Klima-Zertifikate

„Die heutigen Bedrohungen ergeben sich aus dem CO2-Handel“

Ein Flussdelphin im Ariau, einem Zufluss des Rio Negro, der in Manaus mit dem Solimões zusammenfließt und dann den Namen Amazonas trägt. Entlegene Gebiete des Amazonas-Regenwalds sind im Visier von Firmen, die einen schwunghaften Handel mit CO<sub>2</sub>-Zertifikaten treiben.
Ein Flussdelphin im Ariau, einem Zufluss des Rio Negro, der in Manaus mit dem Solimões zusammenfließt und dann den Namen Amazonas trägt. Entlegene Gebiete des Amazonas-Regenwalds sind im Visier von Firmen, die einen schwunghaften Handel mit CO2-Zertifikaten treiben. imago
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Der Amazonas-Regenwald wird immer attraktiver für den modernen Ablasshandel – für das Geschäft mit Kohlendioxid-Zertifikaten. Die indigene Bevölkerung gerät dadurch immer mehr unter Druck; der Regenwald auch.

„Ascema Nacional“, die Gewerkschaft derer, die im Auftrag der brasilianischen Regierung im Amazonas-Becken im Umweltbereich tätig sind, schlägt Alarm: Sie kritisiert, dass die Zahl der Meldungen über illegale Brände, illegalen Holz-Einschlag und illegalen Abbau von Bodenschätzen zwischen Jänner und April 2024 (im Vergleich zu diesen vier Monaten in 2023) von 445 auf 7981 gestiegen sei. Gleichzeitig seien die konkreten Anzeigen aber deutlich zurückgegangen – von 6439 auf 2189.

Ascema bemängelt, dass es zu wenig Personal gebe. Außerdem sei nur ein Bruchteil der von Bundesstellen zugesicherten Budgetmittel auch tatsächlich überwiesen worden – jene Beamte, die die Einhaltung der Gesetze im Regenwald-Gebiet überwachen sollen, seien damit schlichtweg nicht mehr in der Lage, effizient zu kontrollieren. „Ascema Nacional“ beruft sich dabei auf eigene Recherchen sowie auf Material des „Nationalen Instituts für Weltraumforschung (INPE), das für die Satelliten-Überwachung der Amazonas-Region zuständig ist, sowie auf Daten, die vom Brasilianischen Institut für Umwelt und erneuerbare natürliche Ressourcen (Ibama) und vom Chico Mendes Institut zum Erhalt der Artenvielfalt, stammen.

„Aktion scharf“ im Regenwald

Das brasilianische Umweltministerium dagegen beteuert, dass aus dem „Amazonas-Fonds“, der von internationalen Geldgebern befüllt wird, allein 79,4 Millionen US-Dollar in die Ausstattung von Feuerwehren gehe. Nach der Amtsübernahme durch den im Herbst 2022 gewählten Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva hatte die Bundespolizei eine „Aktion scharf“ gestartet, um gegen die illegalen Aktivitäten in dieser Region vorzugehen; mit anfänglichen Erfolgen: Die Zahl der Brandrodungen war stark zurückgegangen.

Auch wenn diese Erfolge von der indigenen Bevölkerung im Regenwald durchaus registriert worden sind, so gab es auch andere Meldungen. Im Zuge eines Österreich-Besuchs (auf Einladung des österreichischen Klimabündnisses) berichteten Marivelton Rodrigues Barroso und Josimara Melgueiro – beide Angehörige des Volks der Baré, das im Norden Brasiliens lebt – bereits im Dezember davon, dass immer öfter Indigene verlockende Angebote bekämen.

Rodrigues Barroso, Präsident der Föderation der Organisation der Indigenen am Rio Negro (FOIRN): „Die heutigen Bedrohungen ergeben sich vor allem durch den Abbau von Mineralien (vor allem Gold), aber auch durch Unternehmen, die den CO2-Handel in der Region etablieren wollen; einen Carbon-Market.“ Als er von verstärkten diesbezüglichen Initiativen in den Gebieten östlich des Rio Negro erfuhr, hat er in einem Interview mit einer lokalen Radiostation davor gewarnt.

