Literatur aus China

Wie schaut ein Dämonenkönig aus?

Die „Vollständige Überlieferung von den Ufern der Flüsse“ spielt zur Zeit der Sòng-Dynastie (960-1279).
Die „Vollständige Überlieferung von den Ufern der Flüsse“ spielt zur Zeit der Sòng-Dynastie (960-1279).WireStock/Pond5 Images/Imago
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Ein Klassiker der chinesischen Literatur liegt nach sieben Jahren Übersetzungsarbeit vor: „Die
vollständige Überlieferung von den Ufern der Flüsse“ ist ebenso hochinteressantes Sittenwimmel­bild wie action­geladener Abenteuerroman.

Exakt 1879 Seiten und 1,9 Kilo Gewicht hat das jüngst bei Suhrkamp/Insel erschienene Buch „Vollständige Überlieferung von den Ufern der Flüsse“, auf Chinesisch „Shui hu quan zhuan“. Das Original entstand im 14. Jahrhundert und gehört heute noch zu den vier großen Romanen der chinesischen Literatur, zum innersten Kreis der Klassiker. Die schriftliche Version wird zwei Autoren zugeschrieben: Shi Nàinan und Luo Guànzhóng. Die Geschichten stammen ursprünglich aus mündlicher Überlieferung und wurden im Laufe der Jahrhunderte erweitert und umgeformt. Vom Buch existieren im Chinesischen Fassungen mit unterschiedlichem Umfang, mit etwa 70, 100 oder 120 Kapiteln, sowie einfachere Textfassungen, die dafür reich bebildert waren. Die Bedeutung des Buchs speist sich einerseits aus seiner Historie, als einer der ersten in chinesischer Umgangssprache geschriebenen Romane, andererseits aus seinem Inhalt: Es geht um den Aufstand kleinerer Leute gegen die korrupte Oberklasse. Was im Buch passiert, könnte der deutschsprachigen Leserschaft bekannt vorkommen, denn bereits 1934 übertrug Franz Kuhn eine Version des Textes unter dem Titel „Die Räuber vom Liang Shan Moor“ erstmals ins Deutsche. Die nun vorliegende Version wurde von dem Sinologen Rainald Simon, der Übersetzer und Lehrbeauftragter an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main ist, übersetzt. Er hat bereits das „Daodejing“, das „Buch der Wandlungen“ („Yijing“) und das „Buch der Lieder“ („Shijing“) übertragen, ist also bestens vertraut mit der klassischen chinesischen Literatur.

107 Männer und eine Frau

Wer bei den „Räubern“, um die es geht, an ein Dutzend Gestalten à la Robin Hood denkt (mit dem sie auch oft verglichen werden), sei daran erinnert, dass es sich hier um ein Buch chinesischer Dimensionen handelt. So werden die Schicksale von nicht weniger als 107 Männern und einer Frau (jawohl, genau einer), Anführer einer Rebellenarmee, dargestellt, die am Ende um die 30.000 Gefolgsleute haben. Das Personenregister der „Überlieferung“ umfasst ganze 59 Seiten.

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