Interview

Erste-Boss Willi Cernko: „Um Gottes Willen, wo bin ich denn da gelandet?“

Der scheidende Erste-Group-Chef Willi Cernko blickt auf über 40 Jahre im Bankengeschäft zurück und bleibt der Gruppe weiterhin erhalten.
Der scheidende Erste-Group-Chef Willi Cernko blickt auf über 40 Jahre im Bankengeschäft zurück und bleibt der Gruppe weiterhin erhalten.Clemens Fabry
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Interview. Willi Cernko war nicht als Chef der Erste Group geplant. Seine Amtszeit waren die besten Jahre der Bank. Ein Gespräch über seinen Nachfolger Peter Bosek, Nationalbankposten, Signa und die Macht der Banken.

Die Presse: Sie haben die Schule abgebrochen, dann folgten fünf Jahre Bundesheer. Später holten Sie Matura und Ausbildung nach. Was war für Ihre Karriere wichtiger: der Rebell oder der Pflichtbewusste zu sein?

Willi Cernko: Meine Mittelschulzeit war geprägt von Auflehnung. Irgendwann habe ich plötzlich Ehrgeiz entwickelt. Auch weil ich kein abgeschlossenes Studium habe, wurde mir rasch klar: Ich muss einfach besser sein als die anderen. Die ersten Erfolge kamen zustande, weil diejenigen, die zuerst gefragt wurden, das mit einem großen Aber versehen haben. Dann bin ich gefragt worden und ich habe einfach Ja gesagt.

Auch im Ausland.

In den 1990ern bin ich nach Tschechien, dann nach Slowenien, habe mich viel mit Polen und Ungarn beschäftigt. Ich habe sehr viel Feuerwehr gespielt und sehr viel Sanierungsarbeit geleistet. Da habe ich bewiesen, dass ich nicht nur jemand bin, der strategisch denken kann, sondern einer, der die Ärmel hochkrempelt. Wenn du keinen Stallgeruch hast, machst du es nicht ordentlich. Ich habe im Filialgeschäft begonnen und wirklich von der Pike auf gelernt. Und ich kann mich an keinen einzigen Tag erinnern, an dem ich gesagt habe: Verdammt, heute muss ich arbeiten.

Zur Person

Willi Cernko heißt eigentlich Willibald, will aber nur Willi genannt werden. Der gebürtige Steirer wuchs mit vier Geschwistern in einfachen Verhältnissen auf und war als Arbeiterkind ein Novum für die bürgerliche Erste. Sein Vater verunglückte, als er elf Jahre alt war. Der Vater von vier Kindern ist seit 2017 Vorstandsmitglied der Erste Group und steht seit Juli 2022 als Vorstandschef an ihrer Spitze. Sein Vorgänger Bernhard Spalt war überraschend abgetreten. Der 67-jährige Bankmanager begann seine Karriere 1983 bei der Raiffeisenkasse Obdach-Weißkirchen. 1985 wechselt Cernko zur Creditanstalt in Wien, eine der Vorgängerbanken der heutigen Bank Austria. Cernko war seit 2003 Mitglied des Vorstands der fusionierten Bank Austria Creditanstalt und seit 2006 zusätzlich Mitglied des Vorstands der Hypo-Vereinsbank. Den Chefposten der UniCredit Bank Austria übernahm er 2009 von Erich Hampel. Als die UniCredit 2016 der Bank Austria die Osteuropa-Agenden entzog und ihr noch ein Sparpaket aufzwang, ging Cernko auf Distanz zu Italien und wurde flugs seinen Posten los. Andreas Treichl holte ihn dann zur Überraschung vieler zur Erste Group.

Sie haben 1983 bei der Raiffeisenkasse Obdach-Weißkirchen begonnen.

Im Vorlauf habe ich noch 18 Monate ein Trainingsprogramm bei der Creditanstalt Salzburg absolviert. Also habe ich 1981 das erste Mal meine Fußabdrücke in einer Bank hinterlassen.

Angefangen haben Sie noch mit der Schreibmaschine.

Na klar. Und irgendwann einmal in den 1990er-Jahren sagte ich zu meiner Assistentin: Bitte halte den Gedanken mit der Schreibmaschine fest. Dann sagte sie zu mir: Willi, wir haben schon lang keine Schreibmaschine mehr. Für mich war das Einschneidendste das Faxgerät. Mit der Postlaufzeit hat das schon ein bis drei Wochen gedauert, bis man mit einem Kunden zur Sache gekommen ist. Das Fax hat das erste Mal so richtig Tempo hineingebracht. Und später natürlich das Internet. Da ist wirklich die Post abgegangen.

Hätten Sie damals gedacht, dass man einmal Bankgeschäfte am Handy machen würde?

Für mich war vieles nicht vorstellbar. Meine ersten Tage in der Bank waren fast deprimierend: die Bürokratie, die Zettelwirtschaft. Ich dachte: Um Gottes Willen, wo bin ich denn da gelandet? Diese Welt habe ich mir erarbeitet, mit einem nicht unbeträchtlichen Risiko des Scheiterns. Als es überall hieß „go east“, bin ich 1995 nach Prag. Bist du wahnsinnig?, hieß es zu mir. Dabei liegt Prag westlicher als Wien.

Ein Großteil der Gewinne der österreichischen Banken geht auf das Osteuropa-Geschäft zurück. Das wird nicht für immer so bleiben.

Die Unternehmen, Banken und Versicherungen: Wir haben Schulter an Schulter diesen Wirtschaftsraum für uns gewonnen. Deutschland war da deutlich zurückhaltender. Diese Konvergenz, dieses Näherrücken an die österreichischen Standards, ist ein Vorteil. Wir gehen davon aus, dass der Konvergenzmotor noch weiterhin läuft, aber mit weniger Umdrehungen. Mitteleuropa wird neue Initiativen brauchen, um dem Ruf als Wachstumsmotor in Europa weiterhin gerecht zu werden. Die Voraussetzungen sind sehr gut.

