Brucknerjahr

Ein Jahr der Superlative

Anton Bruckner: Sein 200. Geburtstag wird umfassend gefeiert.
Anton Bruckner: Sein 200. Geburtstag wird umfassend gefeiert.Huber-Wien
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2024 wird Bruckner ausgiebig gefeiert: Mit allen Symphonien im Originalklang, einem Freiluftkonzert am Geburtstag und vielem mehr.

Mit einem Symphonien-Gesamtzyklus im Originalklang, einem Freiluftkonzert zum Geburtstag Bruckners, aber auch mit zahlreichen anderen Höhepunkten sollte dieses Jubiläumsjahr eines werden, das Anhänger und Verehrerinnen des Komponisten niemals vergessen.

Den Anfang machte bereits am ersten Jänner das traditionelle Neujahrskonzert des Bruckner Orchesters Linz unter seinem Chefdirigenten Markus Poschner, natürlich unter anderem mit Musik des Jahresregenten. Das Scherzo aus der „Annullierten“ Bruckners stand ebenso auf dem Programm wie jenes aus der neunten Symphonie. Der Tatsache, dass Bruckner der dörflichen Musikpflege seiner Zeit eng verbunden war, trug man ebenso Rechnung wie man eine Gegenüberstellung mit Werken von Bedřich Smetana und Leoš Janáček ermöglichte – und man schuf einen gebührenden, auch feurigen Auftakt für ein Jahr der Superlative.

Der nächste Termin, den sich Brucknerfans in diesem Jahr längst in den Kalender geschrieben hatten, war natürlich der 23. März 2024. Denn nicht nur Anton Bruckner, sondern auch das Brucknerhaus Linz soll zum Geburtstag gebührend gefeiert werden. Dafür hat man sich zwei hochkarätig besetzte Konzerte überlegt. Für die Festveranstaltung wurden Zubin Mehta und die Wiener Philharmoniker engagiert. Nicht nur durch die Mitwirkung dieses Klangkörpers wollte man an das Inaugurationskonzert von 1974 erinnern, bei dem dasselbe Orchester unter Herbert von Karajan das Haus einst eröffnete. Vielmehr hat man sich auch bei der Programmwahl nach diesem historischen Festakt gerichtet: Das „Ständchen“, das dabei offiziellen Reden von prominenten Gratulanten und Gratulantinnen aus Kultur, Politik und Gesellschaft folgte, war Bruckners „Siebente“ , die dem Komponisten damals zum langersehnten, internationalen Durchbruch verhalf und die bis heute die am häufigsten aufgeführte des Komponisten ist. Sie erklang auch vor 50 Jahren, als das Brucknerhaus Linz aus der Taufe gehoben wurde – und ist seither mehr als dreißig Mal hier gespielt worden. „Happy Birthday, Bruckner(haus)“ hat es nicht nur an diesem Abend heißen, sondern auch schon am Tag zuvor. Da leitete Markus Poschner ein Jubiläumskonzert mit dem Bruckner Orchester Linz. Auch dieser Klangkörper war 1974 am Tag der Eröffnung zu hören. Heuer präsentierte er eine Uraufführung und zwei Werke mit Linz-Bezug: Die Fünf Stücke für Orchester mit dem Titel „Letters“ des Linzer Komponisten Rudolf Jungwirth, eine Uraufführung, machten den Anfang. Außerdem spielte das Bruckner Orchester Linz anlässlich des Jubiläums Ludwig van Beethovens Symphonie Nummer acht, auf deren autografer Partitur der Komponist „Sinfonia Lintz im Monath October 1812“ vermerkte. Und natürlich fehlte auch der Jubilar selbst nicht: Als mit der Stadt besonders verbundene Symphonie hat man die „Erste“ von Anton Bruckner programmiert – in der Fassung ihrer Linzer Uraufführung von 1868.

Freiluftkonzert mit Welser-Möst

Den Geburtstag des Jahresregenten seinerseits, den 4. September, wird man ins Ansfelden begehen – und dazu die Konzerträumlichkeiten verlassen und zwischen der Pfarrkirche und dem Pfarrhof Platz für ein Freiluftkonzert schaffen. Franz Welser-Möst, selbst ja wie der Jahresregent Oberösterreicher und dem Brucknerhaus seit Beginn seiner Karriere eng verbunden, und sein Cleveland Orchestra werden Bruckners vierte Symphonie, die so genannte „Romantische“, präsentieren – und zwar in der Fassung von 1878/80. Auch das „Vorspiel“ und der „Liebestod“ aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“ werden auf dem Programm stehen. Und die Musikinteressierten in vielen Ländern können auch tatsächlich teilhaben, denn das Konzert wird nicht nur vom ORF übertragen. Es werden auch weitere internationale Fernsehstationen beteiligt sein. Außerdem ist ein Public Viewing in der Nähe des Brucknerhauses geplant.

