Gastkommentar

Warum politische Diskurse Respekt brauchen

(C) Peter Kufner
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Respekt erkennt die Differenz – das Anderssein des Gegenübers – an und lässt diese gelten.

Zugegeben, gewinnen lässt sich damit nichts – und das bedeutet heutzutage: keinen Wahlsieg erringen. Nichtsdestoweniger bleibt Respekt die Grundlage des politischen Diskurses, auch wenn der Begriff gern missverstanden wird. Im Kern steht die Achtung voreinander, vor demokratischen Institutionen und vor dem gesellschaftlichen Miteinander.

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Zunächst geht Respekt über die simple Anerkennung des anderen – sei es als Nachbar, Fremder oder Gegenüber – hinaus. Es handelt sich auch nicht um eine altmodische Form der Ehrerbietung im Sinn preußischer Zweckkonformität und Autoritätshörigkeit. Zur Differenzierung lässt sich zwischen horizontalem Respekt unter Gleichgestellten und vertikalem Respekt unterscheiden, der uns in schulischen und beruflichen Kontexten oder im Exekutivhandeln entgegentritt. Vertikaler Respekt verweist auf eine dem Gesellschaftsleben innewohnende Hierarchisierung. Allerdings wäre es ein Missverständnis, diese notwendige „Gesellschaftsordnung“ – die auch hierarchisch strukturiert ist – mit Unterwürfigkeit gleichzusetzen.

Eventuell ist das Missverständnis etymologisch erklärbar: Bezeichnete das französische respect jene Hochachtung, die in ehrfürchtiger Bewunderung mündet, meinte das lateinische respicere noch eine rücksichtsvolle Zurückschau, also differenzierte Berücksichtigung. Der hier gemeinte Respekt umfasst die Achtung vor dem, was den Kern jedes Menschen ausmacht. Und was der Humanismus als conditio humana, als Wesen des Menschen, bewundert hat, sollte unsere Zeit nicht vernachlässigen. Es darf insofern als zivilisatorischer Rückschritt gesehen werden, wenn heute zahlreiche (inter-)nationale Politakteure unermüdlich daran arbeiten, diese Leitkategorie politischen Handelns gleichsam vergessen zu machen.

Die aktuelle Politiklandschaft wäre gut beraten, ein leuchtendes Beispiel zu setzen und jene differenzierte Berücksichtigung zu leben, die als positive Achtung auf gegenseitiger Anerkennung fußt. Hehrer Wunsch, daher unwahrscheinlich. Dabei wäre eine respektvollere Diskurskultur bitter notwendig, entfernt sich die Welt doch zurzeit von Stabilität und tritt in eine neue Phase der Instabilität ein. Die Hyperkomplexität der Megatrends von Geopolitik, Klimakrise und disruptiven KI-Technologien lässt alte Strukturen zerbrechen. Die viel beschworene Generationengerechtigkeit erfordert eine Fernverantwortung und meint die Übernahme von Verantwortung als generationenübergreifende Aufgabe. Das gegenwärtige Unbehagen in der Gesellschaft scheint typisch für kulturgeschichtliche Umbrüche, auch wenn sie – mit Arthur Schnitzler gesprochen – aus der Nähe betrachtet banal erscheinen mögen.

Respekt umfasst nicht nur legitime Rechtsinstitute, sondern den zivilisatorischen Grundkonsens einer wohlgeordneten Weltordnung. 2500 Jahre Demokratiegeschichte und 500 Jahre Völkerrecht sollen dem entgegenwirken, was Hobbes als status belli – den Kriegszustand aus Furcht und Unsicherheit – bezeichnet hat. Selbst in bewaffneten Konflikten gibt es Regeln des menschlichen Anstands, des „Respekts vor dem Feind“ – sei es das Ius in bello, die Responsibility to Protect, Menschenrechte oder der Olympische Frieden. Diese Prinzipien zielen auf einen Grundkonsens der Humanität. Es geht um die Manifestation eines Respekts für und untereinander, d. h. vor der Würde des Menschen – de hominis dignitate, wie es Pico della Mirandola bereits 1496 formulierte.  

