Zoologie

„Jeder zweite von uns trägt Milben herum“

Während die Zecken zu den gefährlichsten Milben weltweit gehören, ist diese Dornbein-Raubmilbe für den Menschen völlig harmlos.
Während die Zecken zu den gefährlichsten Milben weltweit gehören, ist diese Dornbein-Raubmilbe für den Menschen völlig harmlos.Pfingstl
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Oft sind Milben lästig: Als Zecken übertragen sie Krankheiten, die Herbstgrasmilben verursachen Juckreiz und Hausstaubmilben sorgen für Allergien. Dass die Acari, wie Forschende sie nennen, auch ihre guten und schönen Seiten haben, weiß Tobias Pfingstl aus Graz, einer der ganz wenigen Milbenexperten in Europa.

Die Presse: Herr Dr. Pfingstl, Sie sind einer der wenigen Milbenexperten in Europa. Wie oft begegnen wir Milben im Alltag?

Tobias Pfingstl: Mehrmals täglich. In jeder Wohnung leben Hausstaubmilben. Wenn wir schlafen, sind wir auf Tuchfühlung mit ihnen. Sie schaden uns nicht, es sei denn, wir reagieren allergisch. In Dauerkontakt stehen wir mit Haarbalgmilben, die in den Follikeln von Augenbrauen und Wimpern leben und sich von unseren Sekreten ernähren. Jeder Zweite von uns trägt sie mit sich herum, aber sie sind ungefährlich.

Und was lauert im Freien?

Wenn wir durch Wälder und Wiesen streifen, im Garten arbeiten oder einen Baum berühren, krabbeln winzige Milben auf unseren Händen und unter unseren Füßen umher, die so klein sind, dass wir sie gar nicht wahrnehmen. Zecken und Herbstgrasmilben sind die bekanntesten, aber die treten eher saisonal auf. Wir bemerken sie nur aufgrund ihrer blutsaugenden Natur.

Sie haben mehr als 40 Milbenarten beschrieben. Was reizt Sie an den Tieren?

Ihr verborgenes Leben und ihre Vielfalt. Unter einem Mikroskop kann ich Verhaltensweisen beobachten, die kein Mensch je zuvor gesehen hat. Wir sind weit entfernt davon, alle Arten, Formen und Biotope zu kennen, das macht die Acarologie (Milbenkunde, Anm.) so spannend. 55.000 Arten sind beschrieben, ein bis zwei Millionen werden vermutet. Viele Regionen der Erde sind acarologisch noch völlig unerforscht.

Welche Bedeutung haben die Milben in unserer Welt?

Sie sind wichtige Akteure in den Ökosystemen, als Raubtiere, Aasfresser, Pflanzenfresser, Blutsauger. Ob Wüste, Regenwald, Steppe, Nord- und Südpol, Himalaya, Binnengewässer, Ozean, Höhlen: Milben sind die einzigen Spinnentiere, die sämtliche Kontinente und Lebensräume besiedelt haben. Sogar die Tiefsee, das ist nicht einmal den Insekten gelungen. Als blinde Passagiere fliegen sie gelegentlich auch auf Vögeln und Insekten mit.

Das Liebesleben der Milben ist sehr speziell.

Ja, bei Schildchenmilben heftet sich das Männchen nach dem Schlüpfen ein Ei, in dem ein Weibchen reift, auf den Rücken und begattet es, wenn es schlüpft. Bei der Riesenhornmilbe ist die Paarung wie eine Polonaise: Das Männchen hält sich am Hinterleib seiner Angebeteten fest und wandert stundenlang mit ihr herum.

Sie tanzen Polonaise, stundenlang. Das Männchen nimmt das Weibchen an der Hüfte, wenn es um seine Gunst wirbt: Riesenhornmilben der Gattung Collohmannia.
Sie tanzen Polonaise, stundenlang. Das Männchen nimmt das Weibchen an der Hüfte, wenn es um seine Gunst wirbt: Riesenhornmilben der Gattung Collohmannia.Pfingstl

Unter dem Mikroskop wirken Milben wenig sexy.

Dafür sind sie sehr formenreich. Das reicht von kugelig, teller- und wurmartig über die klassische Spinnengestalt bis zu bizarren Formen wie den Gallmilben und den Chinese Dragon Mites, die an die Drachen aus der chinesischen Mythologie erinnern, oder Pterochthonius angelus, dessen Körper wie ein Schurke aus einem Science-Fiction-Film aussieht.

Wo müsste acarologisch dringend geforscht werden?

In der Landwirtschaft. Seit der Klimawandel uns zwingt, Ackerbau und Viehzucht neu zu denken, wird der Schutz der Böden und ihrer Bewohner immer wichtiger. Wir wissen, dass Milben bedeutende Zersetzer und Regulatoren in Nahrungsnetzen sind. Wir wissen aber nicht, wie das zusammenhängt, wie die Milbenfauna durch landwirtschaftliche Nutzung verändert wird.

