Landwirtschaft

NGOs gegen Bayer: Glyphosat-Beschwerde bei der OECD

Wie viel Chemie tut dem Acker gut? Zivilgesellschaftliche Organisationen wollen auch diese Frage bei der OECD klären lassen.
Wie viel Chemie tut dem Acker gut? Zivilgesellschaftliche Organisationen wollen auch diese Frage bei der OECD klären lassen.Clemens Fabry
  • Drucken
  • Kommentieren

Sechs zivilgesellschaftliche Organisationen wollen es genau wissen: Sie reichen in Deutschland gegen den Bayer-Konzern eine OECD-Beschwerde ein. Stein des Anstoßes: Gentechnisch verändertes Saatgut und Glyphosat.

Bis zum Sommer hat die nationale Kontaktstelle der OECD in Berlin Zeit, eine Entscheidung zu fällen. Dann muss klar sein, ob die Beschwerde von sechs Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen zugelassen wird oder nicht. Ist dies der Fall, dann folgt de facto eine Mediation, in deren Verlauf eine Kompromissformel zwischen dem belangten Konzern und den zivilgesellschaftlichen Gruppierungen gefunden werden soll.

Die Vorwürfe, die das bischöfliche Hilfswerk Misereor sowie das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR), Centro de Estudios Legales y Sociales (CELS), Fundación Tierra, Terra de Direitos, Base Investigaciones Sociales (Base IS) erheben, lauten, dass die Leitsätze der OECD von der Bayer AG nicht oder nicht konsequent genug eingehalten werden. In Deutschland eingebracht (unmittelbar vor der Hauptversammlung der Aktionäre) wurde die Beschwerde, weil die Konzernzentrale in Leverkusen liegt. Hier, vom deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen, werde die gesamte Policy des Konzerns gesteuert.

„Verabsäumt, auf Menschenrechts- und Umweltrisiken zu reagieren“

Den Beschwerdeführern geht es konkret um die Richtlinien, die auf die Einhaltung der Menschenrechte und den nachhaltigen Umweltschutz abzielen. Dazu haben sich die Organisationen tief in die Geschäftsgebarung der Konzern-Töchter in Südamerika gekniet, insbesondere in Argentinien, Brasilien, Bolivien und Paraguay.

Die Quintessenz, die Sarah Schneider, Expertin für Landwirtschaft und Welternährung bei Misereor, zieht, belegt - jedenfalls für Misereor -, dass der Konzern in Südamerika ein Agrarmodell fördere, das zu Nahrungsunsicherheit, Wasserknappheit, extremer Abholzung, Biodiversitätsverlust, gravierenden Gesundheitsauswirkungen sowie Landkonflikten mit indigenen und bäuerlichen Gemeinschaften führe. „Das Unternehmen hat es versäumt, auf die schwerwiegenden Menschenrechts- und Umweltrisiken, die unmittelbar mit seinem Geschäftsmodell in der Region verbunden sind, angemessen zu reagieren. Weder wurden die Auswirkungen der Nutzung von gentechnisch verändertem Saatgut und Pestiziden überwacht, noch wurden effektive Maßnahmen ergriffen, um diese zu verhindern und abzumildern”, sagt Schneider. 

Mehr als die Hälfte der Agrarflächen in den genannten vier Ländern werden mit gentechnisch verändertem Soja-Saatgut bewirtschaftet. Die Bayer AG ist dort führend bei der Vermarktung von glyphosat-resistenten Soja-Saatgut und den entsprechenden Pestiziden führend.

„Sicherheit an erster Stelle“

Abeld Areco, Leiter der paraguayanischen Organisation „Base IS“: „In der Beschwerde zeigen wir, dass die Menschen in unserer Region aufgrund des fortschreitenden Sojaanbaus an Vergiftungen und schweren Krankheiten leiden; die lokalen Wasserquellen sind so verschmutzt, dass sie nicht mehr genutzt werden können; Indigenen und bäuerlichen Gemeinschaften wird ihr Land genommen, was ihre Lebens- und Ernährungsweise beeinträchtigt; Tausende von Hektar Wald verschwinden, wodurch die lokale Tier- und Pflanzenwelt bedroht ist.”

Die OECD-Beschwerde dokumentiere vier konkrete Fälle, die die negativen Auswirkungen dieses Agrarmodells in Gebieten zeigen, in denen Bayer AG (bzw. Tochterfirmen) Produkte in großem Umfang vermarkten. Das Dossier, mit dem die zivilgesellschaftlichen Organisationen die Beschwerde bei der OECD begründen, umfasst 75 Seiten.

