Fernkälte

Kalter Ring umschließt nun Wiener City

Fernkältezentrale unter der Alten Post: Durch die türkisen Rohre fließt Donaukanalwasser, durch die schwarzen das Kühlwasser für Oper und Co.
Fernkältezentrale unter der Alten Post: Durch die türkisen Rohre fließt Donaukanalwasser, durch die schwarzen das Kühlwasser für Oper und Co. Clemens Fabry
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Uni, Oper, Parlament: Das Kältenetz unter der Ringstraße ist komplett. Für die meisten Wiener bleibt es aber in weiter Ferne.

In dem Raum drei Stockwerke unter der Alten Post im Ersten Bezirk dröhnt es. Durch die dicken Rohre und Zylinder wird Wasser gepumpt: Durch die türkisen jenes aus dem Donaukanal, durch die schwarzen das Kühlwasser, das von hier aus durch gut versteckte Leitungen unter der Erde weiterfließt: zum Hotel Sacher, zur Staatsoper und seit Kurzem auch zum Naturhistorischen Museum und zum Parlament.

Dort, unter dem Burgring, hat die Wien Energie gerade den sogenannten Fernkältering geschlossen. Gebäude entlang der Ringstraße und darüber hinaus können nun mit Fernkälte versorgt werden. Ein „Meilenstein“ für die Versorgungssicherheit und den Klimaschutz in Wien, sagte Finanzstadtrat Peter Hanke bei einem Medientermin in der Fernkältezentrale in der Alten Post.

Seit rund 15 Jahren setzt die Stadt verstärkt auf Fernkälte, die als klimafreundliche Alternative zu Klimaanlagen gilt. Dabei wird – analog zur Fernwärme – Wasser durch Leitungen in angeschlossene Gebäude gepumpt. Bloß, dass dieses Wasser zuvor auf fünf bis sechs Grad abgekühlt wurde. Vor allem im Winter – Labore, Krankenhäuser oder Museen werden auch dann temperiert – setzt Wien vor allem auf den Donaukanal zum Abkühlen. Ist dieser zu warm, wird mit Strom nachgeholfen.

Im gekühlten Gebäude nimmt das Kühlwasser Wärme auf und transportiert sie wieder in die Fernkältezentrale. Das bei dem Prozess aufgewärmte Wasser des Donaukanals wird wieder in den Fluss zurück gepumpt. Gerade so viel, wie erlaubt ist, versichert Burkhard Hölzl von der Wien Energie. Das ökologische Gleichgewicht des Flusses werde dadurch nicht beeinträchtigt.

„Fernkältehauptstadt“

Warum der ganze Aufwand? Wenn Wien-Energie-Chef Michael Strebl über die Entwicklung der Hitzetage und Tropennächte in den letzten Jahrzehnten referiert, weiß man, warum: „Wir bilden uns nicht ein, dass die Hitze zunimmt“, so Strebl am Montag. Und Fernkälte reduziere den CO2-Ausstoß gegenüber herkömmlichen Klimaanlagen um die Hälfte. Um noch mehr, wenn der dafür eingesetzte Strom ebenfalls klimaneutral ist. Das wiederum ist wesentlich für die selbsternannte Klimahauptstadt Wien, die nun auch „Fernkältehauptstadt“ werden will.

Mit aktuell 35 Kilometern an Leitungen ist man davon aber noch ein gutes Stück entfernt. Zum Vergleich: Stockholm hat mit 250 Kilometern das längste städtische Fernkältenetz Europas. Auch gegenüber den 1300 Kilometern an Fernwärmeleitungen wirkt das Fernkältenetz geradezu mickrig.

Für alle Wiener? Eine Illusion

„Derzeit illusorisch“ sei deswegen auch die Vorstellung, dass alle Wiener bald ihre Wohnungen mit Fernkälte kühlen können, bestätigt Michaela Deutsch, Bereichsleiterin für Energiedienstleistungen bei der Wien Energie, gegenüber der „Presse“. Sinn ergibt die Fernkälte vor allem im Neubau, ein Nachrüsten ist extrem aufwendig, schließlich müssten eigene Leitungen in jede Wohnung verlegt werden. Auch wer bereits Fernwärme bezieht, spart sich dies nicht, schließlich werden diese Leitungen auch im Sommer für Warmwasser gebraucht.

Sinnvoller ist Fernkälte bei großen Gebäuden wie Spitälern, die rund ums Jahr gekühlt werden müssen, oder auch bei denkmalgeschützten Gebäuden, wo herkömmliche Klimageräte mit Rückkühlern am Dach keine Option sind. Weswegen auch der Fernkältering um den 1. Bezirk für die Stadt Priorität hatte.

Rund 200 Gebäude in Wien beziehen derzeit Fernkälte, einige Wohngebäude, etwa im Nordbahnviertel, sind auch dabei. Sonst liegt der Fokus auf Hotels, Büros wie in Town Town oder dem Austria Campus, Museen und öffentlichen Gebäude wie Parlament, Rathaus, Unis oder Bahnhöfen.

Nächster Stopp Hauptbahnhof

Nicht alle hängen an dem zentralen Kältenetz, Wien hat mittlerweile 25 Zentralen, wo Fernkälte produziert wird. Mittelfristig sei aber durchaus geplant, die meisten davon zu verbinden, sagt Deutsch. „Fällt eine Zentrale aus, kann so eine andere einspringen.“ So soll bis spätestens 2028 der Hauptbahnhof an das Netz angeschlossen werden. Planungen für Leitungen unter der Prinz-Eugen-Straße laufen bereits, ebenso für den Lückenschluss des Fernkälterings zum AKH.

Etwas später soll über die Mariahilfer Straße der Westbahnhof an das zentrale Netz angeschlossen werden. Das reicht derzeit bis zur Baustelle des Kaufhauses Lamarr. Ab wann durch dessen Wände letztlich kühles Wasser durchgepumpt wird, ist eine andere Geschichte.

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