Gastkommentar

Das plumpste Totschlagargument in diesem EU-Wahlkampf

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Ein Begriff fehlt in keiner Positionierung der wahlwerbenden Parteien zu dieser Europawahl: „Bürokratieabbau“.

Naht eine Wahl zum Europäischen Parlament, besinnen sich Wahlwerbende darauf, ihre Ideen für Europa zu artikulieren. Ein Schlagwort fehlt in keiner der Positionierungen: „Bürokratieabbau“. Man möge doch den ohnehin im beißenden Wind des globalen Wettbewerbs stehenden europäischen Unternehmen all die lästigen Bürden abnehmen, die ihnen die Luft zu Atmen rauben. Wer mag in diesen Kanon nicht einstimmen? Besonders unter Druck geraten diesmal jene Elemente des European Green Deal, die Unternehmen verpflichten, Kenndaten zu den sozialen sowie den Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen zu erheben und zu dokumentieren.

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Man sollte meinen, dass es schon längst zum Standardrepertoire modernen Unternehmertums gehörte, zu wissen, was die genauen Bestandteile der Produkte sind, die Hersteller auf den Markt bringen. Und auch woher die Bestandteile kommen, unter welchen Bedingungen die Komponenten selbst abgebaut oder hergestellt werden, welche Belastungen für Mensch und Umwelt bei Produktion, Verwendung und Entsorgung entstehen. Im eigenen Betrieb und in jenen der Zulieferer. Das nun auch zu belegen soll jetzt allen Ernstes eine neue, zusätzliche, nicht hinnehmbare Belastung darstellen?

Viel Nachhaltigkeit-Kosmetik

War da vielleicht doch nicht so viel dahinter, wenn die unzähligen (natürlich auf Recycling-Papier und mit lösungsmittelarmen Farben gedruckten) Nachhaltigkeitsbroschüren von „verantwortungsvollem Tun“ sprachen? Wenn die Imagefilmchen und Prospekte uns verdeutlichen wollten, wie wichtig doch allen, vom CEO bis zum Auslieferer, Aspekte der Nachhaltigkeit sind? Tausendmal publiziert – tausendmal ist nichts passiert? Vielfach war das Erzählte dann wohl punktuelles Stückwerk. Da eine Solaranlage, dort ein E-Mobil, Bio-Gerichte in der Kantine, bessere Mülltrennung, ein Produkt mit 20 % Recyclinganteil, eine Nachhaltigkeitsbeauftragte – oder gar „Stabstelle“. Alles zweifellos nette Gesten. Aber eine durchgängige, sauber und transparent belegte und mit ESG(„Environment, Social, Governance“)-relevanten Daten unterfütterte Unternehmenskultur, die sich über alle Produkte und Dienstleistungen spannt und sich durch alle Lieferketten zieht? Offenbar Mangelware.

Unzählige Beispiele der Kontamination von Umweltmedien, von prekären Arbeitsbedingungen in den Lieferketten, Falschbehauptungen in der Werbung und mangelnder Ressourceneffizienz machen zweierlei deutlich: Die angestrebte Transformation in Richtung einer klimaschonenden Kreislaufwirtschaft ist kein Selbstläufer und: nicht das Erzählte reicht, sondern das Erreichte zählt.

Die Eigenverantwortlichkeit der Unternehmen hat trotz lautstarker Bekenntnisse und teurer Kampagnen jedenfalls schlicht nicht ausreichend geliefert, daher braucht es jetzt eben rechtlich Verbindliches, oder, wie sogar „Presse“-Economist-Star Josef Urschitz schreibt: „Dieses Wirtschaftssystem braucht Leitplanken und ständiges Service, damit es richtig funk­tioniert.“

Fluch oder Chance

In diesen Momenten jedenfalls trennt sich hinsichtlich der Dokumentation von ESG-Informationen die Spreu vom Weizen – „Jahre des Dialogs münden in faktisches ­Handeln“, schreibt Jan-Hendrik Gnändiger, der beim international tätigen Beratungsunternehmen KPMG den Bereich Risiko und Compliance verantwortet, auf der Investoren-Plattform ESG. Die einzelnen Elemente des Green Deal, in denen die Verpflichtungen normiert werden, sind kommunizierende Gefäße und teilen sich die entscheidende Zielsetzung: Jene ESG-Daten, die Betriebe in Hinkunft zusätzlich zu den etablierten Wirtschaftskennzahlen dokumentieren werden (gemäß der Corporate Sustainability Reporting Directive), dienen zugleich als Informationsbasis für Investitionen (Stichworte: Taxonomie und Sustainable Finance Disclosure Regulation) und auch als Belege entlang der Lieferkette.