Seitens der Bayer AG heißt es dazu, dass „die Sicherheit unserer Produkte für uns immer an erster Stelle steht“, so ein Konzernsprecher. „In zahlreichen Sicherheits- und Zulassungsstudien zu unseren Produkten weisen wir dezidiert und anhand von fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen nach, dass unsere Produkte bei sachgemäßem Gebrauch gemäß der Anwendungshinweise sicher sind und weder Menschen, noch die Umwelt, einem inakzeptablen Risiko ausgesetzt sind. Unsere chemischen und biologischen Pflanzenschutzmittel werden in der frühen Entwicklungsphase gründlich auf ihre Wirkungsweise, ihre toxikologischen Eigenschaften und das Ausmaß möglicher Rückstände in Pflanzen und in der Umwelt geprüft.“

Im Übrigen sei die Zulassung von Glyphosat erst vor kurzem von der EU verlängert worden. Es gebe Schulungen für Landwirte, 2023 seien 5,2 Millionen erreicht worden, heißt es, 300.00 davon in Lateinamerika.

Und weiter: „Die von den NGOs beschriebenen Fälle passen nicht zum Produkt- und Sicherheitsprofil von Glyphosat.“ Betont wird auch, dass die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) zum Schluss gekommen sei, dass „Glyphosat nicht krebserregend, mutagen oder reproduktionstoxisch“ sei, eine Meinung, die auch die „zuständige“ Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) keine kritischen Problembereiche festgestellt habe.

Fünf Milliarden bei Gericht erstritten

Allerdings: Diese Positionen waren nicht unumstritten, nachdem die Krebsforschungsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Schluss gekommen ist, dass Glyphosat eine „wahrscheinlich krebserregende Wirkung“ habe.

2022 hatte es zudem der Supreme Court in den USA abgelehnt, ein Verfahren aufzurollen, in dessen Verlauf ein Amerikaner seine Krebserkrankung auf Glyphosat zurückgeführt, Recht bekommen und einen Schadenersatz in zweistelliger Millionenhöhe zugesprochen bekommen hatte.

Insgesamt ist Bayer AG, die den Glyphosat-Hersteller Monsanto im Juni 2018 gekauft und in den Konzern integriert hatte, mit etwa 170.000 Klagen konfrontiert. Man habe sich, so ein von Bayer erstmals 2021 publizierter „Fünf-Punkte-Plan“, in 113.000 Fällen verglichen. Große Erwartungen werden vom Konzern in ein Urteil beim Supreme Court gesetzt, bei dem Bayer AG die Feststellung beantragt hat, dass ein Warnhinweis nicht nötig sei. Die US-Umweltbehörde EPA hatte ein Label ohne Warnhinweis genehmigt. Dies würde die meisten Glyphosat-Verfahren beenden, glaubt die Bayer AG. Die US-Anwaltskanzlei „Miller & Zois“ meldet unterdessen, dass bisher von Bayer fünf Milliarden US-Dollar an Schadenersatzzahlungen erstritten worden seien.

Zurück zur OECD-Beschwerde. Darauf Bezug nehmend heißt es im Bayer-Statement: „Einige NGOs versuchen immer wieder, die konventionelle Landwirtschaft zu diskreditieren. Dazu nutzen sie sehr oft Vorwürfe, die einer eingehenden Prüfung und einer wissenschaftlichen Analyse nicht standhalten.“ Und außerdem: „. In der Vergangenheit wurden von Journalisten im deutschsprachigen Raum sehr oft NGO-Aussagen übernommen, ohne diese einer gründlichen und objektiven Prüfung zu unterziehen.“

„Zu langfristigen Lösungen beitragen“

Auf die OECD-Beschwerde heißt es knapp: „Wir arbeiten an einer ausführlichen Stellungnahme, die wir im Rahmen des OECD-Prozesses fristgerecht einbringen werden.“

Silvia Rojas Castro, Legal Advisor beim ECCHR, einem der Beschwerdeführer, meint dazu: „Die OECD-Leitsätze legen eindeutig Sorgfaltspflichten für die nachgelagerte Wertschöpfungskette fest, insbesondere in Fällen, in denen der Missbrauch eines Produkts vorhersehbar ist. Wir fordern, dass Bayer für gentechnisch verändertes Soja und Pestizide auf Glyphosatbasis Sorgfaltspflichten entwickelt, die risikobasiert sind und den Kontext in Lateinamerika berücksichtigen, um zu langfristigen Lösungen beizutragen.”

Schwerpunkt Klimawandel

Die Erderhitzung und die grüne Wende verändern Natur, Gesellschaft und Märkte auf der Welt grundlegend. Das Klima-Team der „Presse“ liefert Hintergründe, jüngste Forschungsergebnisse und Debatten rund um eines der drängendsten Probleme unserer Zeit.

Alle Artikel finden Sie unter diepresse.com/klima. Sie wollen keinen wichtigen Beitrag verpassen? Abonnieren Sie Klimawandel als Push-Nachricht in den Einstellungen der „Presse“-App.

Und: Hören Sie doch einmal in den Klimapodcast „Der letzte Aufguss

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.