Radiomoderator Howard Stern könnte das erste Opfer der neuen Welle in den USA werden.
Es ist nicht jedermanns Morgenprogramm. Ab sechs Uhr Früh weckt Howard Stern via Radio die Nation mit Plaudereien über Sex-Praktiken, schildert die anatomische Beschaffenheit von Stripperinnen, die in seinem Studio auftreten, oder schimpft in einer Aneinanderreihung von Schimpfwörtern über Politiker. Bisher konnte der Radio-Schocker seine Show mit Hinweis auf die Meinungsfreiheit gegen alle Angriffe verteidigen. Jetzt droht dem Moderator das Aus: Denn seit Janet Jacksons "Nipple-Gate" geht die US-Medienaufsichtsbehörde FCC mit hohen Geldstrafen gegen anrüchige Radio- und TV-Inhalte vor.
Sterns Morgenshow läuft derzeit auf 35 US-Radiosendern - vor einigen Tagen waren es noch 41. Die Gesellschaft "Clear Channel" hat die Sendung aus dem Programm ihrer sechs Radiostationen genommen, nachdem sie eine Geldstrafe in Höhe von 495.000 Dollar bezahlen musste. Die FCC hatte nämlich beanstandet, dass Stern (wie üblich) in einer Sendung über Oral- und Analsex gesprochen hat. Und für jede einzelne Verwendung des Wortes "Sex" bezahlte die Gruppe Strafe - 18 Mal je 27.500 Dollar.
Die neue Strenge ist eine Folge des Zwischenfalls während der Übertragung des Football-Finales Anfang des Jahres: Sänger Justin Timberlake hatte Janet Jackson das Oberteil weggerissen, für einen kurzen Moment war die rechte Brust der Sängerin zu sehen. Empörte Eltern bombardierten daraufhin Fernsehsender und Politiker mit Protestschreiben. Und schon startete FCC-Chef Michael Powell, Sohn von Außenminister Colin Powell, seinen Reinheits-Feldzug. Zum Schutz der Kinder darf in keinem via Antenne zu empfangenden Radio- oder Fernsehsender zwischen sechs Uhr morgens und zehn Uhr abends Anrüchiges gesagt oder gezeigt werden, sonst wird's teuer.
Vielen Amerikanern geht die neue Keuschheitswelle mittlerweile zu weit. Im Internet formiert sich Widerstand, demokratische Politiker werfen der republikanisch geführten FCC Verstöße gegen die Meinungsfreiheit vor. Howard Stern spricht von einer "Hexenjagd im Stile der McCarthy-Ära". Wie lange seine Show noch läuft, ist fraglich. Derzeit wird sie mit Verzögerung ausgestrahlt, damit den Sendern Zeit bleibt, Anstößiges mit einem Piepton zu überlagern.