Gastkommentar

Unsere Universitäten sind geistig am Ende

(c) Peter Kufner.
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Wissenschaft und Medien haben sich in den vergangenen Jahrzehnten von der weltanschaulichen Vielfalt hin zur Einseitigkeit entwickelt. Das hat gravierende Auswirkungen.

Die Geistes- und Sozialwissenschaften haben im gesamten deutschsprachigen Raum ein Problem. Es herrscht kein Gleichgewicht der Weltanschauungen mehr, und so hat sich in Medien, Politik und Wissenschaft ideologische Eintönigkeit breit gemacht. Das schadet dem Geist eines jeden Landes, weil keine Weltanschauung ein Monopol auf Weisheit hat und zukünftige Eliten nicht umfassend genug ausgebildet werden.

Das erste Mal dachte ich, die ideologische Vielfalt an den Universitäten ist begrenzt, als ich anfing, Politikwissenschaften in Wien zu studieren. Ich fand es wichtig, bedeutende linke Denker von Marx über Horkheimer bis Adorno zu studieren, aber von den Konservativen gab es nur zwei, nämlich Hobbes und Aquin. Nach meinem Abschluss und einem Master in Geschichte merkte ich, dass das nicht nur auf eine Studienrichtung zutraf. Ich lud mir die Vorlesungsverzeichnisse der Universitäten in Deutschland, der Schweiz und Österreich herunter. Und siehe da, die Programme an den verschiedenen Standorten waren alle sehr ähnlich. Kultur-, Gender- und Identitätsgeschichte haben heute alle klassischen Fächer wie Diplomatie-, Wirtschafts- und Politikgeschichte weitgehend verdrängt. Diese Fächer sind wichtig und müssen gelehrt werden, aber es besteht keine Ausgewogenheit mehr zwischen ihnen, da linke und konservative Denkschulen nicht in gleicher Weise vertreten sind. Wie kam es dazu?

Der lange Marsch durch die Institutionen

Waren die Universitäten im deutschsprachigen Raum von 1750 bis 1945 konservativ/rechtslastig, da sie weitgehend von adeligen und bürgerlichen Schichten besucht wurden, änderte sich dies mit der Nachkriegszeit, dem wachsenden Wohlstand der Arbeiterschaft und dem Ausbruch des Kalten Krieges grundlegend. Jahr für Jahr kamen mehr und mehr Marxisten auf die Lehrstühle. Mit den 68ern etablierte sich der Marxismus in den Geistes- und Sozialwissenschaften und rief zum Klassenkampf auf. Doch ihre Vordenker erkannten, dass sich der Kapitalismus durchsetzen würde. Einen Ausweg aus der Niederlage des Klassenkampfes formulierte der deutsch-marxistische Soziologe Rudi Dutschke, der zu dieser Generation gehörte, folgendermaßen: „Den ,Laden in Unordnung bringen‘ heißt nur, die Lohnabhängigen und andere mehr unterstützen, bei ihnen lernen, neue revolutionäre Fraktionen herauszubrechen. Die Permanenzrevolutionäre können immer wieder hinausgeworfen werden, immer wieder in neue Institutionen eindringen: Das ist der lange Marsch durch die Institutionen.“ Mit anderen Worten: Wenn man Staat, Gesellschaft und Wirtschaft nicht von außen revolutionieren kann, dann muss man in ihre Institutionen eindringen und sie verändern. Das ist den 68ern meisterhaft gelungen. Ihr Schwenk von der nicht zu gewinnenden Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus hin zur Kultur- und Identitätspolitik hat sich bis heute in Medien, Politik, Universitäten und sogar in der Privatwirtschaft verfestigt. Keine Weltanschauung genießt derzeit eine solche Diskurshoheit wie die kulturmarxistische. Das verfestigt sich nicht nur im medialen Diskurs, den Semesterprogrammen in der Geistes- und Sozialwissenschaft, sondern auch in der Empirie.

