Der ökonomische Blick

Bringt das neue EU-Parlament den Kipppunkt in der Stahlindustrie?

Österreichs Stahlindustrie könnte eine Vorreiterrolle einnehmen und dazu beitragen, einen Kipppunkt in der Stahlindustrie anzustoßen. Die Voestalpine ist bereits nahe daran.
Österreichs Stahlindustrie könnte eine Vorreiterrolle einnehmen und dazu beitragen, einen Kipppunkt in der Stahlindustrie anzustoßen. Die Voestalpine ist bereits nahe daran.APA / Comyan / Barbara Gindl
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Österreichs Stahlindustrie könnte künftig eine EU-weite Vorreiterrolle in der Dekarbonisierung einnehmen.

Mit dem EU-Wahlwochenende wurde die Zusammensetzung des Europaparlaments für seine Legislaturperiode 2024–2029 festgelegt. Während die vorige Europawahl stark von der Klimapolitik geprägt war, standen dieses Mal Themen wie Abhängigkeiten im Energiesystem und die Wettbewerbsfähigkeit der EU im Fokus. Dennoch wird es entscheidend sein, in den nächsten fünf Jahren am Green Deal festzuhalten, um eine klimafitte und damit zukunftsfitte Wirtschaft in Europa zu ermöglichen.

Die Stahlindustrie, die eine Schlüsselrolle bei der Erreichung der Klimaziele spielt, kann durch die EU-Politik wegweisend beeinflusst werden. Dies ist besonders relevant für Österreich, dessen nationale Politik stark von den Entwicklungen auf EU-Ebene bestimmt wird. Österreichs Stahlindustrie könnte eine Vorreiterrolle in der Dekarbonisierung einnehmen und dazu beitragen, einen Kipppunkt in der Stahlindustrie herbeizuführen.

Was ist „Der ökonomische Blick“?

Jede Woche gestaltet die Nationalökonomische Gesellschaft (NOeG) in Kooperation mit der „Presse“ einen Blogbeitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften. Dieser Beitrag ist auch Teil des Defacto Blogs der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Central European University (CEU). Die CEU ist seit 2019 in Wien ansässig.

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Wie entstehen Kipppunkte?

Ein Kipppunkt bezeichnet den Moment, in dem eine nicht lineare Veränderung eintritt, die zu einer grundlegenden und nicht umkehrbaren Änderung der Ausgangssituation führt. In der Stahlindustrie könnte ein Kipppunkt erreicht werden, wenn kohlenstoffarme Produktionstechnologien durch Mechanismen wie Learning by Doing und Skaleneffekte kostengünstig werden. Ist dieser Punkt erreicht, befindet sich der Stahlsektor in einem neuen, qualitativ anderen Zustand, gekennzeichnet durch geringe CO2-Emissionen und den Einsatz kohlenstoffarmer Technologien, während die Funktion der Stahlindustrie erhalten bleibt.

Um dies zu erreichen, braucht es – so eine aktuelle Studie – die Umstellung von rund sechs Prozent der Produktion (etwa 25 Betriebsstätten) auf kohlenstoffarme Technologien. Dies würde positive Rückkopplungseffekte im Sinne des Lernens und der Skaleneffekte und somit risikominimierte Investitionen nach sich ziehen. Es braucht also zuerst Kipppunkte auf Unternehmensebene, um einen Kipppunkt auf sektoraler Ebene zu erreichen.

Wie entstehen nun Kipppunkte in Unternehmen, und wie hängen sie mit dem soziopolitischen Umfeld zusammen? Ein Kipppunkt auf Unternehmensebene kann durch eine Investition in kohlenstoffarme Technologien erreicht werden. Solche Entscheidungen werden oft durch Wettbewerbsdruck innerhalb der Branche und durch formelle und informelle Institutionen (z. B. politische Vorgaben und gesellschaftliche Erwartungen) gesteuert. Diese Kräfte können Änderungen in Routinen, Technologien und Werten anregen und Unternehmen ermutigen, bestehende Industrieparadigmen strategisch zu überdenken. Wir konnten dazu in einer Studie vier Unternehmen vergleichen: Voestalpine (Österreich), Posco (Südkorea), U.S. Steel (USA) und Blue Scope (Australien). Es wurde untersucht, wie weit die Unternehmen auf dem Weg zu einer kohlenstoffarmen Produktion sind und welchen Einfluss das politische, gesellschaftliche und ökonomische Umfeld auf diesen Fortschritt hat.

