Gastkommentar

Wir hätten für alle Platz

(c) Peter Kufner.
  • Drucken
  • Kommentieren

Sprach Papst Franziskus nun abfällig über Homosexuelle in Priesterseminaren oder doch nicht? Lehren aus einer seltsamen (Medien-)Posse.

Allmählich könnte man den Eindruck gewinnen, die römisch-katholische Kirche hätte nur zwei Themen zu verhandeln: die Frauenordination und den Umgang mit Homosexualität. Beide werden teils emotional, teils argumentativ, zeitweise innerhalb, meist jedoch außerhalb der christlichen Glaubensgemeinschaft diskutiert. Und das, obwohl – so wurde es neulich auf dem deutschen Katholikentag in Erfurt ausgedrückt – die Mutter Kirche gut daran täte, ihre vielfältige und nicht minder zur Orientierung beitragende Botschaft stärker zu profilieren beziehungsweise alternativ-kooperativ zum gesellschaftlichen Zeitgeist-Diktum zu vertreten.

Hinweis

Gastkommentare und Beiträge von externen Autorinnen und Autoren wie dieser hier müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

>>> Mehr aus der Rubrik „Gastkommentare“

Tatsächlich werden aber alle ernst zu nehmenden Versuche, sich gemäß den Glaubensgeboten und dennoch mit größter Sympathie für die Bedürfnisse, sprich: (überzogenen) Erwartungen der Säkulargesellschaft, mit den sogenannten heißen Eisen zu beschäftigen, torpediert, indem selbst gut begründete Entscheidungen des Papsts in der Tradition mit seinen Vorgängern bestenfalls belächelt, schlimmstenfalls von seinem eigenen Personal ignoriert werden.

Kein Wunder also, dass auf missliebige, weil endgültige Entscheidungen des Kirchenoberhaupts auch mit einer gewissen Verächtlichmachung des gesamten Systems Kirche reagiert wird, die alte Vorurteile wie neu gestreute Gerüchte aufnimmt und als eigenes Opium unter das Volk bringt.

Der Papst wird nur halb gehört und verstanden

Ähnlich geschah es unlängst, als eine vermeintliche oder bewusst falsch wiedergegebene Äußerung des Papsts in einem quasi privaten Rahmen durchsickerte und es plötzlich in allen Schlagzeilen der Welt hieß, Franziskus, der sich 2013 noch kein Urteil über Homosexuelle anmaßen wollte, spricht nun abfällig über „froci“ (Schwuchteln) in seinen Priesterseminaren, was jedoch alsbald glaubhaft dementiert und von einer persönlichen Entschuldigung begleitet wurde.

Nichtsdestotrotz kamen bald die Hinweise auf eine Ansprache des Heiligen Vaters vom 3. August 2023, als er während des Weltjugendtags in Portugal festhielt: „In der Kirche ist niemand überflüssig. Es ist Platz für alle. So wie wir sind.“ Zweifellos hat Papst Franziskus damit etwas absolut Richtiges und Wichtiges gesagt, wurde allerdings nur halb gehört bzw. verstanden. Denn liest man die Rede nicht nur in Auszügen, sondern auch ihren Subtext, wird man feststellen, dass zwar alle – die wir Sünder mit Problemen, Begrenzungen, Mängeln und Fehlern sind – Platz in der Kirche haben, damit aber auch die Aufforderung zu Bekehrung und Umkehr, die zum Christsein unbedingt dazugehören, einhergeht.

Die römisch-katholische Kirche hat zwar allen Grund, ihre Antennen feiner zu justieren, um zuerst die Anrufe ihrer engsten Mitglieder und danach die Kritik der Fernstehenden zu empfangen; aber im Gegenzug sollte es auch die Sensibilität und den Realitätssinn geben, dass Entscheidungen nicht aus dem Bauch heraus getroffen werden dürfen und, dass es Gebote wie Traditionen gibt, die den Wesenskern des Glaubens ausmachen und – trotz des Widerspruchs von Zeitgeist und -genossen – nicht aufgegeben werden können.

Martin Kolozs (*1978) ist Autor und katholischer Publizist, lebt in Wien. www.martinkolozs.at

Reaktionen senden Sie bitte an: debatte@diepresse.com

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.