Drohnen schwirren über dem Urwald

Die Versammlungen, zu denen die Vertreter des Carbon-Business eingeladen hatten, fanden dann mit deutlich schwächerer Beteiligung der Ortsansässigen statt. Die Warnungen von Rodrigues Barroso und dessen Argumente sind offensichtlich ernst genommen worden: Die Einheimischen würden in der Folge vom eigenen Grund ausgesperrt und der Möglichkeit zu einer nachhaltigen Bewirtschaftung beraubt. Josimara Melgueiro ergänzt, dass es wohl kein Zufall sei, dass die Gebiete, in denen indigene Völker leben, weltweit gerade einmal fünf Prozent der Fläche ausmachen, aber mehr als 80% der Biodiversität bewahren.

In Kolumbien dürfte das Business mit den Zertifikaten schon weiter fortgeschritten sein: Hier schwirren vermehrt Drohnen über die Bäume – auf der Suche nach möglichen Wälder, die sich zu kaufen lohnten, oder zu Überwachung bereits erworbener Abschnitte.

Viele Gebiete, deren Zertifikate als Kompensation für den Verbrauch von Kohlendioxid (etwa durch Flüge) herhalten, erfüllen die Kriterien nicht, die gegeben sein müssen, damit sie auch tatsächlich die Belastung des Klimas mit Treibhausgasen zu verringern in der Lage sind. Der wesentliche Punkt besteht in der Zusätzlichkeit: Ist sie nicht gegeben, dann ist das Zertifikat (fürs Klima) nichts wert. Zusätzlichkeit besteht dann, wenn dort ein Wald entsteht, wo es bisher keinen gab. Im Amazonas-Becken ist aber genau das Gegenteil der Fall.

Wald ist nicht gleich Wald

Und dann: Wald ist nicht gleich Wald – es macht für die Umwelt einen Unterschied, ob ein standortgerechter Bewuchs besteht, oder ob es sich um schnell wachsende Arten handelt. Der schnell wachsende Eukalyptus zum Beispiel wäre das nicht. Dieser Baum ist zwar schnellwachsend, beansprucht aber viel Wasser für sich und verdrängt andere Baumarten mit Nachdruck. Und schließlich dauert es Jahrzehnte, bis ein Baum nennenswerte Mengen an Kohlenstoff bindet.

Auch wenn die Abwahl von Jair Bolsonaro der Entwicklung ein Ende gesetzt hatte, dass der Amazonas ein nahezu rechtsfreier Raum sei, so ist die Lage jetzt, fast eineinhalb Jahre nach dem Dienstantritt von Lula da Silva, alles andere als entspannt. Denn die Indigenen leiden bereits jetzt sehr stark unter der Klimakrise – es gebe etwa ausgetrocknete Flüsse. Josimara Melgueiro: „Das ist auch deshalb schlimm, weil die Flüsse wichtige Verkehrswege sind.“ Und die Vegetation ändere sich. Das zeige sich auch schon bei Kulturpflanzen, etwa Maniok.

Schließlich ist die rechtliche Situation für die Indigenen nach wie vor unsicher. Noch immer ist die Interpretation der 1988 in Kraft getretenen Verfassung unklar, eine richterliche Entscheidung lässt auf sich warten. Gebiete, die zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der Verfassung abgegrenzt und im Besitz von Indigenen standen, sind (zumindest juristisch) unstrittig, aber unklar bleibt, wie die Gebiete behandelt werden, von denen Indigene seit der Unabhängigkeit Brasiliens 1822 vertrieben worden sind.

Straßen durch den Nationalpark, Mega-Projekte in Brasilien

In Brasilien leben etwa 900.000 Angehörige von indigenen Völkern. Demarkationen laufen äußerst bürokratisch ab. Etwa 300 stehen noch aus, ein Zehntel davon befindet sich in einem Stadium, das eine abschließende Entscheidung für die nächste Zeit erwarten lässt. In der Praxis ist allerdings dann noch eine nicht unwesentliche Hürde zu nehmen: die grundsätzliche Ausrichtung der Administration in den Bundesstaaten, die den Indigenen oft feindlich gegenüberstehen und in der Vergangenheit sehr oft zugunsten der Großgrundbesitzer entschieden haben.