Voest nahe am Kipppunkt

Voestalpine ist nahe daran, einen Kipppunkt zu erreichen, gefolgt von Posco, beide mit klaren Technologiepfaden zur Erreichung von Netto-Null. U.S. Steel und Blue Scope hinken hinterher. Alle vier Unternehmen befinden sich in unterschiedlichen Stadien des Übergangs. Voestalpine beschleunigt Emissionsreduktionen bis 2030, indem konventionelle Hochöfen durch Wasserstoff-Direktreduktion und Elektrolichtbogenöfen ersetzt werden. Obwohl diese Investition nur 30 Prozent der Emissionen des Unternehmens abdeckt, deutet sie auf den Beginn einer positiven Rückkopplungsdynamik hin und erweitert das Fachwissen und die Kapazitäten des Unternehmens, um die neue Technologie anzuwenden. Posco zeigt ähnliche Anstrengungen und verfolgt einen auf Wasserstoff basierenden Technologieansatz. Zudem setzt sich das Unternehmen für den sektoralen Einsatz von grünem Wasserstoff ein. Poscos geringe mittelfristige Emissionsziele und fehlende Investitionen weisen jedoch auf einen ersten Ansatz hin. Im Gegensatz dazu sind U.S. Steel und Blue Scope in der Anfangsphase und setzen stark auf Sekundärproduktion und Effizienzsteigerungen durch Hochofenoptimierungen, und legen sich technologisch noch nicht fest.

Diese Positionierungen der Unternehmen stehen im Einklang mit Entwicklungen im soziopolitischen, wirtschaftlichen und industriellen Umfeld. Voestalpine und Posco standen unter höherem Druck durch nationale Politikmaßnahmen, und bei Voestalpine auch EU-Politik, während Blue Scope und U.S. Steel mit nationaler Politikunsicherheit konfrontiert waren. Diese Erkenntnisse zeigen, dass Vorreiter durch robuste nationale Politiken gekennzeichnet sind, während globale Klimaziele und -vereinbarungen breitenwirksam für alle Stahlunternehmen sind. Der Übergang zu Netto-null-Emissionen in der globalen Stahlindustrie erfordert entschlossene Maßnahmen auf verschiedenen politischen Ebenen und einen erheblichen Wandel in den technologischen und organisatorischen Strukturen der Unternehmen. Es hat sich gezeigt, dass die Nachfrage nach kohlenstoffarmem Stahl als treibende Kraft für Innovationen in Stahlunternehmen wirkt und die Stahlhersteller dazu anregt, kohlenstoffarme Produkte zu produzieren und anzubieten. CO2-Emissionsvorschriften für Endverbraucher von Stahl, wie etwa verpflichtende Zertifizierungen und die Schaffung von Märkten für kohlenstoffarmen Stahl, stellen wichtige Instrumente in der Politikgestaltung dar. Die Europawahl 2024 und die daraus resultierende EU-Umweltpolitik können hierbei eine entscheidende Rolle spielen.

Raphaela Maier forscht am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz zur Erreichung von Klimazielen in Industrie und Verkehr.

Die Autorin

Schrofler Eva/beigestellt

Raphaela Maier forscht am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz zu Zukunftspfaden und Maßnahmen zur Erreichung von Klimazielen in Industrie und Verkehr. Zudem ist sie als Transacademic Interface Managerin für den Profilbereich Klimawandel an der Universität Graz tätig, und fördert den Austausch zwischen Forschung und Praxis.

Referenzen

Lenton, T.M., Armstrong McKay, D.I., Loriani, S., Abrams, J.F., Lade, S.J., Donges, J.F., Milkoreit, M., Powell, T., Smith, S.R., Zimm, C., Buxton, J.E., Bailey, E., Laybourn, L., Ghadiali, A., Dyke, J.G., (eds), 2023. The Global Tipping Points Report 2023. Exeter.

>> Maier, R., Gerres, T., Tuerk, A., Mey, F., 2024. Finding tipping points in the global steel sector: A comparison of companies in Australia, Austria, South Korea and the USA. Glob. Environ. Chang. 86, 102846.

Meldrum, M., Pinnell, L., Brennan, K., Romani, M., Sharpe, S., Lenton, T., 2023. The Breakthrough Effect: How to trigger a cascade of tipping points to accelerate the net zero transition 1–44.

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