Wort der Woche

Das bunte Leben in Wiesen ist bedroht

Auch Graslandschaften sind in einem schlechten Zustand (Archivbild).
Auch Graslandschaften sind in einem schlechten Zustand (Archivbild).Imago / Silas Stein
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Weitgehend unbemerkt von der öffentlichen Wahrnehmung ist artenreiches Grünland stark gefährdet. Jegliche Veränderung der traditionellen Bewirtschaftung führt zu einem Biodiversitätsverlust.

Wenn man über Biodiversitätsverlust redet, haben die meisten wohl das Roden von Urwäldern oder agrarische Monokulturen vor Augen. An Graslandschaften denkt man dabei eher nicht. Dabei sind auch diese in einem schlechten Zustand, wie diese Woche in einem Bericht der UN-Konvention zur Bekämpfung der Desertifikation (www.unccd.int) beklagt wurde. „Die Umwandlung uralter Weideflächen geschieht in aller Stille und erregt nur wenig öffentliche Aufmerksamkeit“, so UNCCD-Exekutivsekretär Ibrahim Thiaw. Wiesen, Prärien, Almen, Steppen, Savannen, Tundren usw. machen 54 Prozent der Landoberfläche der Erde aus, davon ist laut dem Bericht die Hälfte degradiert – was wiederum ein Sechstel der Lebensmittelproduktion und ein Drittel aller Biodiversitäts-Hotspots gefährdet.

Bei uns ist extensiv bewirtschaftetes Grünland – dieses wird nicht gedüngt und höchsten zweimal im Jahr gemäht – ein wahrer Hort der Artenvielfalt. Jegliche Veränderung der traditionellen Bewirtschaftung senkt die Biodiversität. Offensichtlich ist dies bei einer Umwandlung in Äcker (auf denen per definitionem nur wenige Arten wachsen) und einer Bebauung mit Häusern etc. Aber der Zusammenhang zwischen Landnutzung und Biodiversität ist oft subtil. Einerseits bewirkt eine Intensivierung der Bewirtschaftung (durch Düngen, Bewässern, häufigeres Mähen, mehr Weidevieh), dass schnellwüchsige Pflanzen Vorteile bekommen und sensiblere Arten überwuchern. Andererseits führt ein Aufgeben von Weideflächen zu einer sukzessiven Verbuschung und Bewaldung; die offene, lichtdurchflutete Landschaft verschwindet, was ebenfalls mit einer Abnahme der Biodiversität einhergeht.

Im Detail wurden diese Prozesse kürzlich von einer Gruppe um Cornelia Sattler (UFZ – Helmholtz Zentrum für Umweltforschung, Leipzig) an Streuobstwiesen analysiert: Diese Kombination aus extensiven Wiesen und solitär stehenden Obstbäumen zählt aufgrund der Vielfalt von Habitaten zu den artenreichsten Lebensräumen überhaupt. Sowohl eine Forcierung des Obstbaus als auch dessen Aufgabe führen unweigerlich zu einer Verarmung an Lebensräumen und Arten (Nature Conservation 55: 103). Folgerichtig wurde die traditionelle Bewirtschaftung von Streuobstwiesen im Vorjahr als immaterielles UNESCO-Kulturerbe anerkannt.

Veränderungen der Biodiversität durch eine veränderte Landnutzung reichen viel weiter als auf den ersten Blick ersichtlich: Forschende um Ziheng Peng (Northwest A&F University, Yangling, China) bemerkten bei einem globalen Vergleich von Wiesen, Wäldern und Feldern, dass sich nicht nur Flora und Fauna deutlich unterscheiden, sondern auch das Leben im Boden: Ackerbau führt demnach zu einer weltweiten Homogenisierung der Mikroorganismengesellschaften im Boden. Konkret: In Äckern leben weniger Bakterien, die Nährstoffe pflanzenverfügbar machen (Nature Communications, 29. 4.).

Wir sollten also unser artenreiches Grünland wieder schätzen und schützen lernen.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist nun Wissenschaftskommunikator am AIT.

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