Blick auf Jersey
Kanalinseln

Jersey, ein schräges Eiland im Ärmelkanal

Auf der Kanalinsel Jersey trifft britischer Lifestyle auf französisches Savoir-vivre. Ein Ziel für Ruhesuchende und Abenteurer.

Der Wecker läutet früh in der St. Brelade’s Bay, denn kurz nach sieben geht die Sonne auf. Der Tag beginnt entspannt mit Sand unter den Füßen und den ersten Strahlen im Gesicht. Den Strand teilt man sich da noch mit ganz wenigen Menschen – die einen sind mit ihren Hunden unterwegs, die anderen stürzen sich in der Morgensonne in die kühlen Fluten. Und wer Geld mitnimmt, holt sich in einem der Coffee-Shops an der Promenade einen Kaffee. Die Bucht ist nur einer der einzigartigen Plätze auf Jersey. Als die größte der Kanalinseln hat sie viele Besonderheiten zu bieten, selbst Kurioses.

Wie die anderen Kanalinseln auch ist Jersey kein Teil des Vereinigten Königreichs, sondern untersteht als Kronbesitz aktuell keinem Geringeren als King Charles III. Wenn man in der Hauptstadt St. Helier, benannt nach dem Schutzheiligen der Insel, einen Blick auf die Straßenschilder wirft, entdeckt man noch die alten Verbindungen zu Frankreich, der früheren Zugehörigkeit zur Normandie. Und wäre die Schlacht um Jersey 1781 anders ausgegangen, würde die Bond Street heute nach wie vor Rue de la Madelaine heißen, erzählt Clive Jones von Jersey Uncovered. Für Verdienste um das Kulturerbe in Jersey wurde ihm der Titel „Member of the Order of the British Empire“ (MBE) verliehen. Von ihm erfahren wir, dass Jersey seine eigene Währung hat, das Jersey-Pfund, aber auch seine eigene Sprache, das Jèrriais oder Jersey-Französisch. Spezielle Bedeutung hatte sie vor allem während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg, da die Einheimischen miteinander sprechen konnten, ohne von den Deutschen verstanden zu werden.

Austern werden in der Royal Bay of Grouville gezüchtet. Die Zucht ist eine der größten der ­britischen Inseln.
Austern werden in der Royal Bay of Grouville gezüchtet. Die Zucht ist eine der größten der ­britischen Inseln. Margret Groier

Die Big Four

Ein Spaziergang durch St. Helier führt vorbei am ältesten Pub, dem The Lamplighter, durch die Fußgängerzone und über den Royal Square, der ursprünglich der Marktplatz der Insel war und auf dem die Statue von George II. steht – auf zwei linken Füßen. Obst- und Gemüsestände, kleine Läden, Lokale, Cafés und Bäckereien füllen die Markthalle. In deren Zen­trum steht ein farbenfroher Brunnen unter einer beeindruckenden Glaskuppel. Einmal ums Eck liegt der Fischmarkt, wo man unter viel Fangfrischem auch Hummer und Austern findet. Gemeinsam mit den Frühkartoffeln, den „Jersey Royals“, und den Produkten aus der Milch der Jersey Cow (das Fudge ist fast ein Muss) zählen sie zu den kulinarischen „Big Four“ der Insel. Und diese begegnen einem auf unterschiedlichste Weise, während man auf dem als Steueroase geltenden Eiland unterwegs ist.

Wer die Augen offenhält entdeckt sie recht bald auf den Weiden, die golden-braune und recht kleine Jersey Cow, eine der ältesten Rinderrassen der Welt. Von der berühmten Cremigkeit ihrer Milch überzeugen wir uns bei einem Eis nach den Sandwiches direkt am Strand. The Hungry Whale liegt am Long Beach in Grouville. In dem Strandcafé speist man lässig mit Meeresrauschen und Blick auf Mont Orgueil Castle, das imposant über der Ortschaft Gorey thront.

»Im 17. Jahrhundert war es verboten zu stricken. Der Grund: Seetang!«

Vor der Verkostung der Austern heißt es rein in die Gummistiefel und raus ins Watt. Dafür sollte man sich allerdings eine erfahrene, ortskundige Begleitung suchen. Denn Jersey ist bekannt für den schnellen und extremen Wechsel der Gezeiten. Er ist einer der größten weltweit, der selbst Einheimischen durchaus zum Verhängnis werden kann und die Insel bei Ebbe doppelt so groß werden lässt, erzählt Trudie Hairon von Jersey Walk Adventures. Sie führt uns sicher durch das Watt bis zum Seymour Tower und wieder zurück. Die gebürtige Augsburgerin hat es der Liebe wegen nach Jersey verschlagen, und es gibt kaum eine Frage, die sie nicht ausführlich beantworten kann.

Die Auswahl in der Markthalle von ­St. Helier ist so abwechslungsreich wie die Farben.
Die Auswahl in der Markthalle von ­St. Helier ist so abwechslungsreich wie die Farben.Margret Groier

Draußen im Watt

Die Wanderung über den Meeres­boden offenbart, was nur Stunden später wieder unter Wasser verschwindet. Die weitläufigen Austernbänke in der Royal Bay of Grouville zum Beispiel. Von deren frischem, süßem Geschmack können wir uns am Ende der Tour überzeugen, denn Trudie hat neben unzähligen Gummistiefeln auch eine Kostprobe im Auto dabei.