Franz Welser-Möst dirigiert ein Freiluft-Geburtstagskonzert am 4. September  in Ansfelden.
Franz Welser-Möst dirigiert ein Freiluft-Geburtstagskonzert am 4. September in Ansfelden.Roger Mastroianni

Elf Symphonien

Das Geburtstagskonzert ist der Start des Internationalen Brucknerfests Linz, das wie gewohnt von 4. September bis 11. Oktober stattfindet. Dessen Kernstück ist heuer ein Zyklus von Aufführungen aller elf Symphonien des Komponisten. Dabei zählt man neben den neun gängigen die sogenannte „Studiensymphonie“ und die „Annullierte“ oder auch „Nullte“ mit. All diese werden nicht nur in ihrer Ursprungsversion aufgeführt, sondern auch von Originalklangorchestern und mit Instrumenten, wie sie zu Bruckners Zeiten üblich waren. Dies geschieht zum ersten Mal überhaupt innerhalb eines Gesamtzyklus. Man möchte hörbar machen, wie die Symphonien zu Zeiten Bruckners geklungen haben – und demnach auch, wie er sie sich vorgestellt hat. Eine Entdeckungsreise in elf Konzerten soll ermöglicht werden, die in dieser Konstellation nur im Brucknerhaus Linz zu hören sind.

»Der Einsatz des historischen Instrumentariums wird sich besonders auf die Klangfarbe auswirken.«

Philippe Herreweghe

Dirigent des Orchestre des Champs-Elysées

Für das Projekt konnte das Internationale Brucknerfest Linz unter anderen den Concentus Musicus Wien unter Stefan Gottfried, Le Concert des Nations unter Jordi Savall, Les Musiciens du Louvre mit Marc Minkowski am Pult sowie das Orchestre des Champs-Elysées unter Philippe Herreweghe gewinnen. Letzterer zeigte sich besonders von dem Projekt angetan: „Die historischen Instrumente tragen zu einem natürlichen klanglichen Gleichgewicht zwischen den Instrumentengruppen bei. Das schaffen moderne Instrumente nicht. Der Einsatz des historischen Instrumentariums wird sich besonders auf die Klangfarbe auswirken“, so Herreweghe. Er sprach davon, dass beispielsweise die Melancholie in den langsamen Sätzen der von ihm geleiteten „Achten“ stärker zum Ausdruck käme. Und auch Dirigent Pablo Heras-Casado zeigte sich überzeugt, man erreiche mit Originalinstrumenten weniger Schwere, wie sie oft mit Bruckner assoziiert wird. Vielmehr sei die Durchhörbarkeit höher, so der Maestro, der mit Anima Eterna Brugge Bruckners „Dritte“ in der Fassung von 1873 zur Aufführung bringen wird. Außerdem sei er „sicher, das Publikum wird von der großen Vielfalt an Farben und Texturen sowohl überrascht als auch fasziniert sein“, sagte Heras-Casado.

Philippe Herreweghe, Dirigent des Orchestre des Champs-Elysées.
Philippe Herreweghe, Dirigent des Orchestre des Champs-Elysées.Michiel Hendryckx

Mit dabei sind auch Christoph Spering und das Neue Orchester, er unterstrich laut Ankündigung: „Als ‚Ausgräber‘, der in den letzten 40 Jahren zahlreiche Werke einem Dornröschenschlaf entrissen und oftmals deren erste neuzeitliche Aufführung initiiert hat, kann mich die Urfassung eines Repertoirestücks, wie es die ‚Linzer Fassung‘ von Bruckners ‚Erster‘ ist, nicht kaltlassen.“

Gleichzeitig möchte man im Jubiläumsjahr auch jenen, die die Symphonien lieber in heute gewohnter Manier hören wollen, die Möglichkeit dazu geben. Zu diesem Zweck hat man die Wiener Philharmoniker eingeladen, die unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann, nun Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper Unter den Linden, Bruckners „Erste“ in der Wiener Fassung spielen werden.

2024 geht man der Frage nach, wie Bruckner seine Symphonien wirklich wollte.
2024 geht man der Frage nach, wie Bruckner seine Symphonien wirklich wollte.Musiksammlung Österr. Nationalbibliothek

Natürlich verlässt man sich beim Brucknerfest 2024 auch auf jenes Orchester, das die Pflege des Oeuvres dieses Komponisten sogar im Namen trägt: Das Bruckner Orchester Linz wird beispielsweise auch bei dem traditionellen Festakt zur Eröffnung des Brucknerfests zum Einsatz kommen. Unter dem Dirigat von Markus Poschner ist neben Musik des Jahresregenten auch eine Uraufführung angesetzt: Johannes Berauers „InstANT on“. Das Werk dieses oberösterreichischen Komponisten wird zwischen Klassik, Jazz und Weltmusik changieren. Und auch das Bruckner Orchester Linz wird Symphonien Bruckners mit „modernen“ Instrumenten zur Aufführung bringen: Geplant ist die „Achte“ in der Stiftsbasilika St. Florian, ebenfalls unter Markus Poschner und kombiniert mit einer Uraufführung eines Werks für Orgel und Orchester von Klaus Lang. Auch Bruckners „Sechste“ und die „Dritte“ sind mit diesem Klangkörper programmiert, nun im Brucknerhaus Linz.