Die Zerstörung der Balance

Marxistische Professoren förderten natürlich auch Marxisten als ihre Nachfolger, und diese halfen sich gegenseitig, wichtige Positionen in den Medien, in der Universitätsverwaltung oder in der Politik zu erlangen. Ganz konkret: Welche Fächer gelehrt werden, welche Personen auf Professuren berufen werden, wird einseitig, wenn die Entscheidungsträger zunehmend aus ein und derselben Denkschule kommen. Die vorherrschende inhaltliche Einseitigkeit der Semesterprogramme, die Nichtberufung von Professoren in den „klassischen” Fächern kann nur durch das Ungleichgewicht der Weltanschauungen an den Universitäten erklärt werden. Dies spiegelt sich in den Zahlen wider. 2007 wurden in den USA 1417 Professoren an 927 Institutionen nach ihrer sozialen und politischen Einstellung befragt: 44 Prozent bezeichneten sich als liberal, also amerikanisch links, 46 Prozent als moderat, also in der Mitte stehend, und neun Prozent als konservativ. Ich bin mir sicher, dass eine Studie im DACH-Raum ähnlich oder noch einseitiger ausfallen würde. Konkretere Zahlen haben wir bei den Medien. 2008 befragte Gallup 500 repräsentativ ausgewählte Medienschaffende in Österreich. 34 Prozent von ihnen fühlten sich den Grünen am nächsten, die ÖVP kam auf 14 Prozent, die SPÖ auf neun Prozent. Zum Vergleich: Bei der Nationalratswahl lagen die Grünen bei rund zehn Prozent, Redaktionen und Bevölkerung liegen also weit auseinander.

Beide Studien zeigen deutlich, wie sich Wissenschaft und Medien weg von der weltanschaulichen Vielfalt hin zur Einseitigkeit entwickelt haben. Dass sich Gruppen mit ähnlichen Weltanschauungen gegenseitig unterstützen, ist nichts Neues. Aber es hat mittel- und langfristig gravierende Auswirkungen auf Gesellschaft und Staat.

Die marxistische Denkschule kann nicht für eine hervorragende Personalpolitik verantwortlich gemacht werden. Die Verantwortung liegt bei den Konservativen selbst. Die konservativen Geistes- und Sozialwissenschaftler und Journalisten hätten für konservativen Nachwuchs sorgen können. Aber sie haben es nicht getan, weil sie Einzelgänger sind. Zur Wahrheit gehört auch, dass das bürgerliche Milieu keinen Wert auf Kreativität legt. Deshalb studieren sie alle Jus, Wirtschaft, Technik oder Medizin. Und warum? Weil Konservative nichts mehr lieben, als Dinge zählen zu können. Diskurshoheit oder Kulturschöpfungen lassen das nicht zu. „Kann man davon leben?“ ist die erste Frage der Konservativen, während die Linken fragen: „Kann man damit etwas bewegen?“

Die Rolle der Konservativen

Die Suche nach Erkenntnis, nach Weisheit, wird heute vor allem aus der Perspektive einer Denkschule betrieben und auch diskutiert. Die Professoren denken ähnlich, die veröffentlichten Bücher und Medienartikel lesen sich ähnlich, der Diskurs und die Denkweisen sind also insgesamt ähnlich. Die Folge ist, dass die geistige Vielfalt in Gesellschaft, Staat und Institutionen zum Erliegen kommt. Es ist zu bezweifeln, dass aus dem gegenwärtigen Zustand der Einseitigkeit ein gesellschaftlicher Fortschritt erzielt werden kann. Die Geschichte liefert dafür keine Beispiele. Fortschritt wurde immer dann erreicht, wenn mehrere Denkschulen aufeinanderprallten und um das bessere Argument rangen. Heute gibt es kein Ringen mehr, weil die anderen Denkschulen in den Institutionen verschwunden sind. Für die Herausbildung unserer zukünftigen Eliten in Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft bedeutet das nichts Gutes. Ihnen fehlt ein breites geistiges Fundament, um die noch nie dagewesene Komplexität der heutigen Probleme nicht nur intellektuell zu erfassen und zu verstehen, was schon schwierig genug ist, sondern auch Antworten zu finden. Wie sollen sie ein Land in die Zukunft führen, wenn selbst die wichtigste Bildungsinstitution eines Staates sie nicht dazu animiert, Weisheit zu suchen?

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Der Autor

Raphael Moser

Muamer Bećirović (*1996 in München) ­studierte Politikwissenschaft und Geschichte. Heute arbeitet er als Kommunikationsberater in Wien und publiziert zu Diplomatie­geschichte und internationaler Politik. Im April erschien seine Biografie „Clemens Metternich oder Das Gleichgewicht der Mächte“ (Osburg-Verlag).

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