Der ökonomische Blick

Zentralbanken im Wandel: Die EZB steht vor einer großen Herausforderung

In den letzten Jahren hat sich Geldpolitik grundlegend verändert. Für die Europäische Zentralbank ist die aktuelle Situation eine große Herausforderung. 
In den letzten Jahren hat sich Geldpolitik grundlegend verändert. Für die Europäische Zentralbank ist die aktuelle Situation eine große Herausforderung. imago stock&people
  • Drucken
  • Kommentieren

Im Krisenmodus haben zahlreiche Zentralbanken in den letzten Jahren enorme Geldsummen in ihre Bankensysteme gepumpt. Die Folge ist, dass Banken heute regelrecht in Zentralbankgeld schwimmen.

In den letzten Jahren hat sich Geldpolitik grundlegend verändert. Die traditionelle Kernaufgabe von Zentralbanken, dem privaten Bankensystem Geld zu leihen, um dadurch das Kreditangebot (und in weiterer Folge die gesamtwirtschaftliche Nachfrage) zu steuern, hat massiv an Bedeutung verloren. Ursächlich hierfür sind nicht etwa Innovationen im Finanzbereich oder Digitalisierungseffekte, vielmehr ist es die Geldpolitik selbst.

Im Krisenmodus haben zahlreiche Zentralbanken in den letzten Jahren mittels direkter Wertpapierankaufsprogramme enorme Geldsummen in ihre Bankensysteme gepumpt, insbesondere um eine drohende Deflation abzuwehren. Die Folge ist, dass Banken heute regelrecht in Zentralbankgeld schwimmen. In der Eurozone beispielsweise leiht sich kaum eine Geschäftsbank frisches Zentralbankgeld, um damit Kredite zu vergeben. Im Gegenteil, fast alle Banken verfügen über hohe Geldüberschüsse und veranlagen diese direkt bei der Zentralbank.

Was ist „Der ökonomische Blick“?

Jede Woche gestaltet die Nationalökonomische Gesellschaft (NOeG) in Kooperation mit der „Presse“ einen Blogbeitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften. Dieser Beitrag ist auch Teil des Defacto Blogs der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Central European University (CEU). Die CEU ist seit 2019 in Wien ansässig.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse“-Redaktion entsprechen.

>>> Alle bisherigen Beiträge

Neue Kosten für Zentralbanken

Auf knapp 3500 Milliarden Euro belaufen sich die aktuellen Einlagen der Geschäftsbanken bei den Zentralbanken der Eurozone. Diese werden derzeit mit vier Prozent verzinst, dem Zinssatz der Einlagenfazilität. Seit Mitte 2022 flossen für Guthaben in der Einlagenfazilität bereits 175 Milliarden Euro an Zinszahlungen an europäische Banken. Gut vier Milliarden davon entfielen auf österreichische Institute, die ihre Gewinne 2023 dadurch deutlich steigern konnten. Möglich ist dies, weil Banken die Einlagezinsen nur zögerlich und nicht in vollem Umfang an Sparkundinnen und -kunden weitergeben.

Dass Banken an Zinsdifferentialen verdienen, ist weder verwerflich noch neu. Seit Jahrhunderten schon verdienen sie so ihr Geld. Neu ist jedoch die Größenordnung, denn die aktuelle Höhe der Einlagen bei Zentralbanken wurde historisch bisher nicht einmal ansatzweise erreicht. Neu sind auch die daraus resultierenden Kosten für Zentralbanken und somit die öffentliche Hand. Sofern das Zinsniveau nicht bald wieder spürbar sinkt, oder andere politische Maßnahmen ergriffen werden, werden diese Kosten noch über einen längeren Zeitraum erhalten bleiben.

