Gastkommentar

Der Michaelerplatz darf sich entwickeln

Nostalgische Befindlichkeiten, wie an dieser Stelle zuletzt mehrfach von Wolfgang Pauser und Wolfgang Lorenz geäußert, sind kein geeigneter Maßstab für urbane Entwicklung.

Gewiss, ein paar Bäume am Michaelerplatz werden unser Klima nicht retten. Neun Bäume, in Baumschulen gezogen, mit Kränen an präzise definierten Punkten verortet sind dort so zu Hause wie Pferdehufe auf Asphalt. Und trotzdem ist die Stadtverwaltung nahezu in der Pflicht, die geplanten Maßnahmen – barrierefreie Oberfläche, kühlendes Wasser, Schatten – umzusetzen, denn sie verleihen der urbanistischen Ambition Ausdruck, den öffentlichen Raum zugänglicher, lebenswerter, und naturnaher zu gestalten; nostalgische Befindlichkeiten hingegen sind kein geeigneter Maßstab für urbane Entwicklung.

Mit zunehmender Geschwindigkeit setzt sich in unserer Gesellschaft – besonders unter Jüngeren – die Einsicht durch, dass Urbanität und Natur kein Widerspruch sein dürfen. Dazu müssen Wege und Strategien zur symbiotischen Koexistenz gefunden werden. Dies ist eine durchwegs sinnvolle Entwicklung und findet in der Pflege des Stadtbildes als Kulturraum seinen Niederschlag.

Die Stadt reagiert seit jeher auf wechselnde, oft auch widersprüchliche Anforderungen, mit nahezu sprunghaften Entwicklungsschritten. Andere Plätze wurden ganzheitlich entworfen und im Laufe der Jahrhunderte ergänzt und/oder komplettiert. Der Michaelerplatz hingegen ist ein geeignetes Beispiel dafür, wie unser weltanschaulicher Anspruch an die Stadt im Laufe der Jahrhunderte wechselte und erst vor Kurzem zum bestehenden, architektonisch eklektischen Ensemble zusammenfand.

Die Genese des Michaelerplatzes greift bis in die Antike, die man – fast schon ironisch – durch die Linse von Hans Holleins Intervention der 1990er-Jahre erlebt. Drumherum Bauten aus dem theokratisch geprägten Mittelalter, der imperialistisch geprägten Neuzeit bis hin zur demokratisierenden Phase der Vorkriegszeit. Seither prägt das Stadtbild nichts so sehr wie die sukzessive Verdrängung jeglicher Aufenthaltsmöglichkeit durch den motorisierten Individualverkehr. Allerhöchste Zeit, hier qualitätvollen Lebensraum zu schaffen, der Menschen zum Verweilen einlädt!

Gäbe es den Glücksfall Looshaus überhaupt?

Die Kritiker der Neugestaltung flüchten sich in einigermaßen unpräzise Forderungen, die „Wirkung“ des Platzes nicht zu beeinträchtigen. Dieser Kritik kann und muss architektonisch begegnet werden. Gut möglich, dass die Stadtregierung hier dominierend vorgegangen ist. Jedoch: Gäbe es heute den Glücksfall Looshaus, wenn das gesamte damalige Architektur-Establishment um Stellungnahme gebeten worden wäre?

Um neuartige Eingriffe in das gewachsene urbane Gefüge durchsetzen zu können, muss sich die Gesellschaft bereits deutlich weiter entwickelt haben, als der gebaute urbane Status quo vermuten ließe. Insbesondere in Wien (und Wien hat hier kein Alleinstellungsmerkmal in Österreich), wo nahezu fetischistisch eigene Gewohnheit gegen jegliche Veränderung verteidigt wird, hätte ein Eingriff, wie er derzeit am Michaelerplatz vollzogen wird, keine politische Chance, wäre er nicht schon längst überfällig. Die Breite des Widerstands gegen die Neugestaltung unterstreicht die der Neugestaltung vorangegangene gesellschaftliche Evolution zu einer politischen Priorisierung von Diversität, Inklusion, und Nachhaltigkeit. Vielleicht lässt sich die Vehemenz der Ablehnung dieser politischen Qualitäten darin begründen, dass sie eben auch – zu Recht – ins gewohnte Stadtbild eingreifen?

Zum Glück ist der Michaelerplatz wie er ist, und zum Glück darf er sich nun auch verändern.

Nico Weiß (* 1976) ist Architekt in Salzburg. BA in Politikwissenschaften, M. Arch., beides Columbia University NYC, Vizepräsident der Kammer der Ziviltechniker OÖ und Salzburg. E-Mails: debatte@diepresse.com

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