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Lokalkritik: Hitze, Safran, Engelshaar im Orientable

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Sechzig Grad zeigt das Thermometer auf dem Handyfoto an, das der junge Kellner herumreicht, er hat es aus seinem Herkunftsland, dem Iran, bekommen. Die Hitze ist im Orientable in der Währingerstraße immer wieder ein Thema. Der Kellner kommt auffallend oft mit einem verschmitzt-verschwörerischen Lächeln zum hintersten Tisch und hofft, dass die Gäste mit einer extra-umständlichen Bestellung mitspielen und seine Verweildauer in dieser Ecke um ein paar Augenblicke verlängern – die Lüftung bietet nämlich hier Kühlung feil, bis sie irgendwann „wegen der Hausverwaltung“ wieder abgeschaltet werden muss.

Der Gastgarten auf der Straße war zu Redaktionsschluss „morgen“ fertig, der Tandur-Ofen in der offenen Küche arbeitet für das hauseigene Lavash, Blasen werfende große Teigfladen, naturgemäß mit ordentlich Hitze, so wie auch der Grill, von dem etwa richtig köstlich gewürzte Spieße aus Rindsfaschiertem und Lammkoteletts kommen.

Die üblichen Verdächtigen

Die kalten und warmen Mezze sind allesamt sehr gut, bemängeln könnte man, dass es nichts anderes gibt als die immergleiche Auswahl. Also etwa das rauchige grobe Melanzanipüree Baba Ghanoush und Mutabal, seinen mit Hummus und Joghurt ergänzten, am Gaumen kühler wirkenden Cousin. Weiters den im Orientable Tabulla genannten frisch-sauren Petersiliensalat (die deutschen Schreibweisen all der nahöstlichen Varianten sind ein kniffliges Thema), gefüllte Weinblätter, Tsatsiki, Hummus mit klein geschnittenem Lammfleisch und Pinienkernen sowie tolle Kibbeh, fleischgefüllte, gewürzduftende frittierte Bulgur-Rugbys (Vorspeisen 5 - 9,50 Euro).

Persische Eintöpfe und die schon erwähnte Hitze – das klingt vielleicht nach keiner guten Kombination, Qorme Sabzi aber sollte man nicht versäumen: Lammfleisch und rote Bohnen in einer bockhornkleesatten Kräutersauce, deren tiefdunkles Grün auf lange Schmorzeit hinweist, gewürzt unter anderem mit getrockneten schwarzen Limetten (16 Euro, auch vegan zu haben).

Wie wäre es mit Stoppelgeld?

Spektakulär ein Gericht, das aussieht wie ein gebackenes Minizirkuszelt (25 Euro): Quzi Sham, geschmorte Lammhaxe, die mit Safranreis (dessen Lockerheit ist im Iran Ehrensache), Fadennudeln, Rosinen und Pistazien in einen Teigmantel gehüllt und noch einmal der Hitze ausgesetzt wird. Mit das Beste daran: der dunkel gebackene Boden, der die Fleischsäfte aufgesogen hat. Dazu gibt es Okraschotenragout. Wer unter Baklavaphobie leidet, greift zu Kunafah, einem kaum süßen, mit Salzlakenkäse gefüllten knusprigen Engelshaar-Küchlein mit einer Kugel leichtem Safran-Rosenwasser-Eis. Die herzige Weinauswahl harrt der Überarbeitung – oder warum nicht Stoppelgeld bei mitgebrachten Flaschen etablieren, wie es das marokkanische L‘Orient im zweiten Bezirk anfänglich getan hat?

Info

Orientable, Währinger Straße 154, 1180 Wien, +43 664 3955555, Di-So: 11:30-21:30 Uhr. Mehr Kolumnen auf: DiePresse.com/lokalkritiken

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