»Milben haben sogar die Tiefsee erobert, das ist nicht einmal den Insekten gelungen.«

Tobias Pfingstl,

Biologe, Uni Graz

Bekannt sind die Milben vor allem als Schädlinge und Parasiten. Wie lässt sich das Zerrbild korrigieren?

Zecken sind die gefährlichsten Milben Europas, sie übertragen Borreliose, Meningitis und weitere Krankheiten. Am anderen Ende der Skala tummeln sich Arten, die beim Einsatz natürlicher Stoffe helfen könnten. Hornmilben sind etwa in Böden dauerhaft Pilzen und Bakterien ausgesetzt. Ein Sekret auf ihrem Panzer weist Schmutz ab, es wirkt vermutlich antibakteriell und gegen Pilze. Wenn wir solche Stoffe entschlüsseln, können wir neue Antibiotika und Arzneien herstellen. Auch für die Bionik sind Milben Vorbilder: Viele Körperteile sind perfekt an ihre Zwecke angepasst, z. B. Klauen, die wie bei Tyrannosaurus rex aussehen.

Was tun Hornmilben mit solchen Enterhaken?

Sie halten sich an Oberflächen fest. Aus der Größe, Form und Zahl der Klauen können wir genau auf die Lebensweise und Umgebung schließen. Lange, breite Klauen gibt es bei Felsen und schnellen Bewegungen, kleine, flache Klauen bei weichem Untergrund und langsameren Bewegungen. Baumbewohner haben zusätzlich Haftläppchen für glatte Blattoberflächen.

Wie kann man das Image retten?

Vielen fällt es schwer, sich der Schönheit und Vielfalt der Milben zu öffnen, weil sie die Tiere nicht sehen können. Fakt ist: Neunzig Prozent der Acari sind harmlos. Bekannt sind jene zehn Prozent, die Schäden anrichten, wie die Zecken und Krätzemilben oder in der Landwirtschaft die Spinn- und Mehlmilben.

Andere Tiergruppen haben die Biene, den Koala und den Korallenfisch als Sympathieträger. Welche kämen bei den Milben infrage?

Auf jeden Fall Ameronothrus twitter. 2021 hatte ein japanischer Hobbyfotograf sie bei einem erfolglosen Anglerausflug entdeckt, fotografiert und in die Welt getwittert. Professor Satoshi Shimano von der Hosei University in Tokio informierte mich darüber, und wir konnten sie als neue Art beschreiben. Die Twitter-Milbe wurde zu den zehn interessantesten Neuentdeckungen mariner Arten gekürt. Kurz darauf wurde über Twitter eine weitere Art, Ameronothrus re­tweet, entdeckt und kam ebenfalls in die Top Ten.

Auch diese Milbe wurde durch die Hilfe von Twitter entdeckt und als neue Art beschrieben: <em>Ameronothrus retweet.</em>
Auch diese Milbe wurde durch die Hilfe von Twitter entdeckt und als neue Art beschrieben: Ameronothrus retweet.Yuito Obae

Was wären gute Maskottchen?

Die afrikanischen Samtmilben zum Beispiel. Sie sind hübsch rot gefärbt und haben feine Härchen. Sie werden zwei Zentimeter groß. Kinder spielen damit, lassen sie über die Hände laufen und veranstalten Wettrennen mit ihnen. Die Raubmilbe Phytoseiulus persimilis ist bei Landwirten sehr beliebt, weil sie Spinnmilben frisst. Die Spring-Milbe Zetorchestes falzonii hat lange Hinterbeine, mit denen sie sich bei Gefahr mehrere Zentimeter in die Höhe katapultieren kann. Und gemessen an ihrer Körpergröße ist die tropische Hornmilbe Archegozetes longisetosus das stärkste Tier der Welt: Mit ihren Grabklauen kann sie das 1200-Fache ihres Gewichts festhalten.

Einige Acarologen glauben, dass nicht die Skorpione, sondern die Milben die ersten Spinnentiere waren, die vor rund 500 Millionen Jahren das Land eroberten. Was meinen Sie?

Eine spannende Hypothese, für die es aber kaum Indizien gibt. Die Evolution der Wirbeltiere lässt sich anhand vieler Versteinerungen gut nachvollziehen. Von Milben, deren Vorläufer im mittleren Devon – vor 400 Millionen Jahren – gelebt haben, gibt es fast keine fossilen Belege. Die meisten Funde sind Bernsteineinschlüsse, die zeitlich nicht so weit zurückreichen. Hundert Millionen Jahre zwischen der ersten Landbesiedlung und den ersten nachgewiesenen Milben – das ist schon ein beachtliches Zeitfenster. Sicher ist nur, dass Milben ein fester Bestandteil der ersten komplexen Nahrungsnetze an Land waren.

Wie kommt die Landeroberung-Hypothese zustande?

