Reality-Serie

„Kaulitz & Kaulitz“ auf Netflix: Mäuse, Männer, Sauce shoppen

Bill und Tom Kaulitz haben eine Serie.
Bill und Tom Kaulitz haben eine Serie.Courtesy of Netflix 2024
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Fast zwei Jahrzehnte ist es her, dass der Hit „Durch den Monsun“ von Tokio Hotel durch die Decke gegangen ist. Er hat den Grundstein für ein recht glamouröses Leben der Interpreten gelegt, dem man nun per Reality-Serie nachgeht.

Für Jugendsprech sind die Kaulitz-Zwillinge Bill und Tom eigentlich ein bisserl alt, „Maus“ rufen sie sich trotzdem penetrant gegenseitig, wie es die ganz Jungen es heute tun. 34 Jahre alt sind die beiden, der Durchbruch ihrer Band Tokio Hotel mit „Durch den Monsun“ ist knapp 19 Jahre her, trägt aber immer noch Früchte. Wieder vermehrt sogar. Sie haben kürzlich eine Reality-Serie auf Netflix lanciert, „Kaulitz & Kaulitz“, gewähren dort Einblicke ins zumindest vermeintlich Private. Wohl nach dem teureren Vorbild „The Kardashians“, wo seit Jahren schon der Alltag des superreichen Clans gezeigt wird.

Ähnlich machen es nun die beiden Magdeburger. 2010 sind sie nach Los Angeles gezogen, oder vielmehr geflohen. Zu arg haben sie in Deutschland polarisiert: Von Fans und Stalkern wurden sie belagert, von Gegnern bedroht. In ihr Haus wurde eingebrochen als sie gerade durch Asien tourten. In den USA hat es sich da schon deutlich leichter leben lassen, als Sonderling wie Bill Kaulitz einer war, mit schwarzgefärbtem Haar und dickem Kajal ums Auge. Sicher auch, weil dort kaum einer die Kaulitz-Zwillinge gekannt hat. Und, weil in L.A. sowieso jede und jeder irgendetwas ist.

Heidi K. gibt die Ehefrau

Heute ist der Frontsänger der Band blond und quietschfidel. Musste er früher seine Liebe für Männer auch auf Anraten seines Managements verstecken – das zeigt die Serie nachdrücklich im Rückblick – gibt er sich heute als queere Ikone, und wird als diese von vielen gefeiert. Er wirkt gelöst, wenn auch ab und zu ein bisserl einsam. Ganz gewollt betont man in der Serie den markanten Unterschied der beiden Zwillinge, Bill Kaulitz als Einzelgänger und Lebemann (wenngleich er sich eben eine Beziehung wünschen dürfte), Tom Kaulitz (übrigens längst ohne Dreadlocks) als Stiefvater und Ehemann einer gut bekannten Frau, Heidi Klum. Oder, wie sie sich ganz offiziell in der Serie vorstellt: Heidi Kaulitz. Ohne jeglichen Verweis auf die eigene Karriere.

Bill und Tom Kaulitz, mit Bandkollegen Georg Listing und Gustav Schäfer im Jahr 2006.
Bill und Tom Kaulitz, mit Bandkollegen Georg Listing und Gustav Schäfer im Jahr 2006. IMAGO/Fairlight / Avalon

Ihre Auftritte in der Serie beschränken sich aufs Minimum, hier ein Anruf, da ein Interview-Schnipsel, der ein wenig mehr über die Zwillinge verraten soll. Viel Einblick gewährt das Paar in die Beziehung nicht, auch ins gemeinsame Haus haben Netflix und Publikum keinen Zutritt. Gefilmt wird mitunter bei Bill daheim, in einem schicken Kleinod zwischen Kiefern, inmitten der Hollywood Hills. Immer wieder fragt man sich, woher das ganze Geld denn kommt, spätestens dann, wenn Bill zum „shopping“ ausrückt, sich gänzlich dem kapitalistischen Freiheitsversprechen der USA hingibt („Geld muss rein und raus“, das sei das geilste Gefühl).

Kaulitz‘ mysteriöses Vermögen

Tokio Hotel touren schon noch – in Originalbesetzung sogar, mit Georg Listing und Gustav Schäfer – aber bespielen mit ihrem Synthiepop heute nicht mehr die ganz großen Locations, eher Arenen mit mittlerem Fassungsvermögen von rund 4000 Menschen. Nebenher haben die Zwillinge einen Podcast, „Kaulitz Hills – Senf aus Hollywood“, wo sie schwadronieren (seit zwei Jahren wöchentlich), immer wieder reisen sie fürs Privatfernsehen nach Deutschland (letztes Jahr für „The Voice of Germany“) und zwischenzeitlich gibt man sich für Werbedeals her (kürzlich war das eine McDonald’s-Kampagne). Da wird schon was zusammenkommen. Ob das ein Vermögen von 20 Millionen Euro ergibt, wie es im Netz kursiert? Bill hat im Podcast indirekt dementiert (Beim googeln nach seinem Vermögen kämen „die wildesten Zahlen“).

Auf all ihren Kanälen wird freilich ganz emsig quervermarktet, im Podcast auf die Serie, in der Serie auf den Podcast, beiderseits auf die Tour. So voll, wie der Terminkalender beschrieben wird, wirkt er trotzdem nicht. „Kaulitz & Kaulitz“ folgt Bill mit entzündetem Fingernagel zum Arzt, Tom geht Barbecue-Sauce einkaufen. Das kann erfrischend sein, mündet aber immer wieder in langatmigen Episoden.

In der internationalen Presse lachen sich die Kulturjournalisten übrigens ins Fäustchen. „Wir sind vielleicht die berühmtesten Zwillinge der Welt“, sagen die beiden ganz zu Beginn der ersten Folge. Das sagen „zwei Leute, von denen ich noch nie gehört hatte, bis ihre Show auf Netflix erschien“, schreibt einer im „Telegraph“. Aber geschaut hat er’s.

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