Wandern

Die Berge sind in Bewegung: Österreichs Wanderwege in Gefahr

Entlang der Wanderwege sind derartige Warnschilder nicht vorhanden. Ein Wetterumschwung genügt, dass ein Hang oder ein Weg ins Rutschen gerät.
Entlang der Wanderwege sind derartige Warnschilder nicht vorhanden. Ein Wetterumschwung genügt, dass ein Hang oder ein Weg ins Rutschen gerät. imago stock&people
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Die Alpinvereine des Landes schlagen Alarm: Bedingt durch den Klimawandel sind die Berghütten, Wanderwege und Klettersteige in Gefahr. Und die freiwilligen Helfer kommen nicht mehr nach, die notwendigen Sicherungsarbeiten durchzuführen.

„Durch das Tauen von Permafrost in hochalpinen Regionen ist mit ansteigenden Sturzprozessen zu rechnen (massiv erhöhte Steinschlag-/Felssturzgefahr), was sich besonders auf alpine Wanderwege und Klettersteige negativ auswirken kann.“ Dieser Satz ist nicht neu, sondern mittlerweile zwölf Jahre alt. Er stammt aus einer Studie, die das Wissenschaftsministerium in Auftrag gegeben hat und in dem versucht wird, ein Szenario für den Tourismus des Jahres 2030 zu zeichnen.

Aufnahmen des realen Geschehens liefern die Alpinvereine Österreichs am Mittwoch in einer Pressekonferenz , diese Darstellungen gehen über das 2012 Erahnte hinaus und sind mehr als ernüchternd. Wenn man so will, dann lässt es sich auf einen einfachen Nenner bringen: Die Berge sind in Bewegung, sie bröseln und bröckeln dahin.

Gebirge ist nie statisch, sondern – insbesondere auf erdzeitliche Sicht – in Bewegung. Aber: Die Klimakrise beschleunigt den Prozess deutlich. Einerseits schmelzen die Gletscher in einem noch nicht dagewesenen Tempo dahin, andererseits führt die Klimaerwärmung dazu, dass Permafrost begonnen hat zu schmelzen. Starkregenfälle tun ein Übriges. Dadurch wird Fels instabil, sodass sich Berge in Bewegung setzen - manchmal als ein kaum merkliches Bröseln von leichtem Gestein, manchmal als ein wegrutschender Wanderweg.

Wen kümmern 50.000 Kilometer?

Vor diesem Hintergrund schlagen die Alpinvereine Österreichs Alarm. Denn einerseits geschieht es immer häufiger, dass man zu Reparatur-Arbeiten ausrücken müsste, andererseits wird es immer schwieriger, Freiwillige für diese Tätigkeiten zu finden.

Insgesamt ist die Rede, von 50.000 Kilometern an Wanderwegen – eine deutlich größere Länge als der Erdumfang misst. Wolfgang Schnabl, Präsident des österreichischen Alpenvereins: „Die Wanderwege sind wie eine Visitenkarte der heimischen Bergwelt. Allein im Alpenverein sind mehr als 1000 Ehrenamtliche im Einsatz, um das Wegenetz für die Allgemeinheit in Schuss zu halten. Dieser Aufwand steigt aufgrund der zunehmenden Extremwetterereignisse ständig an.“

Es geht allerdings nicht nur um die Wege, sondern auch um die Berghütten. Keine davon ist in der Lage, aus dem laufenden Betrieb die Instandhaltung zu bezahlen – geschweige denn, in Umbauten zu finanzieren, die mehr und mehr notwendig werden – einerseits, weil die Hütten, mehrere hundert, schon etliche Jahrzehnte alt sind, und manche sogar deutlich mehr als 100 sind. Und andererseits werden die sicherheitstechnischen Anforderungen durch das rauer gewordene Klima größer.

95 Millionen Euro fehlen

Die drei größten Alpinvereine – Alpenverein, Naturfreunde und Touristenklub – mit ihren mehr als 900.000 Mitgliedern fordern deshalb ein dringendes Hilfspaket von der Landes- und Bundespolitik. Akut benötigt werden 95 Millionen Euro.

