Appell

Der Medienstandort Österreich brennt

Die nächste Bundesregierung muss ein Medienpaket schnüren, das lang bestehen­de Probleme angeht. Eines, mit dem die ORF-Gremien reformiert werden und eine Wirtschaftsförderung für alle Marktteilnehmer, also auch Privatmedien, etabliert wird.

Die dramatischen Zahlen der Kündigungen von Journalisten im Printbereich reißen nicht ab. Bei einer Zeitung sind es 20 Stellen, bei einer anderen über 30, und beim ORF müssen in den nächsten fünf Jahren bis zu 300 Stellen abgebaut werden. Diese Dezimierung des Personals spiegelt eine dramatische Entwicklung am Medienstandort Österreich. Wenn, wie in den USA, mehr als die Hälfte der Journalisten in den vergangenen zehn Jahren ihren Job verloren haben bzw. nicht mehr als Journalisten in den klassischen Medien arbeiten können (©„Finan­cial Times“), dann wird auch die Kommunikation mit den Leserinnen und Lesern schwieriger.

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Nicht zuletzt spitzt sich die Lage auch für die Politik zu, die in den österreichischen Medien nicht nur ein Korrektiv vorfinden muss, sondern diese auch als Übermittler politischer Inhalte und Ideen braucht.

Es ist auch eine Katastrophe für den Medienstandort Österreich, wenn Jahr für Jahr Werbegelder in Milliardenhöhe an Internetgiganten wie Apple, Amazon und Google verloren gehen. Die von dieser Regierung beschlossene Digitalsteuer ist dabei nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Betrachten wir die andere Seite des Werbeabflusses an die Internetgiganten, dann ist die Wettbewerbsfähigkeit des regionalen Handels in Österreich durch die schwindenden Werbemöglichkeiten massiv gefährdet. Der regionale Handel ist schließlich das Herzstück des österreichischen Konsums. Wenn hier keine Werbemöglichkeiten mehr vorliegen, wird das zu einer echten Katastrophe in Österreich führen.

Wenn Journalisten immer weniger werden, heißt das auch, es gibt weniger Berichterstatter für die (über)regionale Wahrnehmung der österreichischen kulturellen Identität und der österreichischen Sportidentität. Und das wiederum führt zu einer dramatischen Verarmung österreichischer Identitätsstiftung im Kultur-, Sport- und Unterhaltungsbereich.

Was bedeutet es, wenn Medienhäuser mit einer hervorragenden Sport- oder Kulturberichterstattung weder Personal noch budgetäre Mittel haben, um über solche Ereignisse zu berichten? Dass dieser Informationsdienst von US-Internetgiganten übernommen wird oder sogar ausstirbt? Das hätte dramatische Folgen für unsere Sportvereine und Kultureinrichtungen.

Kooperation ist möglich wie bei Joyn

Die nächste Bundesregierung muss ein umfassendes Medienpaket schnüren, das sowohl eine Reform der ORF-Gremien als auch die umfassende finanzielle Absicherung des ORF beinhaltet und gleichzeitig eine Wirtschaftsförderung des gesamten Medienstandortes für viele andere Marktteilnehmer, also Privatmedien, bedeutet. Ein gutes Kooperationsbeispiel zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Medien zeigt sich bei der Plattform Joyn. Sie verdeutlicht, dass Kooperationen zu einer Vergrößerung des österreichischen Marktes bis in den deutschen Medienraum führen könnten. Eine Zusammenarbeit mit dem deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk am Beispiel „Funk“ könnte ebenso eine Verbreiterungsmöglichkeit österreichischer Produkte im deutschsprachigen Medienraum darstellen.

Österreichs Identität ist eng mit den österreichischen Qualitätsmedien verbunden. Der Appell lautet also: In den kommenden Regierungsverhandlungen im Herbst sollte nicht nur das ORF-Gesetz, sondern auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und das Zusammenspiel zwischen ORF und Qualitätsmedien neu gedacht werden.

Heinz Lederer (*1963) ist Berater und Lobbyist und leitet seit 2017 den „Freundeskreis“ der Sozialdemokraten im ORF-Stiftungsrat.

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