Lokal-Kolorit

Lokalkritik: Lukas Kapeller kocht in Steyr neben Baumkronen

Eine ehemaligen Direktorenvilla der Steyr-Werke wurde zum Restaurant umfunktioniert.
Eine ehemaligen Direktorenvilla der Steyr-Werke wurde zum Restaurant umfunktioniert.Peter C. Mayr
  • Drucken

Im Dachgeschoß der ehemaligen Direktorenvilla der Steyr-Werke hat Lukas Kapeller ein sehr fesches Refugium aus intimem Restaurant und 5 Hotelzimmern geschaffen. Und zitiert in seinem Menü unter anderem Pombären und Bahlsen-Messino.

Wer im Verbund mit einem Besuch im Restaurant Kapeller die prächtige Altstadt von Steyr sehen will, muss dies gesondert einplanen – der Weg vom Bahnhof zumindest führt nicht dort durch, ­sondern an Industriegeländen vorbei. Im Dachgeschoß der einstigen Direktorenvilla der Steyr-Werke, erhöht im Grünen gelegen, hat Lukas Kapeller ein sehr fesches Refugium aus intimem Lokal und fünf ­Zimmern geschaffen, das auch eine längere Anreise wert ist. Kapeller ist hier aufgewachsen, heute gehört das Haus seiner Familie. Das Restaurant: alte Dachstreben, Parkettboden, viel Schwarz und Anthrazit, große Fenster, durch die man talwärts geradewegs in Birken- und Kirschbaumkronen blicken kann, wenn man nicht Richtung offener Küche platziert ist. In ­dieser geht es – erholsam für die Gäste – entspannt, leise und sauber zu, Kapeller werkt hier Seite an Seite mit Michael ­Schlöglhofer. Das kaum hörbare Sirren des Stabmixers ist schon einmal mit abend­lichem Vogelgezwitscher zu verwechseln, die diskrete Lüftung ist so leistungsstark, dass man die kleine Fritteuse nur sieht.

Jörg Lehmann

Aus dieser kommt, als Teil der Amuse-Gueules, etwa ein winziger Pombär mit Schinkenschaumbauch und einem Tupfer Pfefferonicreme, im Becher darunter Räucher­fisch-Dashi mit Szechuanöl. Auf gebeizter Lachsforelle liegt Spargeltempura, die grasgrüne Sauerampfersauce daneben sorgt für die nötige Frische. Feinst geschnittener roher Kohlrabi wird mit Schafkäse und Radieschen zu einer Rosette gerollt, die leichte Paradeissauce dazu fremdelt farblich und aromatisch ein wenig, umso besser passt der Rote Muskateller von Viktor Fischer, den Sommelière Carina Kaiser dafür ausgesucht hat. Einer der Höhepunkte des Sieben-Gänge-Menüs um 140 Euro: Zander von der japanischen Grillkiste (die heute in so gut wie jeder offenen Küche zu sehen ist) auf reduziertem Hühnerfond, mit konfierten Zwiebeln, der Zitrusfrucht Buddhas Hand und knuspriger Hühnerhaut, die frittierte Fischschuppen imitiert. Ein mit seinem Spiel aus Röstbitterkeit, Fettschmelz, umami und Zitrusfruchtigkeit sehr erwachsenes Gericht.

Auch toll: Kräuterseitlingsstücke, unter einer dünnen Scheibe geschmorter Sellerie, Nussbutter-Bérnaise und Estragon. Carina Kaiser bringt dazu zwei Weine, einen slowenischen Chardonnay und einen Rioja Blanco Reserva, die jeweils unterschiedliche Gesichter des Gerichts aufgreifen. Rosa Maibock wird mit Brennnesseln, Maiwipferln und schwarzen Nüssen kombiniert. Das Hauptdessert bildet gemeinsam mit dem Pombären vom Anfang dann eine höchst einprägsame Kindheitserinnerungsklammer: ein Bahlsen-Messino-Tastealike aus Biskuit, Orangenmasse und Schokolade, das genauso schmeckt wie das Original, nur um Welten besser.

Info

Restaurant Kapeller, Damberggasse 27, 4400 Steyr, Tel.: +43/(0)7252/256 30,
Mi–Sa: ab 18.30 Uhr. Mehr Kolumnen auf: DiePresse.com/lokalkritiken

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:

Mehr erfahren

In der Troststraße in Wien-Favoriten kann man jemenitisch essen gehen.
Unkompliziert essen

Lokalkritik: Authentisch jemenitische Küche im Bab Al Yemen

In den Urlaub hinfahren ist derzeit ja eher keine Option, aber wer jemenitische Küche sehr authentisch erleben will, wird im Bab Al Yemen in Favoriten wohl fündig werden.
Unkompliziert essen

Lokalkritik: Eine etwas fettige Angelegenheit im Tschak Mak

In der Liechtensteinstraße gibt es nun einen Ableger des Tschak am Donaukanal: das Tschak Mak mit Fokus auf Sandwiches. Nette Kombis, aber etwas zu geil.
Die ehemalige kaiserliche Militärreitschule gehört jetzt zur Autograph Collection des Marriott-Konzerns.
Lokal-Kolorit

Lokalkritik: Auf ein Intimmenü für Ausgehungerte ins Elstar

Vom selben Teller essen oder streiten, heißt es im Restaurant Elstar im Hotel Imperial Riding School. Das Menükonzept ist speziell, die Portionsgrößen sind es ebenso. Und: Englischkenntnisse schaden nicht.
Thonet-Sessel und Marmortische sind aus dem Stammhaus in der Biberstraße mitübersiedelt.
Lokal-Kolorit

Lokalkritik: Dem C.O.P. steht das Improvisieren gut

„Low-intervention cooking“ mit Blütenmelanzani und Lammbratwurst im Ausweichquartier: Über den Sommer ist das C.O.P. (wegen Bauarbeiten im Stammlokal) am Wiener Vorgartenmarkt zu finden.

Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.