Wie sicher Sicherheit sein kann

Warum das Eis rot wird: Die Risiken von Windrädern

Windkraftanlagen - manchmal für Vögel gefährlich, aber unklar für wie viele. „Zählungen sind eigentlich unmöglich“, so ein Experte.
Windkraftanlagen - manchmal für Vögel gefährlich, aber unklar für wie viele. „Zählungen sind eigentlich unmöglich“, so ein Experte.Imago
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Seit 30 Jahren untersucht das Institut für Sicherheits- und Risikoforschung in Wien, wie groß die Gefahren tatsächlich sind. Jüngstes Thema: erneuerbare Energien. Sie sind nur ganz, ganz wenig gefährlich; andere Technologien dagegen mehr. Sehr viel mehr.

Was heftig debattiert und heiß diskutiert wird, ist oft nur eine lauwarme Suppe, ganz ohne Würze. Das wäre eine Formel, mit der man die Risiken beschreiben könnte, die Experten finden, wenn sie sich mit akribischer Liebe zum akkuraten Detail den Auswirkungen nähern, die Windrädern zum Beispiel nicht selten an Stammtischen zugeschrieben werden.

Sie in einem Reality-Check abzuklopfen ist gar nicht so einfach: Beginnen wir einmal mit dem Vogeltod. Den gibt es. Tatsächlich gibt es Tiere, die gegen den mächtigen Masten der Windkraftanlage knallen und auch solche, die in die Rotorblätter geraten. Wie viele? Genau das vermag niemand zu sagen. „Solche Zählungen sind äußerst schwierig“, berichtet Markus Drapalik, Forscher am Institut für Sicherheits- und Risikoforschung der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien.

Wie viele Vögel reißen streunende Katzen?

„Oder eigentlich unmöglich. Denn es muss davon ausgegangen werden, dass praktisch jedes tote Tier vom Wild gefressen oder verschleppt wird.“ Und deshalb lässt sich seriös nicht abschätzen, wie Vogelrouten beeinflusst werden durch eine völlig andere Thermik, die Windräder nun einmal verursachen. Und die Vermutung liegt nahe, dass mehr Vögel von streunenden Katzen gerissen werden als ihr Lebensende am Windrad finden – aber auch darüber gibt es keine Zahlen.

Greifbarer sind dagegen schon die Eisplatten, die sich von den Rotorblättern lösen und in die Tiefe krachen. Die ursprüngliche Annahme, dass sie der Schwerkraft folgend gerade nach unten sausen, hat sich in Feldversuchen nicht bewahrheitet. Eisplatten und -brocken nehmen den Schwung der Rotorblätter mit und beschreiben mit ihren Einschlägen am Boden eine unförmige Ellipse.

Das war nicht einfach herauszufinden, denn nicht alle in den Nebel fallenden Eisbrocken konnten am Boden auch gefunden werden. Klarheit sollte sich erst einstellen, nachdem die Eisschollen in Form und Gewicht nachgebildet und rot eingefärbt worden waren.

Anhand ihrer Berechnungen haben Risikoforscher jedenfalls leuchtende und blinkende Warnzeichen angeregt, die bei entsprechender Wetterlage aktiviert werden. „Man könnte natürlich auch gewisse Gebiete kleinräumig absperren. Wir reden da von ein paar Tagen im Jahr, nicht mehr, jedenfalls in Ostösterreich“, so Drapalik.

Er zieht den Vergleich mit Lawinen. Der Warnhinweis „Straße wegen Lawinengefahr gesperrt“ regt niemanden auf; nicht nur in der Alpenregion ist man Derartiges gewohnt. Und es käme niemand auf die Idee, wegen einer solchen Sperre vorzuschlagen, die Straße nicht zu bauen. Warum sollte das also unter Windrädern anders sein?

Brennende Rotorblätter

Es gibt natürlich auch Auswege: die Beheizung der Rotorblätter. Das allerdings hat auch einen Preis: Einerseits verbraucht dies Strom (der die Menge, die ins Netz eingespeist wird, verringert), andererseits erhöht sich dadurch die Brandgefahr. Die sei zwar nicht besonders ausgeprägt, „aber bei jeder elektrischen Anlage kann es zu Bränden kommen“, so Drapalik, „auch bei Transformatoren kommt dies immer wieder vor“.

Hier sei dann wichtig, die örtlichen Feuerwehren vorzubereiten. Brennende Windräder zu löschen ist eher unmöglich, weil Feuerwehren nicht die Vorrichtungen haben, um Feuer auf Rotorblättern in 250 Metern Höhe zu löschen. Abbrennen zu lassen, das Gelände abzusperren ist angesagt. Klingt dramatisch, ist es aber nicht, wenn man die geringe Wahrscheinlichkeit und Begrenztheit eines solchen Ereignisses in den Kontext stellt. Summa summarum ist das Risiko, das von Windrädern ausgeht, als sehr gering einzustufen.

