Kritik Konzert

Musikverein: Brahms ist kein Exerzierfeld!

Die Sächsische Staatskapelle Dresden enttäuschte im Musikverein auch bei ihrem zweiten Gastspielabend. Diesmal unter Marie Jacquot.

Als „Wunderharfe“ hat Richard Wagner einst die Staatskapelle Dresden, deren Kapellmeister er bekanntlich war, bezeichnet. Da war sie wohl in einer besseren Verfassung als bei ihrem zweiten Wiener Gastspielabend. Ihn hätte ursprünglich ihr Noch-Chefdirigent Christian Thielemann leiten sollen. Für ihn sprang Marie Jacquot ein. 

Als Erste Gastdirigentin der Wiener Symphoniker müsste sie mit der Akustik des Goldenen Saals besonders vertraut sein, wissen, dass sich hier Wirkung auch ohne auftrumpfende Dynamik erzielen lässt, man sich vom besonderen Ambiente besonders inspirieren lassen kann. Nicht zuletzt bei Komponisten, die diesen Ort bei ihren Kompositionen vielfach vor Augen hatten. Wie Johannes Brahms

Ob Marie Jacquot, deren Weg demnächst zu Chefpositionen in Kopenhagen und Köln führen wird, gut beraten war, sich die anspruchsvolle Vierte Symphonie auszusuchen? Vor allem der erste Satz verlangt nach einem weiten Atem, nach großen, spannungserfüllten Bögen. Sonst gerät dieses auf Großzügigkeit angelegte Allegro non troppo leicht in Gefahr, sich in Details zu verheddern, wie diesmal. Um die duftige Kantabilität des Andante moderato wirklich herauszuarbeiten, braucht es Zeit, damit sich ihr Melos ruhig entfalten kann. Jacquot hätte mehr auf das Orchester hören müssen. Den dritten Satz dieser e-Moll-Symphonie – ausdrücklich mit Allegro giocoso betitelt – hat sich Brahms sicher nicht so angehakt und schroff akzentuiert vorgestellt. Fast wähnte man sich auf einem militärischen Exerzierfeld. Kräftig und lautstark ging es dann, wiederum unterschiedlich präzise, in die Schlusspassacaglia. 

Schon bei den beiden Stücken vor der Pause, den populären wie heiklen Strauss’-Tondichtungen „Don Juan“ und „Till Eulenspiegels lustige Streiche“, Meisterwerke pointenreicher Charakterisierungen, triumphierte Plakativität über einem sorgfältigen Narrativ. Die Subtilität beider Strauss-Frühwerke, ihre spezifische rhythmische Rhetorik, kam ziemlich unter die Räder. Nur in wenigen Momenten vermochte Jacquot dem Orchester jenes differenzierte Klangbild zu entlocken, wie man es sonst von den Dresdnern gewohnt ist. Zudem hatten die Bläser wiederholt gegen Irritationen anzukämpfen. Auch die Konzertmeister-Soli gelangen nur solide. Von einer „Wunderharfe“ war man an diesem Abend um einiges entfernt. Schade. 

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