Diese 95 Millionen sind nicht eine Hausnummer, sondern ein konkret ermittelter Bedarf. So hat der Alpenverein in jeder Sektion den Bedarf für die kommenden fünf Jahre erheben lassen: Was ist an Arbeiten an Hütten und an Wegen notwendig, und wie hoch sind die Kosten dafür? Die übrigen Verein sind ähnlich vorgegangen. Die alpinen Vereine sprechen von einem „Investitionsstau“ in der Höhe von 95 Millionen. Der Bedarf beim Touristenklub ist mit 41,5 Millionen am höchsten.

Von den laufenden Kosten für den Hüttenbetrieb ist nicht einmal ein Fünftel durch Förderungen abgedeckt, wobei diese Gelder teilweise konkreten Projekten zweckgewidmet sind. Die Mittel von Bundesseite sind seit mehr als zehn Jahren nicht mehr an den Index angepasst; Baukosten sind in dieser Zeit um 42% gestiegen.

Es lohnt sich, etwas genauer auf die Zahlen zu schauen: „Die fiktiven Kosten für den Erhalt der Wege werden pro Kilometer auf 40 Euro geschätzt“, berichtet Georg Unterberger, Leiter der Abteilung „Hütten und Wege“ in der OeAV-Bundesorganisation. Fiktiv sind die Kosten deshalb, weil die Ehrenamtlichen keinerlei Abgeltung erhalten. In Sektionen, in denen es zu wenig Freiwillige gibt, wird die Erhaltung der Wege an Professionisten vergeben – die pro Kilometer etwa 400 Euro verrechnen.

„Eine Katastrophe auch für den Tourismus“

Unterberger: „Und noch ein Vergleich – in der Schweiz steht das Wegenetz unter staatlicher Verwaltung, was wir nicht wollen. Aber deshalb gibt es da eine genaue Bewertung – Dort werden pro Kilometer mindestens 800 € ausgegeben.“ „Mindestens“ deshalb, weil diese Zahl aus der Schweiz vom Jahr 2012 herrührt.

Günter Abraham, Geschäftsführer der Naturfreunde Österreich: „In den nächsten Jahrzehnten werden durch den Klimawandel große Herausforderungen auf uns zukommen. Neben sozialen Problemen wie Hunger oder Armut sind wir mit den zerstörerischen Auswirkungen auf die Natur und Umwelt in unseren Bergen konfrontiert.”

Gerald Dunkel-Schwarzenberger, Präsident des Verbands alpiner Vereine: „Alpine Hütten und Wege erfüllen nicht nur eine Schutzfunktion, sie sind ein Identitätsmerkmal Österreichs und spielen eine wichtige Rolle in der regionalen Wertschöpfung. Sollten sie als Kultur-, Sport- und Bildungsraum verloren gehen, wäre dies nicht nur für alle Erholungssuchenden am Berg eine Katastrophe, sondern auch für den Tourismus.“

Noch einmal Günter Abraham: „Der Erhalt unserer alpinen Hütten und Wege wird unser aller Leidenschaft und Kraft benötigen. Ohne den außergewöhnlichen Arbeitseinsatz der vielen ehrenamtlichen Funktionär:innen ist dieses Vorhaben schlichtweg nicht möglich. Es liegt mir sehr daran, dass die Bundesregierung durch eine finanzielle Zuwendung ihren Respekt und Dank für das Geleistete zum Ausdruck bringt und so mithilft, dieses österreichische Kulturgut zu erhalten.”

Ohne Hütten keine Wege

Es geht auch um viel Geld: Denn Wanderwege und alpine Hütten-Infrastruktur sind einer der am kräftigsten brummenden Motoren des Tourismus. In der Sommersaison, die immer früher im Frühjahr beginnt und weit in den Herbst hineinlangt, gibt es in Österreich mehr als 80 Millionen Nächtigungen. Sie kommen zu einem Gutteil nach Österreich, um die Natur hautnah zu erleben.

Michael Platzer, Geschäftsführer des Österreichischen Touristenklubs: „Mit 300.000 Euro an Fördermitteln für den Touristenklub können wir keinen Ersatzbau einer Schutzhütte realisieren, wenn dieser in der Regel drei bis vier Millionen Euro kostet. Wird die Schutzhütte erst einmal aufgegeben, werden auch die Wege nicht mehr begangen. Damit stellt sich unweigerlich die Frage, wie Österreichs Wirtschaft ohne Sommertourismus überleben wird.“

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