Literatur

Pinkhes Kahanovitsch und der Zauber der jiddischen Sagenwelt

Pinkhes Kahanovitsch (1884-1950) veröffentlichte alle seine Werke unter dem Pseudonym „Der Nister“.
Pinkhes Kahanovitsch (1884-1950) veröffentlichte alle seine Werke unter dem Pseudonym „Der Nister“. Foto: Wunderhorn Verlag
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Eine schmerzlich-schöne Zauberwelt, die zum Durchwandern einlädt: Märchen für Erwachsene von Pinkhes Kahanovitsch.

Wälder, Steine, Kobolde und sprechende Sterne: Das sind Orte und Figuren aus dem Kosmos von Pinkhes Kahanovitsch, auch bekannt als „Der Nister“. Wer nun sofort weiterblättern möchte, Kinderkram vermutend, sollte innehalten. Mehrere Gründe sprechen dafür, zu Kahanovitschs Erzählsammlung „Von meinen Besitztümern“ zu greifen, die, übersetzt von Daniela Mantovan, im Verlag Wunderhorn erschienen ist.

Naturgesetze als archaische Wesenheiten

Einer davon ist sein Tod: Kahanovitsch starb 1950 in einem sowjetischen Zwangs­arbeitslager. Abgesehen von diesem düsteren Status, der ihn in notwendige Rituale des Gedenkens einreiht, steht er für eine alternative sowjetische Literaturgeschichte, denn „Der Nister“ – auf Deutsch „Der Verborgene“ – ist ein jiddischer Ausdruck aus der kabbalistisch-mystischen Tradition. Kahanovitsch repräsentiert eine auch in der jungen UdSSR hoch entwickelte jiddische Kultur, die sich beispielsweise in Zeitschriften wie „Sovetish Heymland“ entfaltete und von Stalin, ganz im Einklang mit seinem reichsdeutschen Gegenpart, beinah völlig vernichtet wurde.

Zu diesen guten und wichtigen Gründen, den „Nister“ zu lesen, gesellt sich noch einer hinzu: In seinen Texten entfalten sich komplexe Welten, die man lesend gerne durchwandert. Auf jeweils ein paar Dutzend Seiten entsteht ein raumgreifender Kosmos mit plastischer Regelhaftigkeit, die traumsicher zu wirken versteht. Naturgesetze werden als archaische Wesenheiten gezeichnet, Wolken und Sterne sind Ansprechpartner, göttliche Figuren hingegen ihrer Allmacht enthoben. Diese Märchenwelt ist schmerzlich schön und erstreckt sich über viel größere Gebiete als die klassischen „sieben Berge“; sie lädt ein, ihre verschlungenen Pfade zu erforschen und am Ende doch wieder im Mund des Erzählers zu landen.

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