Kindergärten

Elementarpädagogik: Öffnet sich nun endlich ein Fenster für Veränderung?

Natascha Taslimi (Netzwerk Elementarbildung) bemüht sich um bessere Arbeitsbedingungen für Pädagoginnen.
Natascha Taslimi (Netzwerk Elementarbildung) bemüht sich um bessere Arbeitsbedingungen für Pädagoginnen.Clemens Fabry
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Mit dem Kindergartenjahr endet auch die Legislaturperiode. Experten wollen das Momentum für Verbesserungen bei der Bildung der Kleinsten nutzen.

Darüber, wie wichtig die Bildung im Kleinkindalter ist, gibt es in Österreich seit Jahren und Jahrzehnten breiten Konsens. Viel weitergegangen ist in diesem Bereich dennoch nicht, die Herausforderungen sind sogar gewachsen. Jetzt aber, sagt Bildungsexperte Daniel Landau bei einem Treffen mit Interessensvertretern aus der Elementarpädagogik am Montag, sei gerade wieder ein Fenster für Veränderung aufgegangen: Am 29. September wird gewählt – zu einem Zeitpunkt, an dem sich alle Parteien einig darüber sind, dass im elementarpädagogischen Bereich etwas passieren muss. So viel Einigkeit ist bei einem Bildungsthema in Österreich sonst bekanntlich selten.

Auch die Forschung untermauert das. Die Grundlage dafür, dass Kinder später in der Schule ihre Potenziale mobilisieren können, würde schon in den ersten drei Lebensjahren gelegt, sagt Neuro- und Kognitionswissenschafterin Isabella Sarto-Jackson. Jene Synapsen, die häufig genutzt werden, werden dann im Hirn stabilisiert. „Nach dem Prinzip ,use it or lose it‘“, erklärt sie. Grundlagen für einen erfolgreichen Bildungsweg seien emotionale Intelligenz, intrinsische Motivation, Neues zu lernen, soziales Miteinander und sozioökologische Empathie.

Das Ziel, sagt Natascha Taslimi, Vorsitzende des Netzwerks Elementare Bildung Österreich und Initiatorin des Treffens, müsse sein, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Elementarbildung auf die gesellschaftlichen, geopolitischen, technologischen und umweltpolitischen Herausforderungen reagieren kann.

Wie aber soll das konkret gelingen? Melina Schneider, Leiterin der Abteilung Bildung der WKO, führt etwa die Verbesserung der Öffnungszeiten und österreichweit einheitliche Qualitätsstandards bei der Kinderbetreuung an. Beides ist aktuell regional sehr unterschiedlich. Außerdem setzt sich die Wirtschaftskammer für eine Ausbildungsoffensive des Personals in der Elementarpädagogik auf den unterschiedlichen Ebenen ein – mit und ohne Matura. Für Vor- und Nachbereitung der Arbeit mit den Kindern soll es eigene Zeitfenster geben. Aktuell muss das meist parallel zur Arbeit in der Gruppe passieren. Bei Bedarf sollen auch verstärkt interdisziplinäre Teams, etwa Psychologen, zum Einsatz kommen. Landau regt außerdem an, dass zumindest die finanzielle Letztverantwortung für die Elementarpädagogik im Bildungsministerium liegen soll, die aktuellen föderalen Strukturen seien hier nicht förderlich.

Achtfache Rendite

Die Industriellenvereinigung (IV) macht darauf aufmerksam, dass Verbesserungen im Bereich der Kinderbildung wichtig für den Standort wären. So sei etwa die hohe Teilzeitquote der Frauen vor allem fehlenden oder unzureichenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten geschuldet. „Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels brauchen die Unternehmen die Frauen“, sagt Gudrun Feucht, Bereichsleiterin für Bildung und Gesellschaft der IV. Aus diesem Grund setzt sich die IV für einen Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz ab dem ersten Geburtstag ein. Aus dem Familienministerium machte man hingegen stets darauf aufmerksam, dass ein Rechtsanspruch nichts bringe, solang das entsprechende Angebot nicht ausgebaut sei – ein „Henne-Ei-Problem“ gewissermaßen. Feucht macht auch auf die volkswirtschaftlichen Folgen einer verbesserten Elementarpädagogik aufmerksam: Jeder investierte Euro rentiere sich um das Achtfache.

Zentral ist auch die Frage der Sprachförderung in der (früh-)kindlichen Bildung. Als Best-Practice-Beispiel nennt Taslimi den Interkulturellen Bildungsgarten Graz. Er befindet sich in einem Bezirk, in dem viele Familien Migrationshintergrund haben. Kindergartenleiterin Sandra Meiser-Lang erklärt, sie achte darauf, dass etwa die Hälfte der Kinder Deutsch als Muttersprache hat, sonst aber werde Deutsch nicht extra unterrichtet, die Kinder würden voneinander Deutsch lernen. Auch Landau hält es für „grob fahrlässig“, Kindern im Kindergarten ihre Erstsprache zu verbieten. Sie ordentlich zu beherrschen, sei wichtig, um auch Deutsch zu lernen, sagt er.

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