht ist, der Asiatische Eschenprachtkäfer, solche Berichte hat Richard Stoffle, Anthropologe der University of Arizona, gesammelt, um die lokalen Beobachtungen der Folgen des Klimawandels breiter nutzbar zu machen (Frontiers in Climate 2023.979721).

„Ich glaube an die indigene Wissenschaft, das ist wahre Wissenschaft“, erklärt Stoffle, „sie gibt ein vollständigeres Bild als das, was man je durch Messungen erhalten könnte“, ergänzt Sergio Jarillo (Melbourne) (Knowable Magazine 10. 1.). Und es führt in schier unfassbare Tiefen der Erinnerung, die sich nicht nur bei Naturvölkern gehalten haben, sondern auch bei uns: So wurde im 17. Jahrhundert auf der britischen Kanalinsel Jersey erzählt, man habe früher die 22 Kilometer nach Frankreich trockenen Fußes gehen können. Der Historiker Jean Poingdestre zeichnete es auf und erklärte es zum Unfug, „außer wenn es vor der Flut gewesen wäre“.

Gemeint war die Sintflut, und die hat vermutlich einen realen Kern – den der Überflutung des Schwarzen Meers durch eine klimabedingte Meeresspiegelerhöhung vor 8000 Jahren (Science 317, S. 886) –, ihre Erinnerung stützt sich auf jahrtausendealte schriftliche Überlieferung. Die auf der Kanalinsel konnte nur verbal durch die Generationen weitergereicht werden, trotzdem gab es dort tatsächlich eine Flut, am Ende der letzten Eiszeit, in der die Meeresspiegel so stiegen, dass einst bewohnte Regionen – wissenschaftlich gesichert das Doggerland in der Nordsee, als Mythos lebendig die Stadt Ys im Atlantik vor der Bretagne – unter Wasser gerieten.

Aborigines haben Erinnerungen an Katastrophen, die vor Tausenden Jahren kamen

Gehalten haben sich solche Erinnerungen auch und vor allem am anderen Ende der Erde, bei den Aborigines, bei denen manche noch erzählen, dass ihre Ahnen einst auf dem Great Barrier Reef lebten, das ebenso zum Festland gehörte wie viele heutige Inseln rund um den Kontinent. In anderen Regionen gibt es noch Schilderungen von Vulkanausbrüchen, die vor 8000 Jahren stattfanden: „Das sind orale Überlieferungen, die über 400 Generationen weitergegeben wurden“, resümiert Patrick Nunn (University of the Sunshine Coast, Australien), der die Geschichten zusammengetragen hat (Environmental Humanities 12: 1).

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