Die Nachrichtenagentur reuters berichtet Ende Mai, dass es im kolumbianischen Teil des Amazonas-Regenwalds sogar in Nationalparks Straßen gibt, die illegal errichtet worden sind und entlang der nach Bodenschätzen gesucht und in denen Wald abgeholzt wird. Die Behörden haben zwar angekündigt, diese Straßen wieder zurückbauen zu wollen und jegliche Nutzung zu unterbinden, allerdings kommen derartige Aktivitäten nicht vom Fleck. Und in Brasilien sind nach wie vor Straßenbauten geplant, die den Regenwald zerschneiden und dessen Zerstörung nach sich ziehen. Diese Straßenbauten wurden unter Bolsonaro vorangetrieben und scheinen vorerst keine Priorität zu haben.

Buch-Tipp: „Systematisch betrogen“

Mojib Latif lässt sich in seinem Buch „Klimahandel“ (Verlag Herder) keinen Raum für Geduld. Er komprimiert das komplexe Thema „Klimakrise“ auf knapp 200 Text-Seiten und prangert das „Business as usual“ an. Es gebe zwar vollmundige Erklärungen, dass Umweltschutz und insbesondere der Schutz des Klimas notwendig sei, aber es folgten viel zu wenige Taten, die tatsächlich eine Konsequenz habe. Und er fokussiert auch auf den Ablasshandel, der durch Zertifikate-Handel in Schwung kommt. „Es mangelt an Transparenz. Verbraucherinnen und Verbraucher werden durch Greenwashing systematisch betrogen. Ja, sie werden belogen, um es unmissverständlich auszudrücken. Das ist einfach schäbig.“ Greenwashing sei „weltweit zu beobachten“. Denn: „Umweltzerstörung lohnt sich, was man angesichts dieser Zahlen mit Fug und Recht konstatieren kann. Solange man mit Umweltzerstörung Geld verdienen kann, wird es keinen nennenswerten Umweltschutz geben.“ Ein Turbo für die Entwicklung sei die Finanzindustrie, die dem „typischen Muster von Greenwashing“ folge: „Nur wenig ändern, aber so tun, als ob sich Grundlegendes geändert hätte. Das ist umso bitterer, weil die großen Fondsgesellschaften eine wichtige Rolle bei der Transformation in eine nachhaltige Entwicklung spielen.“

Mojib Latif ist einer der führenden Klimawissenschaftler; er promovierte bei Klaus Hasselmann und forschte zunächst am Max Planck-Institut für Meteorologie. Der Meteorologe und Ozeanograph hat Professuren an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel und am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (Geomar). Er ist zudem Präsident des Club of Rome in Deutschland Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg.

Themen-Schwerpunkt im ORF III und auf arte

Was ist Klima-Kompensation wert? Das ist die Frage, die in einem Themenschwerpunkt ORF III und arte tv stellen – und beantworten: „Wenig bis nichts“. Der österreichische Klimaforscher Daniel Huppmann, der am Internationalen Institut für angewandte Systemanalysen (IIASA) in Laxenburg arbeitet, gibt – gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus der Klimaforschung eine detailliertere Antwort. Die Öko-Lüge wird entlarvt.

Der Themenabend auf ORF III startet heute, Montag, mit der Neuproduktion „Die CO2-Lüge“ um 20.15 Uhr. Der zweite Beitrag an diesem Abend beschäftigt sich mit Ikea (21.15, „Bäume für Billy – wie Ikea den Planeten plündert“) und schließt ab mit „Öko-Flüge, nur ein Luftschloss“. Diese Dokumentation beginnt um 22.55 Uhr.

Auf arte wird die „Die CO2-Lüge“ um 23.15 Uhr am Dienstag ausgestrahlt.

Buch-Tipp: Die andere Sicht auf Nordamerika

Etappe um Etappe haben sich die Gründerväter der amerikanischen Nation westwärts vorgearbeitet. Dass dieser verklärte Blick auf die US-Geschichte nicht stimmt, hat sich längst herumgesprochen, trifft deshalb aber noch immer nicht die Wahrheit, und zwar ganz und gar nicht. Diesen Gegenbeweis führt der finnische Historiker Pekka Hämäläinen. Er ist Professor an der University of Oxford für amerikanische Geschichte und Verfasser des Buchs „Der indigene Kontinent“ (Verlag Kunstmann) und zeichnet damit auf gut 650 Seiten „eine andere Geschichte Amerikas“. Es ist eine „Gegenerzählung“ gegen immer noch weit verbreitete Erklärmuster. Die Indigenen haben – auch lange noch, nachdem die Europäer begonnen hatten, den Kontinent in Besitz zu nehmen – das Geschehen in Nordamerika über lange Zeit beherrscht.

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