Durch grobe Schätzungen, abgeleitet von der natürlichen Mutationsrate von Genen, mit einer Genauigkeit von mehreren Millionen Jahren. Das Problem: Je nachdem, welche Gene betrachtet werden, ergeben sich sehr verschiedene Resultate. Wenn wir die Methode verbessern und weitere Milben-Fossilien entdecken, können wir die Landeroberung genauer nachvollziehen. Seltsam ist: Es wurde noch keine einzige fossile marine Art gefunden. Die Vorläufer der heutigen Meeresmilben sind irgendwann an Land gegangen und später ins Meer zurückgekehrt, wie die Wale und Delfine bei den Säugetieren.

Warum sind sie nicht im Meer geblieben?

An Land kamen sie offenbar gut zurecht. Ins Meer flüchteten sie vermutlich infolge des Perm-Trias-Massenaussterbens vor 252 Millionen Jahren, das mit extremen Klimaschwankungen einherging. Eine Apokalypse, die in wenigen zigtausend Jahren die meisten marinen und terrestrischen Tier- und Pflanzenarten für immer auslöschte, erstmalig auch viele Insekten. Die Meeresmilben sind danach entstanden.

Wie erklären Sie sich die erstaunliche Karriere der Milben?

Ihr Erfolgsrezept ist die Verzwergung, begleitet von Diversifizierung. Beides hat sie extrem widerstandsfähig gemacht und die Eroberung von Nischen erleichtert, wenn sich die Umwelt veränderte.

Je kleiner ein Tier, desto mehr Nischen kann es besetzen?

Im Prinzip ja. Biotope, die für Wirbeltiere überschaubar sind, sind für Milben endlose Weiten. Buchen bieten Vögeln Futter und Nistplätze, aber Raum und Ressourcen sind knapp. Hingegen leben die Milben in Saus und Braus: Im Blätterdach schlemmen sie Pollen und Pflanzenteile, in den Flechten, Moosen und Rindenspalten finden sie Futter und Schutz vor Fressfeinden, im Falllaub naschen sie Pilze und Bakterien, und manche sind selbst Beute für andere Milben. Solche Mikrohabitate sind evolutionär stabil. Die anderen Achtbeiner, etwa Skorpione, Weberknechte und Webspinnen, sind fast alle Räuber, die sich während der Evolution an die Größe ihrer Beutetiere anpassen mussten. Die Milben waren extrem früh an Kleinsthabitate und ihre Ressourcen angepasst, sie konnten sich darin festsetzen, ohne Druck, sich vergrößern oder verändern zu müssen. Die meisten Arten sind kleiner als ein Millimeter.

Wen mögen Sie besonders?

Meine Lieblingsart ist Ramusella tobiasi, die in Südafrika entdeckt wurde. Eine Kollegin benannte sie nach mir und gab ihr meinen Vornamen, weil der sich leichter spricht als mein Nachname. Meine Lieblingsgruppe sind die küstenbewohnenden Hornmilben, von denen wir weltweit mehr als hundert Arten kennen. An ihnen forsche ich intensiv.

Tobias Pfingstl sammelt Material: 2019 in Cuxhaven.
Tobias Pfingstl sammelt Material: 2019 in Cuxhaven. Heinrich Schatz

Was untersuchen Sie genau?

Ob sie sich als Indikator für Klimaveränderungen eignen. Küstenbewohnende Hornmilben sind extrem temperaturempfindlich. Ein Grad Celsius zu viel, und die ganze Population wird vernichtet. Die Milben leben in den Gezeitenzonen und nähren sich von Algen und Flechten. Bei Ebbe verhalten sie sich wie Landbewohner, bei Flut wie Meerestiere, die komplett abtauchen. Ein faszinierendes Doppelleben.

Sind es attraktive Tiere?

Unbedingt, ihr stromlinienförmiger Körper ist schnittig wie ein Sportwagen. Ich mag sie auch, weil sie mich zu den schönsten Stränden der Welt locken, unter anderem in die Karibik.

»Jeder Zweite von uns trägt Haarbalgmilben unbemerkt mit sich ­herum, aber sie sind ­völlig ungefährlich.«

Tobias Pfingstl

Zur Person

Tobias Pfingstl (46) studierte an der Uni Graz Zoologie, um an Raubtieren zu forschen. Dann schrieb er seine Diplomarbeit über das komplexe Paarungsverhalten winziger Milben – und wurde Acarologe. Nach dem Doktorat arbeitete er mehrere Jahre auf den Bermudas, in der Karibik, in Japan und in Südafrika. Heute ist er Lektor und wissenschaftlicher Projektleiter an der
Uni Graz. Schwerpunkte: Bio­diversität, Evolution, Biogeografie, Morphologie, Molekulargenetik, Entwicklungsbiologie, Ökologie, Systematik. Er lebt mit seiner ­Familie in Graz.

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