Auf dem Weg Richtung Seymour Tower erzählt sie von Wattwürmern, die helfen, den Meeresboden zu belüften, indem sie bis zu 20  Kilo Sand im Jahr fressen und ihn gereinigt wieder ausscheiden. In den Felsenbecken hebt sie zielsicher Steine auf, an denen Seesterne auf die Rückkehr des Wassers warten, sie schnappt sich Krebse und erklärt detailliert die unterschiedlichsten Arten von Seetang, die große Teile des Bodens bedecken. Der Seetang hat eine große Bedeutung auf der Insel, so groß, dass man im 17. Jahrhundert sogar so weit ging, das Stricken (ein damals wichtiger Erwerbszweig) zu verbieten, um Zeit für die Ernte zu haben.

Seetang wird heute noch geerntet, und man findet ihn in Form von Black Butter auf den Speisekarten der besten Lokale. Im Ocean-Restaurant des Atlantic Hotels an der Westküste zum Beispiel beendet Küchenchef Will Holland das Menü mit einer „Apple and Jersey Black Butter tarte fine“. Holland wurde übrigens Ende des vergangenen Jahres als „National Chef of the Year“ ausgezeichnet. Die Zutaten in seiner Küche kommen aus der unmittelbaren Umgebung und werden mit viel Kreativität auf den Teller gebracht.

Auf den Straßenschildern der Hauptstadt St. Helier trifft britische Gegenwart auf französische Vergangenheit.
Auf den Straßenschildern der Hauptstadt St. Helier trifft britische Gegenwart auf französische Vergangenheit.Margret Groier

Nach vorn geneigt

Abseits von Stadtbummel und Wattwanderung lässt sich die Insel mit dem Rad entdecken. Unter den gut ausgeschilderten Strecken finden sich Routen mit unterschiedlichem Anspruch. Nicht außer Acht lassen sollte man allerdings, dass der Linksverkehr gemeinsam mit engen und oft steilen, kurvigen Straßen ein gewisses Abenteuer darstellen kann. Ganz oben auf der Aktivitätenliste steht natürlich Wassersport – bei einer Ausdehnung der Insel von acht mal 14,5 Kilometern ist das Meer nie weit entfernt. Und durch den Golfstrommit einem milden Klima versorgt. Auf einem SUP, in einem Kanu oder per Jetski lassen sich Jerseys Buchten aus anderen Blickwinkeln entdecken. Und Unterschiede ausmachen.

Wer an der Nordküste unterwegs ist, wird sehen, dass die Küste eher schroff und steil abfallend ist, während im Süden Strände liegen, die flach ins Meer hineingleiten. Der Grund dafür ist, dass Jersey von Norden nach Süden nach vorn geneigt ist, erklärt Patrick Burke, Inhaber und Geschäftsführer des Atlantic Hotels. Von dort aus bietet sich ein Blick über die St. Ouen’s Bay mit den angeblich besten Surfstränden Europas. Nicht von ungefähr wurde der erste Surfclub Europas in Jersey gegründet, weiß Burke zu berichten.

Sommerfrische auf britische Art: Das hat Tradition in der St. Brelade’s Bay.
Sommerfrische auf britische Art: Das hat Tradition in der St. Brelade’s Bay.Visit Jersey

Neandertaler und Leuchtturm

Besonders beliebt für eine Auszeit ist die geschützte St. Brelade’s Bay. Je weiter sich das Wasser zurückzieht, desto lebhafter wird es am Strand. Im Wasser tummeln sich Kanu­fahrer, es wird Beachball oder Fußball gespielt und – ganz britisch – gepicknickt. Wem das zu viel Trubel ist und wer den steilen Auf- und Abstieg nicht scheut, wird in der Portelet Bay mit Ruhe und Abgeschiedenheit belohnt.

An Bord der Jersey Duchess schippert man von St.Helier aus an versteckten Buchten vorbei und erfährt Interessantes zur Geschichte. Von Neandertalerfunden in der Höhle von St. Brelade ist die Rede, einem der ältesten Bauten der Welt, der megalithischen Anlage La Hougue Bie. Und von einem Netz aus Tunnels und Bunkern aus der Besatzungszeit – Jersey war Teil des Atlantikwalls der Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Das Schiff wendet am Leuchtturm von La Corbière, einem der bekanntesten Wahrzeichen.

Wieder in St. Helier wartet noch einmal ein kulinarischer Höhepunkt – im Longueville Manor Hotel, einem luxuriös restaurierten Herrenhaus aus dem 13. Jahrhundert. Beeindruckend sind der Park mit Pool – samt Blick auf die benachbarten Jersey-Rinder – und der riesige Garten, der in Zusammenarbeit mit dem Küchenchef bepflanzt wird. Jersey sei ein großartiger Platz, um nichts zu tun, meint Daniela Corasaniti vom Longueville Manor Hotel über das Leben auf Jersey. Da mag sie recht haben, es ist aber auch ein großartiger Ort, um vor oder nach dem Nichtstun doch einiges zu erleben.

Info

Unterkunft: Boutiquehotel Cristina, 4*, cristinajersey.com, St. Brelade’s Bay Hotel. Stilvoller Luxus, stbreladesbayhotel.com

Exklusiv wohnen und essen: The Atlantic Hotel, theatlantichotel.com; Longueville Manor, Relais & Châteaux, longuevillemanor.com

Einkehr am Strand: The Hungry Whale, beachcafejersey.com

Unterwegs: Jersey Walk Adventures, jerseywalkadventures.co.uk; Inselabenteuer mit Jersey Uncovered, jerseyuncovered.com

Infos: Visit Jersey, jersey.com

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