Post aus Amerika

Heimweh kann aufkommen, selbst in New York

Heimatgefühle, etwa bulgarische, finden sich oft an den seltsamsten Orten ein: auch am New Yorker Times Square.
Heimatgefühle, etwa bulgarische, finden sich oft an den seltsamsten Orten ein: auch am New Yorker Times Square.Mila Robert
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Beobachtungen der US-Korrespondentin im Wahljahr. Diesmal: Rakija-Tränen.

Der späte Mai hat in New York immer etwas von einem Staffelfinale einer Fernsehserie. Alle sind drauf und dran, die Stadt für den Sommer zu verlassen, und so müssen allerhand lose Fäden aufgegriffen und verknüpft werden. Oder zerschnitten. Es ist die Hochzeit der Liebesbekundungen und der Trennungen, des Herzschmerzes, der Abschiede, der Sehnsucht, des Fernwehs.

Und nicht selten auch des Heimwehs. In der Ferne ist die Liebe zur Heimat nicht selten so wie die Liebe zu einer Verflossenen: Die Erinnerung ist schön und bittersüß und ein bisschen grausam. Manchmal weiß man erst, was man hat, wenn man es hinter sich lässt.

Vor wenigen Tagen brüllte ein DJ in einem Nachtclub auf der Lower East Side ins übersteuerte Mikrofon: „Do you miss home?!“ Das Publikum, überwiegend Bulgaren, johlte, und durch die Boxen dröhnte die Nationalhymne, „Mila Rodino“, „Liebe Heimat“. Die Augen wurden glasig, und die Hände wanderten zur Brust. Eine Freundin, beruflich bulgarischer Pop- und „Dancing Star“, reckte dazu ein Stamperl in die Luft. „Rakija-Tränen“, raunte sie den staunenden Ausländern zu, Südafrikanern und Dänen und Kanadiern und Deutschen und Israelis.

Sie selbst hatte erst tags zuvor im Wohnzimmer einer Freundin Rakija-Tränen vergossen. „Mir war eingefallen, wie sehr ich Bulgarien liebe“, und dabei war sie erst seit zwei Tagen in New York. Zu Besuch. Manchmal erkennt man nur aus der Ferne gut, was man liebt.

Weswegen es sich auch auszahlt, manchmal New York den Rücken zu kehren. Am vergangenen Montag waren gefühlt mehr meiner Freunde an Bord von Flugzeugen als in der Stadt, und auch ich war irgendwo über dem Atlantik – ostwärts reisend.

Und daran denkend, wie wehmütig sich der Mai anfühlt, und wie kompliziert die Frage wird, wo man wirklich daheim ist, je öfter man in den Flieger steigt. Möglicherweise in den Armen jener, die einen am Boden empfangen, egal, ob in der Heimat oder nicht?

So traurig das Staffelfinale Jahr um Jahr ist, irgendwoher muss der Stoff für die nächste Saison ja kommen, müssen die Herzen in Erwartung klopfen. Damit auch im nächsten Mai die Tränen wieder fließen.

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