Gastkommentar

Das Elend der modernen Demokratie

Die Unaufmerksamkeit der Menschen wird größer. Das hilft rücksichtslosen Verführern und zerstört unsere Existenz. Blickt auf!

Wenn man heute in einem öffentlichen Verkehrsmittel fährt, dann kann man viele über Smartphones gebeugte, geistig abwesende Menschen wahrnehmen. Sie sehen keinen älteren Platzsuchenden, kein schönes Haus draußen, keine grüne Natur, keine Sonne, weder eine Gefährdung noch die Liebe ihres Lebens, die vielleicht direkt vor ihnen sitzt. Die digitale Ablenkungswelt verführt sie, stört ihren Sinn für Realität. Eine andere Form von Realitätsverlust ist seit Jahrzehnten das eitle Streben nach persönlicher Aufmerksamkeit, wenn mit Selfies, Urlaubsfotos oder Autos renommiert wird. Sowie die gedankenlose, nicht nachhaltige, aber systemkonforme Konsumsucht.

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Für das Gefügigmachen der Massen gibt es historische Beispiele. „Brot und Spiele“ für die Unterschicht im alten Rom sowie das, was sich die angelsächsisch-normannische Oberschicht im 19. Jahrhundert beim Aufbau des britischen Empire und mit der industriellen Revolution für die von ihr enteigneten Landarbeiter, Soldaten, Matrosen, in Minen und Fabriken Tätige ausgedacht hatte, nämlich Rum, Tabak, Tee, Kaffee und Zucker. Diese damals neuen Suchtmittel wurden ihnen billig abgegeben. Mich erinnert das an Bier, Wein und Schnaps heute, an Mars, Bounty, Nutella, Ferrero, an Fernsehen, Smartphones, Videospiele und Social Media, an McDonald’s, Coca-Cola und Red Bull, an Werbung für Produkte, die keineswegs gesund sind, sondern eher zu kaputten Zähnen, verdorbenen Mägen, Übergewicht und Suchtverhalten führen. Das erinnert mich an das Milliardengeschäft mit Drogen und Psychopharmaka. An Banken und Supermarktketten mit verringerter Dienstleistung. An Abhilfe versprechende Pharmariesen, deren Symptome behandelnden Tabletten und Salben Krankheitsursachen, Vorbeugung und echte Heilprozesse ausblenden. An Computer- und Datenkonzerne, die uns mit Spams, Phishing, Hacking und Internetbetrug allein lassen.

Verführer sind natürlich auch Politiker, wenn sie – der Logik einer vier- bis fünfjährigen Regierungszeit folgend – all ihre Kräfte daransetzen, rasch positiv aufzufallen und somit primär öffentlich auffällige, medial verstärkte Wünsche erfüllen. Diese Wünsche kommen oft von laut- und durchsetzungsstarken Gruppierungen, die langfristig notwendige Maßnahmen nicht verstehen oder ignorieren. Unaufmerksame, egoistische Kurzsicht vor verantwortungsvollem Weitblick. Das Elend der Demokratie.

Seid ihr alle blind?

Dazu kommt, dass verantwortungslose Politiker nur den eigenen Machterhalt anstreben und daher auch gern die Wünsche von Sponsorengeld und Wahlspenden einbringenden Monopolisten und Kapitalisten erfüllen. Das größte Problem ist, dass dabei fleißige, aber unhörbare Menschen aus der Mitte, aus Mittelstand und Mittelschicht, mit Besteuerung und Benachteiligung zwischen Plutokratie und Populismus zerrieben werden. Ein Desaster für alle. Weil die Kuh geschlachtet wird, von der man Milch benötigt.

Und ihr Wählerinnen und Wähler lasst das alles und immer wieder zu, bis unsere mehrheitlich aus KMU bestehende Wirtschaft, der Staat und die westliche Welt ihre Wettbewerbsfähigkeit vollständig verlieren? Bis Europa die Beute von Diktaturen wird? Seid ihr alle blind? Schon zu bequem, zu abhängig, zu korrupt? Europa wird Krisen und Kriege überstehen, aber nicht den Verlust der Mitte. Blickt doch endlich auf! Und engagiert Euch!

Wolfgang Lusak ist Obmann der unabhän­gigen Lobby der Mitte und Coach für die Durchsetzung von digital-nachhaltigen Innovationen von Mittelstandsbetrieben.

E-Mails an debatte@diepresse.com

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