Die gleiche Basis soll zudem der Absicherung von Argumenten in der ESG-Kommunikation dienen, um Täuschungen von Geschäftspartnern und KonsumentInnen (Stichwort Greenwashing) zu unterbinden und gleichzeitig die Compliance mit einer ganzen Reihe von Elementen des Umweltrechts sicherzustellen. KPMG-Manager Gnändiger betont mit Nachdruck, dass in dieser bewusst herbeigeführten großen Überlappung der Datenanforderungen verschiedener Instrumente die Chance besteht, eine einzige optimal nutzbare Basis an Informationen zu etablieren.

Der Grundgedanke, das übergeordnete Ziel, besteht darin, dem seit Langem etablierten Set an klassischen Daten zur Dokumentation der wirtschaftlichen Performance ein weiteres zur Seite zu stellen, aus dem sich die Performance des Unternehmens und seiner Lieferketten hinsichtlich der Auswirkungen auf Umwelt, Gesundheit und Soziales erschließt. Und zwar nicht um des bloßen Dokumentierens willen, sondern um ein Nachhaltigkeit-Benchmarking (etwa für potenzielle Investoren) zwischen den Unternehmen zu erlauben und auch Indikatoren für den eigenen Unternehmenserfolg in dieser Kategorie zu schaffen.

Unternehmensberater Gnändiger betont zudem, dass eine solide und umfassende Datenbasis nicht nur diverse Berichts- und Dokumentationsverpflichtungen entscheidend erleichtern, sondern auch neue Einblicke und Bewertungen innerbetrieblicher Abläufe, Geschäftsfelder und Geschäftsmodelle erlauben wird. Und zwar nicht nur bezogen auf den eigenen Betrieb, sondern auch bezogen auf Lieferanten und Kunden, was vielfältige Perspektiven für neue Kooperationen eröffnen kann.

„Bürokratie-Keule“ nervt

Es entsteht mit diesem Zahlenmaterial das Vokabular einer neuen Sprache des nachhaltigen Wirtschaftens. Mit ihrer eigenen Grammatik und ihrem eigenen Wortschatz. Jene, die „Sustainability“ schon bisher lebten und nicht nur als Schlagwort benutzten, beherrschen sie bereits, und Newcomer haben die Wahl, das Erlernen als mühsame Pflichtübung zu empfinden und nur das eben unbedingt Nötige zu tun, oder aber sich damit eine neue Wirtschaftswelt rasch, erfolgreich, ressourcenschonend und intelligent zu erschließen.

Klar, wo Dokumentationspflichten kaum belegbarer Nutzen gegenübersteht, muss durchlüftet und entschlackt werden. Vor dem dargestellten Hintergrund wirkt es jedoch eher unbeholfen und von Sachkenntnis unbelastet, im Zusammenhang mit den erwähnten Elementen des Green Deal das Totschlagargument „Bürokratieabbau“ plump in den Wahlkampfring zu werfen und sich damit zum Fürsprecher jener zu machen, die bedroht sind, abgehängt zu werden.

Ach ja, und dass viele der in diesen Wochen lautstark Kritik Übenden das von ihnen Kritisierte als Abgeordnete des Parlaments oder als Vertreterinnen im Rat vielfach selbst mitbeschlossen haben, sollte auch nicht unerwähnt blieben. Man darf gespannt sein, ob sich Wahlwerbende vielleicht nach dem Wahltag dann noch zu einer differenzierten Haltung durchringen können.

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Thomas Jakl
Thomas JaklRita Newman

Der Autor

Dr. Thomas Jakl (*1965) ist Biologe und Erd­wissenschaftler. Er übt auf nationaler und euro­päischer Ebene Spitzenfunktionen im Umweltbereich aus und ist als CSE (Certified Supervisory Expert) Aufsichtsrat zweier
Gesellschaften.

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