Selbst wenn dieses Mal die Symphonien besonders im Blickpunkt stehen, wird das geistliche Werk beim heurigen Brucknerfest nicht zu kurz kommen. Die drei großen Messen sind programmiert, beispielsweise mit Michi Gaigg und dem L’Orfeo Barockorchester sowie mit Thomas Hengelbrock am Pult der Münchner Philharmoniker. Der Hard Chor, der dort beheimatet ist, wo Bruckner sich einst als Chorleiter verdingte, wird bei der ersten Messe in d-Moll im Alten Dom ebenso mitwirken wie der Männerchor der St. Florianer Sängerknaben. Hier dürfen sich durch die Besetzung gleich mehrere Kreise schließen und Verbindungen zu Bruckners eigener Biografie hergestellt werden, ging Bruckner doch selbst einst aus den Reihen des Bubenchors hervor. Die 2. Messe in e-Moll wird in jener Kirche erklingen, für die Bruckner sie einst konzipierte: dem Mariendom. Dafür sind das Ensemble Vocal de Lausanne, das Ensemble Instrumental de Lausanne, die Herren des Chorhauses Frohsinn und das Bläserensemble der Anton Bruckner Privatuniversität engagiert. Die musikalische Leitung hat Daniel Reuss. Und Thomas Hegelbrock wird es übernehmen, die 3. Messe in f-Moll aufzuführen, er steht am Pult der Münchner Philharmoniker.

Das „Te Deum“, einst Teil der Eröffnungsfeierlichkeiten im Jahr 1974, wird dieses Mal vom OÖ Landesjugendchor, dem Mozartchor des Musikgymnasium Linz und dem Oberösterreichischen Jugendsinfonieorchester unter Markus Poschner aufgeführt. Unter den Solistinnen und Solisten ist Michaela Seliger avisiert.

Um beim Gesang zu bleiben: Neben dem geistlichen Werk sind auch Aufführungen von Liedern aus der Feder Anton Bruckners geplant, dabei wird man Thomas Hampson und Julia Lezhneva hören, begleitet von Wolfram Rieger und Helmut Deutsch. Auf dem Programm von Thomas Hampson stehen Werke von Anton Bruckner, Richard Strauss, Arnold Schönberg und Charles Ives.

Bruckner-Klänge in Linz

Doch auch die Linzer Straßen sollen im Brucknerjahr zur Bühne werden, beispielsweise bei Flashmobs und Pop-up-Konzerten in der Innenstadt. Bei diesen spielt das STEGREIF.orchester Auszüge aus Bruckners Werken kreativ abgewandelt, hier darf auch Improvisation großgeschrieben werden.

Gleichzeitig haben sich auch die Partnerbetriebe innerhalb der LIVA für das Jubeljahr Veranstaltungen ausgedacht. Im Posthof beispielsweise möchte man der Frage nachgehen, was Bruckner für die jungen Menschen, Musikerinnen und Musiker von heute bedeuten kann. Singer-Songwriterinnen, darunter Mieze Medusa, Violetta Parisini und Yasmo, gehen dieser Frage nach. Kuratiert hat diese Reihe Ina Regen. Literarisch wird sich beispielsweise Paulus Hochgatterer mit dem Jahresregenten beschäftigen, unterstützt von Puppenspielerin Manuela Linshalm. Die Sao Paolo Dance Company wird das symphonische Werk Bruckners als Basis für eine Choreografie voll unbändiger Bewegungslust heranziehen und diese im Posthof präsentieren. Und für Kinder gibt es im Brucknerhaus selbst Programme wie „Kasperl und die Orgelpfeifen“, in dem die Titelfigur dem Komponisten Anton Bruckner helfen muss, verlorene Orgelpfeifen zu suchen. In diesem vom Kinderkulturzentrum Kuddelmuddel konzipierten Programm sitzt das Publikum direkt unter der berühmten Orgel des Brucknerhauses. Und sogar eine Laufstrecke, die von Informationen über den großen Sohn des Bundeslandes gesäumt ist, wurde entwickelt.

So kann man Bruckner 2024 aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln kennenlernen. Eines ist jetzt schon klar: Nach diesem Jubiläumsjahr wird die Sicht auf diesen Komponisten um viele Facetten reicher sein.

Das Magazin

Ein gemeinsames Magazin für zwei Jubiläen: 50 Jahre Brucknerhaus, 200 Jahre Anton Bruckner.

Das Magazin ist im Brucknerhaus Linz, im Handel oder unter diepresse.com/geschichte zum Preis von 14 Euro erhältlich.

Dieses Magazin wurde von der „Presse“ in Unabhängigkeit gestaltet. Es ist mit finanzieller Unterstützung der LIVA - Linzer Veranstaltungsgesellschaft mbH möglich geworden.

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