Landwirtschaft

Bedenkliche Chemie in Grund- und Flusswasser

Pestizide sind eine Quelle der PFAS-Belastung.
Pestizide sind eine Quelle der PFAS-Belastung.IMAGO/Sylvio Dittrich
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Messungen in mehreren Länder zeigen: Auch Pestizide sorgen dafür, dass „forever chemicals“ in Flüsse und ins Grundwasser gelangen. Beschränkungen sind im Gespräch, liegen aber eher auf der langen Bank. US-Bestimmungen gehen weiter.

Immer mehr wird über eine Gruppe von Tausenden von Chemikalien bekannt, die seit Jahrzehnten eingesetzt werden, über die aber vergleichsweise wenig bekannt ist. Die Rede ist von „forever chemicals“. Experten nennen diese Gruppe von per- und polyfluorierten Chemikalien (PFAS) deshalb so, weil sie sich so gut wie gar nicht abbauen. Diese Substanzen werden unter anderem als Beschichtung eingesetzt (etwa bei Regenmänteln oder Lebensmittelverpackungen).

Ein Bericht zu diesem Thema haben am Montag europäische Umweltorganisationen präsentiert. An der Arbeit beteiligt sind „Pesticides Action Network“ (Brüssel, Deutschland), Global 2000 (Österreich), „Generations-futures“ (Frankreich), Nature & Progrès (Belgien), Via Pontica Foundation Belgien)), Luxemburg (Mouvement Ecologique (Luxemburg), PAN Netherlands, Ecologistas en Acción (Spanien) und Naturskyddsforeningen Schweden) präsentiert. Dabei wurde vor allem untersucht, wieviel TFA ( Trifluoracetat) in Fließgewässern und im Grundwasser enthalten ist. TFA ist ein Abbauprodukt der PFAS. Während die Anwendung von PFAS immer konsequenter reguliert (und verboten) wird, gibt es für TFA (noch) keine Regulierung.

Woher kommt PFAS in Obst und Gemüse?

Der Ausgangspunkt für die nunmehrige Arbeit war das Ergebnis einer Studie, die im Februar 2024 fertiggestellt worden ist. Dabei wurden erhöhte Werte von PFAS in Obst und Gemüse festgestellt werden. Um zu ergründen, wo diese hohen Werte herrühren, schließt nun die Untersuchung des Wassers an - sowohl in den Flüssen, als auch in den Grundwasserreservoirs.

Die Werte, die im Wasser vorhanden sind, müssen als besorgniserregend eingeschätzt werden: Sowohl in Flüssen als auch im Grundwasser wurden PFAS festgestellt. Fast alle (98 Prozent) chemischen Belastungen rühren vom Abbauprodukt TFA her. Fast vier Fünftel der Proben (79%) liegen über jenem Wert, der derzeit für die EU-Trinkwasser-Richtlinie vorgeschlagen wird: 500 Nanogramm pro Liter.

Werte in Österreich „weniger schlecht“

Die TFA-Werte der Flüsse sind bedenklich, auch wenn die österreichischen „am wenigsten schlecht“ abschneiden, so Helmut Burtscher-Schaden, Chemiker von Global 2000. Keiner der TFA-Werte in Wienfluss, Leitha, Donau, Drau, Fischa, Mur, Enns, Rhein, Inn und Salzach lagen über dem Mittelwert von 1220 Nanogramm pro Liter. Der geringste Wert liegt bei 370 ng/l (Salzach) – mehr als ein Zehntel als in der Elbe gemessen worden ist. Wienfluss und Leitha liegen bei 1000 Nanogramm.

Beim Grundwasser zeigt sich, dass im Burgenland die höchsten Werte gemessen worden (mehr als 1600 ng/l), Bulgarien, Schweden lagen über, Luxemburg leicht unter 1000 Nanogramm. Der TFA-Wert in Oberösterreich ist bei 800, jener in der Steiermark über 400 ng/l. Ausgewertet hat die Proben das Technologiezentrum Wasser in Karlsruhe.