Inwiefern?

Wir haben extrem gut ausgebildete Menschen vor Ort. Wenn man die gut bezahlt und ihnen zukunftsorientierte Jobs anbietet, wird auch der Braindrain ein Ende finden. In Rumänien ist das gelungen. Das heißt: Romania first. Auch über 50-jährige Fachkräfte gehen mit ihrem Ersparten wieder zurück und machen dort ihr eigenes Geschäft auf. Wenn das rumänische Beispiel Schule in der Region macht, wird natürlich der Zuzug von jungen, ausgebildeten Leuten nach Österreich versiegen.

Es wird also doch ein böses Erwachen für Österreich geben?

Nein. Wir werden viel mehr Wirtschaftspartner haben, mit denen wir auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Das finde ich durchaus gut. Das gibt für uns wieder einen Stimulus.

»Da darf sich die Politik die Feder an den Hut stecken«

Willi Cernko

Erste-Chef

Sollten Banken mehr Steuern zahlen?

Die derzeitigen Ergebnisse schließen an jene von 2015 an. Natürlich haben wir durch das Zinsniveau Rückenwind. Aber wichtiger ist, wofür die Gewinne verwendet werden. Die Erste Group schüttet 40 Prozent aus, und der Rest wird für Kapitalaufbau und Investitionen verwendet.

Wenn etwas schief läuft, zahlt schon der Steuerzahler und …

Da muss ich jetzt aber wirklich entschieden dagegen halten. Wir müssen unterscheiden zwischen bis zur und nach der Finanzmarktkrise. Es ist ein strenges Regel- und Aufsichtswerk entwickelt worden. Die Fälle, die passiert sind, gelten als nicht signifikante Institutionen. Sberbank und Commerzialbank Mattersburg haben den Steuerzahler keinen Cent gekostet.

Die Hypo Alpe Adria schon.

Das ist ein Sonderfall. Da darf sich die Politik die Feder an den Hut stecken.

Mir geht es um die Verantwortung. Bei der größten Pleite der Republik, Signa, kommen die Banken mit einem blauen Auge davon. Ihre Investitionen sind besichert. Aber sie haben mit ihrer Kreditvergabe an René Benko und Signa zu einem Image eines gesunden Unternehmens beigetragen. Haben Banken Fehler gemacht? Haben Bank zu viel Macht?

Wir bei der Erste haben uns nichts vorzuwerfen. Wir haben immer projektbezogen gearbeitet, weil es keine konsolidierte Bilanz gegeben hat, bei voller Einsicht durch die Aufsicht. Die Causa Signa ist ermöglicht worden, weil Investoren enormes Risikokapital zur Verfügung gestellt haben. Die Frage müssen sich die Signa-Investoren gefallen lassen.

Warum ist nicht früher die Reißleine gezogen worden?

Der Erfolg trübt offensichtlich den Blick. Letztendlich muss jeder für sich die Verantwortung wahrnehmen.

Apropos Aufsicht. Die Posten werden in Österreich oft politisch besetzt. Bräuchte das OeNB-Direktorium nicht einen anderen Auswahlprozess?

Da enthalte ich mich jeden Kommentars. Mit der EZB und dem Euro kann man sich allerdings schon fragen, ob eine nationale Nationalbank in der Form noch zeitgemäß ist.

Gehen Sie noch zum Bankomat?

Ich gehe nie ohne Bargeld aus dem Haus.

»Die Kunden zahlen mein Gehalt«

Willi Cernko

CEO der Erst Group

Sie haben die Erste Group seit 2022 geführt. Was bleibt von der Ära Cernko?

Die muss man im Kontext des Abgangs von Bernhard Spalt setzen. Meine Ernennung zum CEO war ja nicht geplant, sondern das hat sich ergeben.

Sie haben wieder einmal Ja gesagt.

Ich habe Ja gesagt. Was wirklich gelungen ist: sehr rasch wieder Ruhe hereinzubringen. Und uns wieder auf unsere gesteckten Ziele zu konzentrieren und in die Umsetzung zu kommen. Die letzten beiden Jahre waren die besten in der Geschichte der Bank. Zum Schluss habe ich die Übergabe für Peter extrem gut vorbereitet.

Was sollte ihr Nachfolger Peter Bosek besser machen als Sie?

Natürlich ist die Erwartung anders, weil Peter mit der Perspektive kommt, die Bank in den nächsten Jahren aufs nächste Level zu heben. Ich habe mich immer als Brückenbauer gesehen. Peter ist jemand, der Menschen sehr zugewandt ist. Wenn man Menschen nicht mag, dann ist man in dieser Bank fehl am Platz. Er kennt die Bank und hat drei Jahre außerhalb der Erste etwas völlig anderes erlebt. Das wird gut funktionieren.

Wie geht es für Sie weiter?

Ich werde der Gruppe in einer Non-Executive-Rolle erhalten bleiben. Wenn ich beginne, den Leuten auf den Nerv zu gehen, ist der Zeitpunkt gekommen, mich zurück zu ziehen.

Ist es nicht Ihre Aufgabe als Chef, den Leuten auf den Nerv zu gehen?

Nein. Ich habe da einen ganz anderen Zugang. Man erreicht nur Lernfortschritte mit Lob zur richtigen Zeit und wohl dosiert. Man tut das viel zu wenig. Und ich kann von Leuten nicht verlangen, was ich selber nicht tue. Also hab ich zumindest einen Kundentermin am Tag. Die Kunden zahlen mein Gehalt.  

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