50 Shades of Respect

Respektables Politikhandeln ist solches, auf das man noch stolz sein kann. Ein Mangel an Respekt vor demokratischen Institutionen, Rechtsstaatlichkeit oder schlicht der Wahrheit – sei es aufgrund mangelnder charakterlicher Integrität oder amoralischen Verhaltens – delegitimiert politische Entscheidungsträger. Demokratien müssen gegen Angriffe von innen und außen geschützt werden. Und gerade jene, die sich auf demokratischem Weg legitimieren und im plebiszitären Gewand tarnen, müssen wachsam beobachtet werden, um ein kriecherisches Einschleichen des Autoritären zu verhindern. Damit die Demokratie nicht korrumpiert wird, ist Respekt nötig – vor der Verrechtlichung von Macht und der Verstaatlichung von Recht. Dies schließt Achtung vor Gerichtsbarkeit, Gewaltenteilung und freien Wahlen ebenso ein wie vor Minderheitenrechten. Zuletzt sollte ein Mittelweg zwischen der Polarisierung und der Moralisierung von Politikhandeln gefunden werden, gerade wenn es um Themen wie soziale Gerechtigkeit, Nationalität oder Identität geht. Denn Respekt vor der Würde des Menschen beinhaltet zwar Meinungsfreiheit, die Achtung vor der Meinung des anderen endet indes an den Grenzen der Hasssprache.

Xenophobie resultiert aus einem Mangel an Anerkennung des Fremden als je anderes. Respekt erkennt die Differenz – das Anderssein des Gegenübers – an und lässt diese dann gelten. Allerdings bleibt Respekt nicht im Stadium des Getrenntseins stehen, sondern lädt den anderen zu sich ein. Respekt vor kultureller, sprachlicher, religiöser Pluralität ist folglich keine Einbahnstraße, sondern beruht auf Äquivalenz und Reziprozität.  

In politischen wie persönlichen Beziehungen bedeutet dies ein Miteinander ohne Diffamierung: Es umfasst den Respekt zwischen und vor den Geschlechtern, Identitäten, Ethnien, sexuellen Orientierungen und Weltanschauungen – und zwar, mit Ausnahme der Extreme, in alle Richtungen. Meinungspluralität bedeutet Diversität und ist per definitionem vielfältig. Geht es um identitätsstiftende Gruppenmerkmale, sollten weder kulturell tradierte noch mitunter „konservative“ Meinungen automatisch als hegemoniale Feindbilder codiert werden. Ebenso muss die Selbstbestimmung von Individuen oder Gruppen in einer offenen Gesellschaft zur Artikulation gelangen. Andernfalls besteht die Gefahr der Absolutsetzung der eigenen Position, was historisch nur zu oft zur Dogmatisierung der eignen Werthaltung und von dort zur Stigmatisierung aller Andersdenkenden geführt hat. Respekt fördert innergesellschaftliches Verständnis und bildet so die Grundlage für Toleranz und Rücksicht.

Europäische Demokratie

Der EU-Wahlkampf ist wie jeder andere oft schmutzig, da der Respekt als politische Kategorie vernachlässigt wird. Die EU ist das vorläufige Ergebnis eines generationenlangen Strebens nach Frieden und Freiheit auf unserem Kontinent; Werte, die uns in sich eindunkelnden Zeiten wie diesen schmerzlich bewusst werden. Sie mag technokratisch erscheinen, komplex sein oder fern wirken – und ja: So manches Mal ärgern wir uns über ihre Bürokratie. Das liegt aber daran, dass die EU in zivilisationsgeschichtlicher Hinsicht jung ist – und erstmalig. Und wie ein junger Baum ist auch unsere 80-jährige europäische Demokratie noch immer fragil.

Wenn schon nichts anderes, so sollten wir also ein wenig Respekt vor der „Einlösung dieser vergangenen Hoffnung“ (Adorno) und ihrer Manifestation in Form des Europäischen Gedankens haben, indem wir wählen – nämlich: auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Der Autor:

Beigestellt.

Dr. David Manolo Sailer, MA (* 1993 in Wien) absolvierte diverse Studien, seine Dissertation (Philosophie) wurde mit dem Award of Excellence, Staatspreis des Wissenschaftsministeriums, ausgezeichnet. Er ist Co-Herausgeber der Reihe „Politisches Denken in Europa“ bei Nomos; sein neues Buch zum „Politischen Realismus“ erscheint im Sommer.

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