„Das größte Risiko sind die Emissionen von Treibhausgasen und mögliche Unfälle in einem Atomkraftwerk“, sagt Wolfgang Liebert. Er war einige Jahre bis zu seiner Pensionierung Institutsleiter und forscht nun nach wie vor weiter.

Was ist Sicherheit?

Was als Risiko und wie wahrgenommen wird, ist zu einem Gutteil eine Sache der Fragestellung und der Risiko-Kommunikation. Wie werde austariert, wenn es um die Bewertung geringer Wahrscheinlichkeiten und sehr weitreichender Folgen geht? Oder – umgekehrt – um hohe Wahrscheinlichkeiten mit wenig weitreichenden Konsequenzen?

Und, mindestens ebenso wichtig: Wie lassen sich „wertende Sachverhaltsdarstellungen“ erkennen und analysieren? Wolfgang Renneberg, auch er für einige Jahre am Institut tätig und später oberster Beamte in der deutschen Atomaufsichtsbehörde, weist auf den Umstand hin, dass bei einer Bewertung sehr oft im Verborgenen Berechnungen stehen, die auf Zahlen und Annahmen beruhen, die nicht sofort erkennbar und für die Öffentlichkeit nicht ersichtlich sind. Annahmen auch, die nicht selten wenig mit der Praxis zu tun haben.

Eine Rolle spielt dabei auch, welchen Nutzen die Öffentlichkeit erkennt (oder zu erkennen glaubt), wenn ein gewisses Risiko in Kauf genommen wird – etwa beim Autofahren. Die Freiheit, sich fortzubewegen, wird abgewogen gegen die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls. Nicht unwesentlich ist dabei auch der Umstand, ob und in welchem Ausmaß jemand selbst den Gang der Dinge beeinflussen kann und wie weitreichend etwaige Folgen sein können.

Werden Steuerzahler zur Kassa gebeten?

Hochrisikotechnologien werden abgelehnt, weil sie von Einzelnen gar nicht beeinflusst werden können, aber unüberschaubare Folgen drohen – etwa nach einem Unfall in einem Atomkraftwerk, wodurch auf einen Schlag große Gebiete auf Jahrhunderte unbewohnbar sein können.

Renneberg warnt allerdings davor, Sicherheit als einen Zustand zu definieren, der die Wahrscheinlichkeit von negativen Folgen auf null setzt. Realistischer sei es, Sicherheit als Ausmaß eines (Rest-)Risikos zu definieren, das von einer Mehrheit akzeptiert wird.

Und es geht auch um Kostenwahrheit: Jene, die eine Technologie einsetzen, müssen öffentlich darlegen, wie sichergestellt wird, dass etwaige negative Folgen auch in vollem Umfang getragen werden (können) und eben nicht „sozialisiert“, also der Gesellschaft und damit den Steuerzahlern umgehängt werden. Erst das ermögliche eine breite Debatte über Risiken und Sicherheit.

In der Risikoforschung geht es nicht nur um die singuläre Betrachtung, sondern auch um das Erkennen von Vernetzungen und das permanente Aufrollen scheinbar feststehender Größenordnungen und Fakten. So weist die Forscherin Friedrike Frieß auf neue Studien hin, dass die Krebsrate bei Frauen, die erhöhter radioaktiver Strahlungen ausgesetzt sind bzw. gewesen sind, „drei- bis viermal höher als bei Männern ist“. Als Referenzwerte für die Risikobewertung wurden bisher allerdings die Zahlen der Männer herangezogen.

„Mehr ökologischer Realismus“

Sehr oft sind es also unangenehme Nachrichten, die die Risikoforschung erkennt und vor den Vorhang holt; nicht selten geraten Politiker dadurch unter Druck, Maßnahmen zu setzen und unangenehme Fragen zu stellen. Und weil es auch Strömungen gibt, die derartige Meldungen eher unter den Teppich kehren wollen, stand das Institut zweimal an der Kippe, wegreformiert zu werden, wie sich Wolfgang Kromp erinnert. Er hat das Institut aufgebaut. Die Anfänge der Risikoforschung gehen auf die Debatte um die Inbetriebnahme des österreichischen AKW Zwentendorf zurück (das im November 1978 abgelehnt worden ist). Der offizielle Start wird mit dem Jahr 1994 festgemacht.

Heute, 30 Jahre später, scheint es wichtiger denn je: Die Atomkraftindustrie wittert Morgenluft, auch wenn deren Versprechungen und Ankündigungen einer kritischen Prüfung nicht standhalten, so Nikolaus Müllner, der nunmehrige Leiter des Instituts. Dieser kritische Zugang ist auch bei anderen Technologien gefragt. So haben sich zum Beispiel Forscherinnen bei invasiver Gentechnologie angeschaut, wie in den Studien die Argumentationsstränge der Bewertungen verlaufen. Die Erkenntnis: Es gebe „zumeist zu wenige ökologische Parameter, die ungenügend abgebildet“ seien. Quintessenz: Notwendig sei „mehr ökologischer Realismus“.

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