Kirche

Historischer Tiefstand: 22 Prozent der Österreicher glauben an Gott

Die Wiener Theologin Regina Polak lehrt an der Universität Wien
Die Wiener Theologin Regina Polak lehrt an der Universität WienClemens Fabry
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Erste Ergebnisse der Studie „Was glaubt Österreich?“ präsentiert die Theologin Regina Polak. Drei Viertel der Befragten haben Erfahrung mit einem religiösen Alltagsritual. 40 Prozent geben an, zu beten oder zu meditieren. Dabei stehe der persönliche Nutzen im Vordergrund.

Es zeige sich, dass „ein Glaube, der nicht durch Alltagspraxis und institutionelle Anbindung gestützt wird, im Lauf der Zeit verschwindet“. Der persönliche Gott der monotheistischen Weltreligionen gerät gegenüber einer diffusen „höheren Energie“ oder „Kraft des Universums“ (35 Prozent) ins Hintertreffen, das erklärt die in Wien lehrende Theologin Regina Polak.

Und weiter: Der Glaube an den Gott Abrahams der Juden, Christen und Muslime sei mit 22 Prozent auf einem historischen Tiefststand. Die „traditionellsten“ seien hier ausgerechnet die Gruppe der 14- bis 25-Jährigen. Je 30 Prozent in dieser Altersgruppe glauben an Gott bzw. an ein höheres Wesen.

Diese ersten Ergebnisse der vom ORF beauftragten in Kooperation mit der Universität Wien erarbeiteten Studie „Was glaubt Österreich?“ hat die Religionssoziologin Regina Polak in Ö1 und im TV-Religions-Magazin „Orientierung“ präsentiert.

„Indifferente Religionsfreundlichkeit“

Österreich sei kein „religionsfeindliches Land“, wohl aber herrsche hierzulande „so etwas wie eine indifferente Religionsfreundlichkeit“ vor. Für die Studie wurden 2160 repräsentativ ausgewählte Personen mit Wohnsitz in Österreich zwischen 14 und 75 Jahren zu ihren Glaubens- und Wertvorstellungen befragt. Neben den großen Gruppen Katholiken und Konfessionslose erlaubten die Daten auch Rückschlüsse auf die Überzeugungen von Muslimen, Orthodoxen und Protestanten. Eine umfassende Präsentation der Studie ist für Anfang 2025 geplant.

Die heute vorherrschende Religiosität umschrieb Polak als „liquid“ im doppelten Sinn: Sie „verflüssigt sich“ in Richtung diffus und schwer einzuordnen; oder aber sie löst sich auf und verschwindet ganz. Auffallend ist für die auch mit der Auswertung der regelmäßig durchgeführten Europäischen Wertestudie betrauten Theologin die Offenheit für Rituale, die durchaus ein Interesse an religiösen Fragen anzeige. Drei Viertel der Befragten hätten Erfahrung mit einem religiösen Alltagsritual. 40 Prozent gäben an, zu beten oder zu meditieren - wobei dabei der persönliche Nutzen im Vordergrund stehe. Polak nannte in diesem Zusammenhang „Psychotechniken“, um zur Ruhe zu kommen oder über sich selber nachzudenken. Dies werde in der Regel alleine und unter Verzicht auf eine Gemeinschaft ausgeübt,

„Beunruhigende Entwicklung“

Dass regelmäßiges, aktives Engagement bei Institutionen zum Minderheitenprogramm geworden sei - 28 Prozent der Befragten engagieren sich nirgendwo, 36 Prozent fühlen sich keiner Gemeinschaft zugehörig - hält Polak, wie sie sagte, für demokratiepolitisch problematisch. Die hier sichtbare Individualisierung erkläre auch heute beobachtbare Polarisierungen und Spaltungen. Denn Gemeinschaften jenseits des engen Familien- und Freundeskreises seien wichtig, um sich auszutauschen, andere Meinungen kennenzulernen und den sozialen Zusammenhalt zu stärken. „Beunruhigende Entwicklungen“ sieht die Theologin im Blick auf Islamfeindlichkeit und Antisemitismus.

Insgesamt zeigten sich bei der Religiosität in Österreich magische Züge, schwer zu interpretierende Diffusion und auch Zustimmung zu Aussagen, die einander logisch widersprechen: so z.B. der Glaube ans Schicksal und gleichzeitig die Auffassung, dass man sein eigenes Leben selbstbestimmt in der Hand habe.

Glaube an Vorherbestimmung

Studien-Co-Autor Patrick Rohs ergänzte, 38 Prozent der Befragten glaubten an ein vorherbestimmtes Schicksal, 37 Prozent an die Kraft des Universums und 37 Prozent daran, dass alles mit allem verbunden ist. Vorstellungen dieser Art fänden sich sowohl bei religiösen als auch nicht religiösen Personen. Dass aber Unterschiede je nach Weltsicht bestehen, zeigt deutlich die Zustimmung zum Glauben an Schicksal. Während Menschen, die sich dem Islam oder dem Katholizismus zuordnen, eher angaben, an das Schicksal zu glauben, sei die Zustimmung bei Menschen evangelischer Konfession, Atheisten und Agnostikern deutlich geringer als im Schnitt, so Rohs. Auffällig sei, dass ein Großteil der Personen, die an Schicksal glauben, dieses positiv sehen - für den Theologen „keineswegs selbstverständlich“.

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