Zinszahlungen sind geschätzt aus Daten der EZB zu Einlagen auf der Depositenfazilität und Zinssätzen auf die Depositenfazilität. Genaue Berechnungen sind nicht möglich, da nur monatliche Durchschnittsdaten der Einlagenbestände zur Verfügung stehen und keine Daten zu Zinszahlungen selbst.
Zinszahlungen sind geschätzt aus Daten der EZB zu Einlagen auf der Depositenfazilität und Zinssätzen auf die Depositenfazilität. Genaue Berechnungen sind nicht möglich, da nur monatliche Durchschnittsdaten der Einlagenbestände zur Verfügung stehen und keine Daten zu Zinszahlungen selbst.beigestellt

Für die Europäische Zentralbank (EZB) ist diese Situation eine große Herausforderung. Einerseits ist es noch immer gewollt, dass Banken bei ihrer Kreditvergabe zurückhaltend sind, damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage gedrosselt bleibt und kein Inflationsdruck entsteht. Eine gut verzinste Anlageform bei der Zentralbank trägt essenziell zu dieser Zurückhaltung bei.

Andererseits fließen durch eben diese attraktive Anlageform viele Milliarden Euro von den Zentralbanken in den privaten Bankensektor. Dies zehrt das Eigenkapital der Zentralbanken auf und reduziert deren Zuschüsse in die Staatshaushalte, wodurch das Geld letztlich nicht für andere Zwecke zur Verfügung steht. Hinzu kommen negative volkswirtschaftliche Auswirkungen, die entstehen können, wenn Banken jahrelang unabhängig von ihrer Aktivität stets satte Gewinne einfahren. Wettbewerbsverzerrungen, eine reduzierte Innovationskraft und ein Verlust an Kosteneffizienz im Finanzsektor beispielsweise. Zuletzt droht auch ein Verlust an Glaubwürdigkeit, bedingt durch ein potenzielles Eigeninteresse der Zentralbanken an niedrigen Zinsen.

Ein Tropfen auf dem heißen Stein

Vor diesem Hintergrund sollte die EZB einen Weg finden, ihre Politik zu geringeren Kosten umzusetzen. Erste Initiativen in diese Richtung sind bereits erkennbar. In der Eurozone, aber auch anderen Ländern, etwa der Schweiz, wird jenes Geld, das Geschäftsbanken bei der Zentralbank als Mindestreserve halten müssen, seit letztem Jahr nicht mehr verzinst. Da Banken in der Eurozone jedoch im Schnitt gut das Dreißigfache dieser Mindestreserve als Einlage halten, ist dies vorerst nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Eine Erhöhung des Mindestreservesatzes von derzeit ein Prozent auf bis zu zehn Prozent der Kundeneinlagen, wie kürzlich von OeNB-Gouverneur Robert Holzmann ins Spiel gebracht, müsste als nächster Schritt folgen, um eine spürbare Wirkung zu erzielen. In der Schweiz wurde dieser Schritt bereits gegangen, der Mindestreservesatz wurde von 2,5 Prozent auf den im Schweizer Nationalbankgesetz vorgeschriebenen Höchstwert von vier Prozent erhöht.

Auch die Mitgliedsstaaten der Eurozone selbst könnten Maßnahmen setzen, um die unerwünschten Verteilungswirkungen der Geldpolitik zu neutralisieren. In einigen, darunter Österreich, wurden „Übergewinnsteuern“ für Banken bereits diskutiert. Diese Steuern würden jedoch die Bilanzen der Zentralbanken nur stärken, wenn sie direkt als Kapitaleinlage weitergegeben würden. Und sie könnten, sofern unterschiedlich implementiert, Wettbewerbsverzerrungen auf den europäischen Finanzmärkten und darüber hinaus verursachen. Daher spricht aus ökonomischer Sicht vieles dafür, dass die EZB zuerst ihre Möglichkeiten ausschöpft, bevor die Mitgliedsstaaten selbst aktiv werden. Ein europäisches Problem sollte auf europäischer Ebene gelöst werden.

Der Autor

Paul Pichler ist assoziierter Professor für Makroökonomie und Leiter des Instituts für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit dem Zusammenspiel von Geld- und Fiskalpolitik, den ökonomischen Aspekten wachsender Staatsverschuldung und Klimaschutzpolitik.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.