"Wickie" im TV: Wir sind entzückt!

Der ORF feiert die ersten 30 Jahre von "Wickie und die starken Männer". Dabei sind es 40. Eine Erinnerung.

"Flogen von Flake flugs,/wagten die wogende Wag,/taten die tobende Tat/zornig zürnten die Götter./Zählten zwanzig der Eimer/und der Halsketten zehn,/der Schalen nur sechs/der Becher nur drei,/zu zahlen dem Zoll dem dänsten der Dänen,/mächtig beim Mahl,/
reisig im Rat,/rührig und ruhmreich/der Klügste der Klugen in Königs Kreis."

Wenn ein Vierjähriger stolz dieses heftig alliterierende (und schön absurde) Gedicht aufsagt, muss das nicht heißen, dass seine Eltern sonderlich nordisch gesinnt sind. Sie haben nur das Glück, noch ein Exemplar des längst vergriffenen Buchs "Wickie und die starken Männer" von Runer Jonsson (1964 erstmals auf Deutsch erschienen) zu besitzen. Darin singt der Flake-Wikinger Ulme dieses Lied dem dänischen Oberzollwächter vor, der soeben durch einen von Wickies Tricks - Netz mit den Schätzen unter dem Schiff versteckt - um den Zoll geprellt wird. "Ja, ein wirklich gutes Lied!", lobt der Oberzollwächter darauf: "Ein wenig holprig noch und etwas zu neuartig." Ulme möge noch ein wenig mehr "auf das Mass seiner Silben achten".

In der entsprechenden TV-Folge (1972 in Japan produziert) namens "Übers Ohr gehauen" klingt Ulmes Lied simpler: "Das Gold und das Silber, das alles ist futsch, die Ringe und Ketten, das alles ist futsch, oh weh, wir trafen da draußen den schrecklichen Sven, er klaute uns alles, der schreckliche Sven." Nicht nur dieser Vergleich zeigt, wie hier vereinfacht wurde. Jonssons Buch und seine Fortsetzungen ("Wickie und die Blauschwerter", "Wickie und die großen Drachen", "Wickie und die Rothäute") besticht etwa durch seitenlange - als Gute-Nacht-Lektüre darum nur bedingt geeignete - Dialoge zwischen dem feigen, aber klugen Wickie und seinem nach Gulasch gierenden, laut Attest seiner Frau Ylva "ein bisschen ungehobelten und raubeinigen" Vater, dem Häuptling Halvar.

"Hättest du nur Wickies Köpfchen, du brauchtest nicht einäugig und einohrig herumlaufen", sagt Ylva zu Halvar. Dass Wickie trotz Widerwillen vor den heldischen Attitüden der starken Männer nicht zum Muttersöhnchen an Ylvas Rockzipfel wird, verdankt er seiner Findigkeit und seinen Erfindungen, vom Lasso über Wasserski und Katapult bis zum Juckpulver. So infiltriert er die Männerwelt mit Geist.

Wie Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf" (1949), wo der Spott freilich der "Erwachsenenwelt" insgesamt gilt, ist Jonssons "Wickie" ein Kinderbuch-Klassiker der subtil antiautoritären Art. Und darum wurde es auch in den Siebzigerjahren so erfolgreich verfilmt - mit einem Titelsong, dessen hoch dramatischer Anfang sich mit Hardrock-Klassikern der Zeit (Nazareth, Slade u. ä.) messen kann. Auch in den Filmen findet sich manch hübsches Spiel mit Rollen - dass Halvar etwa all sein erbeutetes Geld an Ylva abliefern muss und sich mit Wickies Hilfe ein wenig beiseite legen will (für ein repräsentatives Schwert, das ihm doch zusteht, oder?), kann die Vater-Sohn-Solidarität in der fernsehenden Familie fördern.

Und was der Verfilmung an Sprachspielerei fehlt, macht sie durch gelungene Typologie wett: der kriegslüsterne und streitlustige Tjure, der herzig-ungeschickte Snorre (dem eine hübsche Frau zugesellt wird), der naiv-euphorische Gorm ("Ich bin entzückt!"), der altersweise Urobe, der dicke und schüchterne Faxe, der Barde Ulme - der im Gegensatz zu seinem Asterix-Pendant Troubadix bisweilen eben schon singen darf. Im Fernsehen leider keine Stabreime.

Ab 5. 7. wochentags um 12.40 in ORF1.

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