Gastkommentar

Regisseure, die über alle und alles bestimmen

In Theater und Oper hat sich vieles grundsätzlich geändert. Aber dem Publikum gefällt es nicht mehr.

Komponisten haben Opernwerke komponiert nach Geschichten, die andere verfassten, manchmal stammt das Libretto auch von ihnen selbst. Nur etwa 50 Werke der über tausend, die komponiert wurden, hat die Menschheit lieben und schätzen gelernt. Dabei hat das Publikum immer die Geschichte – also die Vorlage – zusammen mit der dazu geschriebenen Musik erlebt. Mozarts Musik kann man nicht von Da Pontes Text trennen oder umgekehrt! Auch Francesco Maria Piaves Libretto nach Dumas Erzählung der „Kameliendame“ bildet eine Einheit mit Verdis Musik in der „Traviata“. Doch gerade diese Einheit wird im heutigen Theaterbetrieb missachtet.

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Das sogenannte Regietheater versucht alte Geschichten und Geschehnisse „zeitgemäß“ zu machen. Da liebt die Kameliendame ihre Zofe, Anina, und nicht den Landadeligen Alfred Germont. Oder in Puccinis „Tosca“ wird am Ende des zweiten Aktes Scarpia nicht von Tosca erstochen, sondern im nächsten Akt erscheint er auf der Engelsburg und erschießt den Tenorliebhaber Mario persönlich mit einem Revolver. Solche Beispiele von Handlungsveränderungen gibt es zuhauf. Dadurch wirkt die Musik nicht mehr, denn sie entspricht nicht mehr der Handlung. Das Hören und das Sehen werden gewaltsam voneinander getrennt.

Das Unding Regietheater

Das Unding des Regietheaters ist durch musikunkundige Regisseure in Deutschland geboren. Diese wollen die „alte Oper“ aktualisieren und für die heutige Gesellschaft „zugänglich“ machen. Sinnlichkeit und Schönheit sind reaktionäre und zu vermeidende Erscheinungen.

Opernvorstellungen besucht man auch und manchmal sogar wegen des einen oder anderen Sängers, der einen oder anderen Sängerin. Diese sind jedoch für Regisseure des Regietheaters eher ein Hindernis und werden oft durch agierende Schauspieler verdoppelt, und die Mitwirkung der Sängerinnen beschränkt sich aufs Singen. In jedem Fall haben sich die Künstler, die die Geschichte durch ihre Darstellung mit Gesang und Spiel wiedergeben, der vom Regisseur erfundenen Handlung zu unterwerfen. Wobei in der Oper die zu singenden Musiknoten und Stimmfächer noch – ich betone: noch – meistens unverändert sind, während man im Schauspiel Texte, Fächer und Geschlechter sowie die Erzählung der Geschichte ändert. Shakespeares Hamlet ist eine junge Frau, während die Ophelia ein altes Weib ist… Und so weiter.

Was ein Regisseur samt Bühnen- und Kostümbildner einst gestaltet hat, inszeniert jetzt eine ganze Truppe von Mitarbeitenden. Alles ist teuer und inhaltlich schwer verständlich geworden.

Im Theater und in der Oper hat sich also vieles grundsätzlich geändert. Aber dem Zuschauer, dem Publikum, für welches all dies mit großem und sehr teurem Aufwand auf die Bühne gebracht wird, gefällt es nicht mehr. Es versteht die nicht erzählte Geschichte nicht, die Musik wirkt nicht, und der Gesang wirkt nicht mehr durch seine Sinnlichkeit.

Natürlich sollen sich Operninszenierungen im Lauf der Zeit verändern. Bei den großen anerkannten Regisseuren, von Günther Rennert bis Harry Kupfer und von Wieland Wagner bis Franco Zeffirelli, hat sich auch optisch viel verändert. Prachtvolle Zeitkostüme und Modeattribute wie Bärte sind verschwunden, die Geschichten wurden jedoch sinngemäß erzählt. All das ist jedem bekannt, und doch geschieht es immer wieder. Es ist, was man die Krise des Theaters nennt, und die Zuschauer bleiben fern.

Ioan Holender (* 1935 in Timișoara, Rumänien) war von 1992 bis 2010 Direktor der Wiener Staatsoper.

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