Klima

Güterverkehr: Regierungspläne hinken der Realität hinterher

Die Straße lässt die Schiene zurück. Bahnexperte Kummer plädiert, den Straßenverkehr zu dekarbonisieren.
Die Straße lässt die Schiene zurück. Bahnexperte Kummer plädiert, den Straßenverkehr zu dekarbonisieren.Picturedesk
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Der Güter­verkehr soll laut der Regierung klimaneutral werden. Für Verkehrs­experten Sebastian Kummer entpuppen sich die Pläne aber immer mehr als „Fehleinschätzung“.

Wien. Vor mehr als einem Jahr präsentierte die Bundesregierung den Masterplan für den Güterverkehr bis 2030. Der Plan: Durch „Vermeidung, Verlagerung, Verbesserung“ will die Bundesregierung den Güterverkehr klimaneutral gestalten. Dafür wer­den unterschiedliche Ziele forciert, wie etwa eine Verlagerung des Gütertransports von der Straße auf die Schiene. Genau das passiert bisher aber nicht, sagt Sebastian Kummer, Vorstand des Instituts für Transportwirtschaft und Logistik an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Straße gewinnt, Schiene verliert

Bei der Verteilung der verschiedenen Verkehrsträger (Modal-Split) soll es bei der Straße eine Reduktion von 67 Prozent im Jahr 2018 auf 63 bis 57 Prozent bis zum Jahr 2040 geben. Bei der Schiene soll der Modal-Split durch „entsprechende europäische Zusammenarbeit“ auf 40 Prozent erhöht werden, Österreich allein kön­ne nur eine moderate Steigerung auf 34 Prozent erzielen, so die formulierten Ziele aus dem Umweltministerium.

Für Kummer entpuppen sich diese „Verlagerungshoffnungen“ im­mer mehr als „Fehleinschätzung“. So haben die Marktanteile der Straße zu- und bei der Schiene ab­ge­nom­men, wie Kummer in einer Studie feststellte. Er appelliert an die Regierung, dringend zu handeln. Denn der Trend werde sich für die Schiene fortsetzen. „Anhand der Fakten wird erneut deutlich, dass die Prognosen, auf deren Grundlage Klimaschutzministerium und Regierung planen und entscheiden, eher deren Wunschdenken als der Realität entsprechen“, so Kummer. Der Anteil des Straßengüterverkehrs ist entgegen der Prognose bis 2022 auf 71 Prozent gestiegen. Für 2023 rechnet Kummer mit einem Anteil von knapp 72 Prozent. Das Umweltbundesamt prognostizierte für 2022 einen Straßenanteil von 69 Prozent.

Grund ist unter anderen eine veränderte Marktnachfrage. Kunden wollen kleinere, individuellere Sendungen und erwarten eine höhere Flexibilität. – „Darin ist die Schiene nicht gut.“ Problematisch sind auch die technologischen Nachteile, mit denen die Bahn in ganz Europa zu kämpfen hat, wie etwa unterschiedliche Stromstandards, Spurweiten und Zugsicherungssysteme. Zudem steht der Bahn-Güterverkehr in Konkurrenz mit dem Personenverkehr auf der Schiene, welcher von der Politik bevorzugt werde.

Hinzu kommen bevorstehende Großbaustellen, die den Schienenverkehr in den nächsten Jahrzehnten belasten werden. So soll der Rhein-Donau-Korridor, zu dem etwa die Weststrecke zählt und über den ein Großteil der österreichischen Warentransporte läuft, 2026 generalsaniert werden. Industrievertreter rechnen durch die entstehenden Engpässe mit Mehrkosten von 250 Mio. Euro und fordern einen „entsprechenden finanziellen Ausgleich“ von der Politik. Keine erfreulichen Aussichten für die Industrie, die von der Rezession bereits belastet ist.

Potenziale ausschöpfen

Um die Klimaziele nicht aus den Augen zu verlieren, plädiert Kummer, den Straßenverkehr bestmöglich zu dekarbonisieren. Bis 2030 brächten Elektro-Lkw das größte CO2-Einsparungspotenzial. Bei ihrem Einsatz – vor allem im Nahverkehr – könnten die CO2-Emissionen gegenüber dem Niveau von 2023 um 18 Prozent gesenkt werden. Danach folgt der Einsatz von Biosprit (hydriertes Pflanzenöl, HVO) mit einem Potenzial von zehn Prozent. Wasserstoff (fünf Prozent) spiele derzeit noch eine untergeordnete Rolle, schon allein, weil die Infrastruktur fehlt. „Bis 2040 werden die Einsparpotenziale der Batterieelektrik mas­siv ansteigen, Wasserstoff wird mit den ebenfalls steigenden Einsparpotenzialen von HVO gleichziehen“, so Kummer. Er warnt vor zu vielen „Insellösungen“ in einzelnen Ländern, weil es dann schwierig werde, dass sich eine Technologie flächendeckend durchsetzt.

Für Kummer ist Klimaneutralität frühestens 2050 realistisch – und auch nur dann, wenn alle verfügbaren Potenziale ausgeschöpft werden. Drehschrauben gebe es genügend, so schlägt Kummer etwa vor, an der Aerodynamik von Lkw zu arbeiten. Laut Studien lasse sich der Treibstoffverbrauch durch solche Maßnahmen wesentlich reduzieren. Er plädiert für die Zulassung entsprechender Aufsätze auf die Transporter zur Verbesserung der Aerodynamik. Bisher sei das wegen der ausgenutzten und zugelassenen Maximallänge der Lkw nicht möglich. „Wenn man 60 bis 80 Zentimeter aufbauen dürfte, könnte man damit schon viel einsparen.“

Die Straße lässt die Schien im Güterverkehr auf der Strecke.

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