Lokal-Kolorit

Lokalkritik: Auf ein Intimmenü für Ausgehungerte ins Elstar

Die ehemalige kaiserliche Militärreitschule gehört jetzt zur Autograph Collection des Marriott-Konzerns.
Die ehemalige kaiserliche Militärreitschule gehört jetzt zur Autograph Collection des Marriott-Konzerns.Cathrine Stukhard
  • Drucken

Vom selben Teller essen oder streiten, heißt es im Restaurant Elstar im Hotel Imperial Riding School. Das Menükonzept ist speziell, die Portionsgrößen sind es ebenso. Und: Englischkenntnisse schaden nicht.

Was passiert, wenn ein innereien- und wirtshauserprobter Koch, der noch bei Werner Matt gelernt hat, bei einer internationalen Hotelkette anheuert, die mit dem Kronländererbe wirbt? Richtig, Tiradito, roher Fisch auf südamerikanisch, was sonst. Sandro Balogh, der vor über einem Jahrzehnt einmal kochender Wirt im Vikerl’s Lokal war, ist nun Küchenchef im Elstar, dem Restaurant des neu eröffneten Hotels Imperial Riding School in der Ungargasse, das zur Autograph Collection des Marriott-Konzerns gehört.

Das Gebäude im Tudorstil diente unter Kaiser Franz Joseph als Militärreitschule, wurde von BWM Architekten umgebaut, die Innenausstattung stammt indes von einem Londoner Designbüro. Der hinter Mauern gelegene Gastgarten ist weitläufig, an der Outdoor-Bar soll im Sommer auf dem Green Egg gegrillt werden.

55 Euro für fünf Gänge inklusive großem Schnitzel

Ein Highlight der Servicekultur ist auch das Elstar nicht. Mehr als ohnehin schon auf Englisch zu bestellen und zusätzlich zur Nennung des gewünschten Gemischten Satzes den Finger präzise in der entsprechenden Zeile der Weinkarte zu platzieren, um einen Weißwein und keinen Rotwein serviert zu bekommen, kann man als Gast nicht machen. „Schaut aus wie Kürbis, ja, würde ich auch sagen“, sagt eine andere Kellnerin und betrachtet eingehend die geschmacklich absolut neutrale dunkelgelbe Sauce auf dem Wolfsbarsch-Tiradito der fragenden Gäste, bevor sie dann doch Richtung Küche abrauscht, um nachzufragen. (Chilisauce sollte es gewesen sein, wohl aus einer neuen, inklusiven Sorte, die völlig ohne Aroma und Schärfe auskommt.) Was das Menü betrifft, verblüffen schon die Preise: 42 Euro für vier Gänge, 55 Euro für fünf. „Ab 2 Personen“, das kennen wir, „zum Teilen“, klar, Sharing ist längst unser zweiter Vorname. Das hiesige Überraschungsmenü geht aber einen neuen Weg.

Vorlegebesteck und eigene Teller gibt es nicht, man muss vom selben Teller essen oder streiten.
Vorlegebesteck und eigene Teller gibt es nicht, man muss vom selben Teller essen oder streiten.Michael Chuang

„Wer kriegt die Rote-Rüben-Suppe und wer die Fischsuppe?“, lautet die Begleitfrage zu den zwei Riesenportionen. „Wer kriegt das Rote-Rüben-Tatar“ (finden Sie den Fehler? Hinweis: Suppe) „und wer das Tiradito?“ Zum Teilen – das bedeutet im Elstar ­nämlich nicht etwa in die Mitte gestellte Teller samt hygienischem Vorlegebesteck und ein eigener Teller für jeden. Man muss also vom selben Gericht essen, in dem schon das Besteck der womöglich nicht immer nahestehenden Begleitung intime Lebensspuren hinterlassen hat.

Und was kommt nach dem Schnitzel?

Nächste Besonderheit: Wer ein adrettes Fünf-Gänge-Menü erwartet, wird angesichts der schieren Mengen Augen machen. Als ­dritter Gang des Fünf-Gänge-Menüs kommen ein ­Wiener Schnitzel in skihüttentauglicher Größe (mit mustergültiger Panier und Petersilerdäpfeln) und ein Welsfilet auf Risotto mit roten Paprika und Saubohnen. Was denn nach dem Schnitzel der vierte Gang im Menü sei? „Ein Szegediner Gulasch.“

Info

Elstar im Hotel Imperial Riding School, Ungargasse 60, 1030 Wien, Tel.: +43/(0)1/71 17 50,
täglich: 12–22 Uhr. Mehr Kolumnen auf: DiePresse.com/lokalkritiken

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:

Mehr erfahren

In der Troststraße in Wien-Favoriten kann man jemenitisch essen gehen.
Unkompliziert essen

Lokalkritik: Authentisch jemenitische Küche im Bab Al Yemen

In den Urlaub hinfahren ist derzeit ja eher keine Option, aber wer jemenitische Küche sehr authentisch erleben will, wird im Bab Al Yemen in Favoriten wohl fündig werden.
Unkompliziert essen

Lokalkritik: Eine etwas fettige Angelegenheit im Tschak Mak

In der Liechtensteinstraße gibt es nun einen Ableger des Tschak am Donaukanal: das Tschak Mak mit Fokus auf Sandwiches. Nette Kombis, aber etwas zu geil.
Thonet-Sessel und Marmortische sind aus dem Stammhaus in der Biberstraße mitübersiedelt.
Lokal-Kolorit

Lokalkritik: Dem C.O.P. steht das Improvisieren gut

„Low-intervention cooking“ mit Blütenmelanzani und Lammbratwurst im Ausweichquartier: Über den Sommer ist das C.O.P. (wegen Bauarbeiten im Stammlokal) am Wiener Vorgartenmarkt zu finden.
Eine ehemaligen Direktorenvilla der Steyr-Werke wurde zum Restaurant umfunktioniert.
Lokal-Kolorit

Lokalkritik: Lukas Kapeller kocht in Steyr neben Baumkronen

Im Dachgeschoß der ehemaligen Direktorenvilla der Steyr-Werke hat Lukas Kapeller ein sehr fesches Refugium aus intimem Restaurant und 5 Hotelzimmern geschaffen. Und zitiert in seinem Menü unter anderem Pombären und Bahlsen-Messino.

Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.