Buch der Woche

Jane Gardam: Wie man dem Gatten entkommen kann

Jane Gardam nutzt die Freiheiten des Briefromans mit souveräner Unbekümmertheit.
Jane Gardam nutzt die Freiheiten des Briefromans mit souveräner Unbekümmertheit.Hazel Thompson/The New York Times/Redux/Laif
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Eliza schreibt Briefe an ihre Nachbarin, die Mann und Kinder verlassen hat. In ihrem Roman „Gute Ratschläge“ blickt Jane Gardam mit staubtrockenem Witz und trotzdem menschenfreundlich auf das selbstsüchtige Bürgertum der Ära Thatcher.

Was für ein verrücktes Buch. Und das liegt nicht in erster Linie daran, dass es von einer Frau erzählt, die offenkundig verrückt wird. Genau genommen ist es diese Frau selbst, die erzählt, indem sie Briefe an ihre Nachbarin Joan schreibt. Eliza Peabody, die undiplomatische Gattin eines Diplomaten, impulsiv, redselig und etwas schrullig, lebt in einem dörflichen Londoner Vorort für Betuchte. Sie ist dafür bekannt, ihre Umgebung mit mehr oder weniger guten Ratschlägen zu beglücken, das probiert sie auch bei Joan, allein, es gibt keine Reaktion, allenfalls wirkt ihr Versuch, diese zur Ordnung zu rufen, kontraproduktiv: Joan packt ihre Koffer, verlässt ihren Mann, Charles, und ihre halbwüchsigen Kinder und geht auf Weltreise. In ihrem nächsten Brief erklärt ihr Eliza, dass diese Art der Horizont­erweiterung etwas für viktorianische Protagonistinnen gewesen sei, die moderne Frau habe das nicht mehr nötig, es gebe schließlich „vorzügliche Meditationskurse“ im Quartier. Und sie erklärt die Adressatin kurzerhand zum klinischen Fall: „Eine Frau, die ein so wundervolles Haus verlässt, zwei so lebhafte Kinder, Charles’ ganzes Geld und den lieben genügsamen Charles selbst, muss krank sein.“

Zuerst kommt das Geld, dann der liebe Charles

Die raffinierte Reihung (zuerst kommt sein Geld, dann der liebe Charles) verrät einiges über die Rangordnung in der Rathbone Road – und die einseitige Korrespondenz einiges über Elizas Beweggründe: Offensichtlich hat die Nachbarin den Ausbruch gewagt, den sie insgeheim selbst gerne unternehmen würde, denn sie sitzt im Cottage-Viertel und in ihrer Ehe fest, eine attraktive Fünfzigjährige mit dem Sozial- und Geschlechtsleben einer Seniorin, kinderlos und gestraft durch das Desinteresse ihres Ehemannes, Henry: „Die ganze Apparatur ist noch da, ganz normal, zumindest soweit ich das beurteilen kann. Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen, und die einzig andere, die ich kenne, die mir, nun ja, förmlich ins Gesicht sprang, ist die an Michelangelos David in Florenz.“ Ehe Eliza über mögliche Konsequenzen nachdenken kann, zieht Henry aus und just mit Charles in eine Wohnung in der City.

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