Die Untersuchung hat vor allem deswegen auf TFA fokussiert, weil sie seitens der europäischen Behörden bereits 2003 als nicht bedenklich eingeschätzt worden ist. Dies deshalb, weil TAF eine kurzkettige PFAS-Chemikalie ist, die anfangs als weniger bedenklich bewertet wurden. Das deutsche Umweltbundesamt nennt als hauptsächliche Quellen von TFA Kühlmittel und Pestizide.

USA schlagen konsequentere Gangart ein

In einem konkreten Fall hat das UBA versucht, die Anwendungen von Pestiziden wegen der TAF-Belastung durch Festsetzen von Auflagen zu verringern, ist daran letztlich aber gescheitert, weil bei Gericht die bestehende (und nach EU-Recht erteilte) Zulassung eines Pestizids als gewichtiger eingestuft wurde als neue wissenschaftliche Erkenntnisse, welche das UBA vorgelegt hatte. Deshalb heißt es dazu in einer UBA-Stellungnahme: „Für einige kürzlich beantragte Pflanzenschutzmittel stuft das UBA die Umweltrisiken so hoch ein, dass sie nach fachlichen Kriterien nicht oder nur mit strengen Auflagen zulassungsfähig wären. Dennoch konnten die Herstellerfirmen die Zulassungen für Deutschland ohne solche Auflagen vor Gericht durchsetzen.“

Mittlerweile haben die Niederlande, Deutschland, Dänemark, Norwegen und Schweden den Vorschlag eingebracht, auf EU-Ebene die Gruppe der PFAS überhaupt zu verbieten – das wären mehr als 10.000 Substanzen. Ausnahmen solle es nur geben, wenn eine konkrete Anwendung nicht ersetzbar ist. In den 22 anderen Mitgliedsstaaten wird das Thema unterschiedlich beurteilt, sodass Insider mit einer endgültigen Festlegung von Beschränkungen erst im nächsten Jahr zu rechnen sei..

In den USA ist eine konsequentere Gangart eingeschlagen worden. Vor kurzem sind die Grenzen für einige sehr weit verbreitete „forever chemicals“ auf vier Nanogramm pro Liter herabgesetzt worden. Und außerdem: Es fällt nun nicht mehr unter ein Betriebsgeheimnis, ob in der Produktion eine PFAS-Verbindung zugegeben wird oder nicht.

Österreich ist für das Vorsorgeprinzip, das in Richtung Komplett-Verbot geht. In einer Stellungnahme aus dem Klima- und Umweltministerium heißt es: „Die Untersuchungen belegen einmal mehr, dass wir es sowohl mit einer Hintergrundbelastung durch PFAS zu tun haben als auch mit lokalen Kontaminationen rechnen müssen. Das Klimaschutzministerium unterstützt daher aktiv die Arbeiten an einer EU-weiten Beschränkung von PFAS in allen relevanten Anwendungen. Ein nationaler Aktionsplan zur Erfassung der Belastungssituation und zur bestmöglichen Reduktion war bereits in Begutachtung und fand darin breite Unterstützung. Wir gehen nun möglichst zeitnah in Abstimmung mit dem Koalitionspartner.“ Und weiter: „Bereits bestehende Verbote werden verstärkt kontrolliert, ein nationales Screening zu Erfassung lokaler Kontaminationen ist ebenso in Umsetzung wie erste Sanierungsvorhaben. Das Thema PFAS hat auf der umweltpolitischen Agenda höchste Priorität.“

Wer das EU-Recht genau liest: Schon heute gibt es – zumindest theoretisch – ein Instrument, um gegen PFAS & Co vorzugehen: Seit mehr als 20 Jahren ist in der EU die Wasserrahmen-Richtlinie in Kraft. Diese schreibt vor, dass sich der Zustand eines Gewässers nicht verschlechtern dürfe – nicht mehr und nicht weniger.

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